Wo steht die Befreiungstheologie heute? – Josef Estermann antwortet
Luzern, 15.5.15 (kath.ch) «Für mich vertritt Gutierrez die klassische Befreiungstheologie der ersten Stunde», sagt der Theologe Josef Estermann im Interview mit kath.ch am Freitag, 15. Mai. Er ist Bildungsleiter des Bildungszentrums der Bethlehem Mission Immensee, dem «Romerohaus», in Luzern. Mit Gustavo Gutierrez trat am 12. Mai erstmals ein Vertreter der Befreiungstheologie an einer Pressekonferenz im Vatikan auf. Beobachter sprechen von einer Rehabilitierung der Befreiungstheologie.
Ohne Befreiungstheologie wäre ein Phänomen wie Franziskus nicht denkbar, sagt Estermann. Gutierrez war noch stark von der akademischen Theologie Europas geprägt. Er habe sich kaum mit den unterschiedlichen Ausprägungen in feministischer, indigener oder afroamerikanischer Perspektive auseinandergesetzt, wie dies etwa Leonardo Boff getan habe.
Die Befreiungstheologie besitze trotz verändertem Weltkontext eine bleibende Bedeutung. Im Norden gebe es aber noch immer Theologen, welche «moderne Theologie» mit einer in Europa etablierten akademischen Theologie einsetzten. Dies bezeichnet Estermann als «Ausdruck europäischer Borniertheit und eines tief sitzenden Eurozentrismus». Nach der klassischen, feministischen und indigen-ökologischen Befreiungstheologie macht Esterman eine weitere aus, und zwar jene, die sich mit dem «Konsumismus» befasst.
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Georges Scherrer
Mit Gustavo Gutierrez trat am Dienstag, 12. Mai, erstmals ein Vertreter der Befreiungstheologe an einer Pressekonferenz im Vatikan auf. Was bedeutet sein Erscheinen im Vatikan für Sie?
Josef Estermann: Nachdem die lateinamerikanische Befreiungstheologie während Jahrzehnten im Visier der Glaubenskongregation gestanden hatte und verschiedene Vertreter (Leonardo Boff, Jon Sobrino, José María Vigil, usw.) gemassregelt wurden, scheint unter Papst Franziskus in dieser Beziehung ein Tauwetter einzusetzen. Gustavo Gutierrez, der «Vater» der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, wurde ja selbst noch in den 1980er Jahren vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, zu einer «Klärung» und «Richtigstellung» einiger seiner theologischen Positionen aufgefordert.
Sein öffentlicher Auftritt von Dienstag an einer Veranstaltung des Vatikans, der Generalversammlung von Caritas Internationalis, hat sicherlich eine grosse symbolische Bedeutung. Auch wenn die Befreiungstheologie als solche niemals formal vom Vatikan geächtet wurde, bedeutet dieser Auftritt doch eine Art «Rehabilitierung», nicht nur für Gustavo Gutierrez , sondern für die vielen Menschen in Lateinamerika und darüber hinaus, die ihren Glauben und ihr Leben im Sinne des Kampfes für eine ganzheitliche Befreiung von Unterdrückung und der «strukturellen Sünde» verstehen.
Wie stehen Sie zu Gustavo Gutierrez und seiner Theologie?
Estermann: Gutierrez gilt zwar als «Vater» der Befreiungstheologie, aber den Begriff hat eigentlich der evanglische brasilianische Theologe Rubem Alves schon zwei Jahre vor dem Erscheinen von Gutierrez’ «Theologie der Befreiung» (1971) geprägt. Die Befreiungstheologie war von allem Anfang an eine Angelegenheit der kirchlichen Basisgemeinschaften. Die akademisch gebildeten Theologen (anfänglich waren es ausschliesslich Männer) haben bloss die Glaubenspraxis der einfachen Leute systematisch reflektiert und einem grösseren Publikum zugänglich gemacht.
In diesem Sinne war das Werk von Gutierrez entscheidend und hatte Pioniercharakter. Er hat niemals die Konfrontation gesucht und sich einer solchen entzogen, indem er in den Dominikanerorden eingetreten ist, als ihm der Erzbischof von Lima zugesetzt hat. Für mich vertritt Gutierrez die «klassische» Befreiungstheologie der ersten Stunde (1970er und 1980er Jahre), die aber trotz der Neuheit noch stark von der akademischen Theologie Europas geprägt war. Er hat sich in der Folge kaum mit den unterschiedlichen Ausprägungen in feministischer, indigener oder afroamerikanischen Perspektive auseinandergesetzt, wie dies etwa Leonardo Boff getan hat. Seine Freundschaft mit Gerhard Müller, dem heutigen Präfekten der Glaubenskongregation, erschien mir von allem Anfang an als rätselhaft, da dieser im Grunde genommen ein konservativer Theologe ist.
