Wenn der eigene Bruder kurz vor Heiligabend bei einem Autounfall stirbt
Heute vor sieben Jahren hat Schwester Rut-Maria Buschor (50) ihren Bruder verloren. Er kam bei einem Autounfall ums Leben. Ein Gespräch über Trauer an Weihnachten – und Hoffnung.
Raphael Rauch
Hat der Tod Ihres Bruders zwei Tage vor Heiligabend Ihren Blick auf Weihnachten verändert?
Äbtissin Rut-Maria Buschor*: Ich habe inzwischen einen Weg gefunden, damit umzugehen. Wir sind an Weihnachten ja auf Harmonie und Frieden bedacht – aber die Realität kann richtig brutal sein. Und genau das habe ich vor sieben Jahren massiv erfahren. Ich war nur noch am Weinen. Ich hätte als Organistin spielen sollen – konnte es aber nicht. Ich bin mir sicher: Einen Bruder oder eine Schwester bei einem Autounfall zu verlieren, ist immer schlimm. Aber kurz vor Weihnachten ist es besonders schlimm.
«Ich musste das Trauern lernen.»
Was hat Ihnen geholfen?
Buschor: Erst einmal: gar nichts. Da ist dieser Schmerz, den man zulassen muss. Und dann muss man sich Zeit geben. Es gibt auch keinen Zeitplan, nach dem Motto: Nach einem Jahr ist der Schmerz durch. Der Schmerz ist dann nämlich immer noch da. Ich musste das Trauern lernen. Und lernen, mit der Situation umzugehen.
Wie haben Sie das gelernt?
Buschor: Mit ganz viel Zeit. Zuerst war da der Schlag: Plötzlich ist mein Bruder nicht mehr da. Und mit der Zeit realisiere ich: Da ist nicht nur die grosse Lücke. Trauern heisst zu lernen: Die Menschen sind nach wie vor unter uns, nur eben auf einer anderen Ebene. Ich spüre fest, dass ich und mein Bruder nach wie vor verbunden sind. Ich habe ein Foto von meinem Bruder. Manchmal schaue ich ihn ganz bewusst an und sage ihm dann auch: Möchtest du wieder mit mir chiflä?
«Meine Mutter kümmert sich auch um die Katze.»
Wie ist Ihre Familie mit der Trauer umgegangen?
Buschor: Für uns alle war es sehr, sehr schwierig. Was mich tröstet: Die Lebensgefährtin meines verstorbenen Bruders hat nach wie vor einen guten Draht zu meiner Schwester und meiner Mutter. Sie sehen sich immer wieder, sie wohnen im selben Haus. Meine Mutter kümmert sich auch um die Katze, die meinem Bruder und seiner Lebensgefährtin gehört hat, wenn sie in die Ferien geht.
An Heiligabend am Christbaum wird die Lücke besonders sichtbar, die eine Person hinterlassen hat. Was raten Sie trauernden Menschen, die Angst vor Weihnachten haben?
Buschor: Jeder Mensch geht anders mit der Lücke um. Es kann helfen, ein Foto unter den Christbaum zu stellen. Oder einen Gegenstand, den die verstorbene Person gerne gehabt hat. Es kann auch helfen, mit der Person am Christbaum zu sprechen, sie in die Mitte zu nehmen – oder Erinnerungen auszutauschen. Dafür gibt es kein Allgemeinrezept – jeder Mensch trauert anders.
«Wir müssen auch richtig wütend auf Gott sein.»
Hadern Sie seit dem Tod Ihres Bruders öfter mit Gott als sonst?
Buschor: Zu Beginn natürlich mehr. Langsam hat es sich gelegt. Aber auch sonst ist das Leben ja nicht perfekt. Wir müssen auch richtig wütend auf Gott sein – wie in den Psalmen. Ich habe als Benediktinerin den Vorteil, dass wir viele Psalmen beten. Wer damit nicht so viel anfangen kann, der kann einfach mit Gott reden und auch mit ihm schimpfen. Man kann Gott alles sagen – auch, dass man ihn absolut nicht versteht. Es ist wichtig, über seine Gefühle zu sprechen – auch mit Gott. Auch wenn es schwerfällt.
Ist Ihr Bruder im Himmel?
Buschor (lacht): Ich weiss es nicht. Er ist dort angekommen, worauf unsere Hoffnung verweist. Ich weiss aber nicht, wie das konkret aussieht.
«Trauernde möchten nicht alleine gelassen werden.»
Mit der Distanz von sieben Jahren: Was haben Sie über das Trauern noch gelernt?
Buschor: Trauernde möchten nicht alleine gelassen werden. Man muss nicht immer grosse Worte machen. Manchmal hilft ein kleines Zeichen: «Ich denke fest an dich.» Nach einem halben Jahr sagen die Menschen oft nichts mehr.
Vielleicht auch aus der Angst heraus, etwas Falsches zu sagen oder Schmerz zu triggern. Manche Trauernde wollen auch bewusst abgelenkt werden.
Buschor: Das verstehe ich. Aber bei mir war es so: Ich kann den Tod nicht einfach abhaken. Der Schmerz ist immer noch da, auch wenn ich gelernt habe, damit umzugehen. Und wenn jemand auch nach längerer Zeit gesagt hat: «Mir fehlen die Worte», dann ist das sehr ehrlich und trotzdem sehr empathisch. Mir hat das sehr gutgetan. Oder Gesten wie: «Ich denke an dich». Das gibt ganz viel Kraft und macht Hoffnung.
* Rut-Maria Buschor (50) ist Äbtissin des Klosters St. Andreas in Sarnen.
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