Verstehen Sie sich als Befreiungstheologe?
Estermann: Es ist nicht ganz unproblematisch, sich als europäisch gebildeter Theologe im Sinne der Befreiungstheologie zu verstehen. Meine theologische Tätigkeit in Lateinamerika (mit einem Unterbruch von 1990 bis 2012) stand aber ganz im Zeichen der Befreiungstheologie, auch wenn ich vor allem die indigenen Theologien im Blick hatte.
Für mich waren die verschiedenen hermeneutischen Verschiebungen der «klassischen» Befreiungstheologie (feministisch, indigen, ökologisch, afroamerikanisch, usw.) entscheidend, weil damit das abstrakte Subjekt der «Armen» konkreter und fassbarer wurde. Zudem sehe ich die Kontextualisierung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie im afrikanischen und asiatischen Raum als eine wichtige Weiterentwicklung und Konkretisierung.
Was kann der Mensch von heute aus der Befreiungstheologie schöpfen?
Estermann: Die Befreiungstheologie besitzt trotz verändertem Weltkontext eine bleibende Bedeutung, nämlich in der Zurückweisung eines auf ein individuelles Jenseits ausgerichteten Heils und eines fatalistischen Erduldens von Armut, Diskriminierung und Exklusion. Die theologische Übersetzung von «Erlösung» im Sinne eines befreienden Handelns Gottes hat auch im Zeitalter der Postmoderne ihre Gültigkeit und bildet eine kritische Spitze sowohl gegen jenseitige Vertröstung wie diesseitige Beliebigkeit.
Hat die Befreiungstheologie in der modernen Theologie Spuren hinterlassen?
Estermann: Leider gibt es noch immer Theologen und Theologinnen im Norden, die die so genannte «moderne Theologie» mit einer in Europa etablierten akademischen Theologie einsetzen und alle Versuche nicht-abendländischer kontextueller Theologien als «uneigentliche» oder «unseriöse» Theologien qualifizieren. Dies ist Ausdruck europäischer Borniertheit und eines tief sitzenden Eurozentrismus.
Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat in der südlichen Hemisphäre markante Spuren hinterlassen, sei es in Lateinamerika selber, sei es in Afrika, Asien oder Ozeanien. Ohne Befreiungstheologie wäre auch ein Phänomen wie Franziskus nicht denkbar, auch würde er sich niemals als «Befreiungstheologe» bezeichnen. Grundsätzlich geht es sowieso nicht darum, ob sich jemand als «Befreiungstheologe», «Befreiungstheologin» oder eine gewisse Position sich als «befreiungstheologisch» bezeichnen, sondern um die befreiende Funktion theologischen Sprechens und Reflektierens.
In diesem Sinne muss sich europäische Theologie mehrheitlich noch immer von ihrer eigenen Verblendung «befreien» und nicht weiterhin auf der Universalität ihrer zwar sehr reichhaltigen und grossartigen, aber eben auch sehr kontextuellen Tradition beharren.
Hat die Befreiungstheologie in der modernen Welt des überbordenden Konsums ausgelebt oder zeitigt sie deutliche Spuren?
Estermann: Wir erleben heute eine gewisse Renaissance der Befreiungstheologie, und zwar in der vierten Phase (nach der klassischen, feministischen und indigen-ökologischen). Es geht gerade um die Reflexion einer neuen und diesmal globalen Art von «Unterdrückung» durch einen allmächtig scheinenden Markt und den daraus folgenden Konsumismus. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese zeitgenössische Befreiungstheologie auch den ursprünglichen Gegensatz von «reichem Norden» und «armem Süden» aufzulösen beginnt und das kapitalistische Wirtschaftsmodell und dessen katastrophale Folgen für Zweidrittel der Menschheit und die Natur insgesamt in Frage stellt.
Ich zähle auch die verschiedenen Äusserungen von Papst Franziskus zu dieser neuen Form der Befreiungstheologie. Sie übersteigt zudem immer mehr das Christentum und zieht das befreiende Potenzial anderer Religionen mit ein. Es ging und geht aber bei der Befreiungstheologie nie um ein paar «berühmte» Namen, sondern um eine Glaubens- und Lebenspraxis, die sich der umfassenden Befreiung von den «Götzen» unserer Zeit und unterdrückerischer Strukturen verschrieben hat. In diesem Sinne können sogar die zivilgesellschaftlichen Gegenbewegungen wie die Antiglobalisierungsbewegung, die Indignados oder die Occupy-Bewegung, aber auch das Weltsozialforum oder die Décroissance-Bewegung als befreiungstheologische Basisbewegungen angesehen werden. (gs)
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