Schweiz

Zermatt pfeift aufs Gesangsverbot

Seit Mittwoch ist Gesang in der Öffentlichkeit verboten – auch in Gottesdiensten. Nur Profi-Musiker oder liturgische Personen dürfen singen. Die St. Mauritius-Gemeinde in Zermatt setzt sich über die Regel hinweg. Auch andernorts im Wallis regt sich Widerstand.

Raphael Rauch

«Wir sagen euch an, den dritten Advent…» Dieses Lied ist in der Adventszeit obligatorisch – zu finden unter Nummer 299 im Kirchengesangbuch. Die meisten Pfarreien haben am Wochenende aber darauf verzichtet.

St. Mauritius-Kirche in Zermatt

Schliesslich hat der Bundesrat verfügt: Der Gesang ist in Corona-Zeiten viel zu gefährlich. Nur liturgisches Personal oder Profi-Sänger dürfen in Gottesdiensten singen – nicht aber die Gemeinde.

Knapp 50 Menschen in der Vorabendmesse

Samstagabend in Zermatt. Die Nacht liegt über dem wolkenbedeckten Skiort. Knapp 50 Menschen kommen in die St. Mauritius-Kirche zur Vorabendmesse. In den Altarraum ziehen Pfarrer Stefan Roth, Vikar Milad Zein und Pastoralassistentin Irmine Imseng ein.

Matterhorn und Mauritiuskirche: Stefan Roth ist Pfarrer in Zermatt.

Der Vikar ist frisch aus seiner Heimat Libanon zurückgekehrt. Nach der Explosion in Beirut hat er in der Schweiz Spenden für Notleidende gesammelt. Irmine Imseng ist an diesem Abend Predigerin, Kommunionhelferin und Ministrantin in Personalunion.

Der Pfarrer war früher Regens in Freiburg

Pfarrer Stefan Roth ist ein vernünftiger Mann. Früher war er Regens des Priesterseminars in Freiburg. Die Corona-Pandemie hat er von Anfang an umsichtig begleitet. Als das Tourismus-Marketing im Lockdown an ihn herantrat mit der Bitte, das Matterhorn an Ostern mit einer christlichen Botschaft zu beleuchten, sagte er sofort zu.

Im April wurden zwei Menschen auf das Matterhorn projiziert, die sich begegnen. «Auch wenn wir durch die Corona-Krise viele Einschränkungen haben, gibt es Chancen. Vermehrt für die Familie da zu sein, füreinander zu sorgen. Das erkläre ich alles in einem YouTube-Video«, sagte Roth damals kath.ch.

Gemeinde singt vier Lieder

Stefan Roth ist kein Mann wie Martin Piller. Der Zürcher Pfarrer von Maria Lourdes hielt sich nicht an die Corona-Massnahmen und sympathisierte mit Corona-Skeptikern auf Facebook. Doch auch Stefan Roth widersetzt sich in Zermatt den Vorgaben des Bundesrats.

Matterhorn und St. Mauritius-Kirche in Zermatt

Am Samstagabend kommt die Gemeinde in den Genuss schöner Lieder: «Wir sagen euch an, den dritten Advent…» macht den Anfang. Es folgen das Halleluja, das Sanctus und zum Schluss «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…»

«Ich will nicht provozieren»

Die Gemeinde singt kräftig mit – mit Maske. Eine Ordensschwester überträgt via Smartphone die Messe in ein Altersheim. Das Video ist online abrufbar – der Gesang ist im Video klar zu hören.

Das Kirchengesangbuch der Schweiz.

Warum verstösst der Pfarrer gegen die Corona-Vorgaben des Bundes? «Ich will weder die Vorschriften missachten noch provozieren», sagt Stefan Roth. «Unser Organist hatte bereits ein Programm für die Aufzeichnung der Messe für das Altersheim. In der vergangenen Woche habe ich in den Gottesdiensten den Gesang weitgehend vermieden. Vielleicht mal ein Halleluja oder Sanctus», sagt Roth.

Pfarrer von Visp kritisiert Gesangsverbot

«Wir haben in einer Sitzung das weitere Vorgehen besprochen und vor allem auch die Weihnachtsliturgie angedacht. Wir versuchen mit der Orgel und Einspielungen einen gangbaren Weg zu finden. Ab Montag soll es besser werden.»

Pfarrer Pascal Venetz

Stefan Roth ist nicht der einzige Pfarrer im Wallis, der Mühe hat mit dem Gesangsverbot. Am lautesten meldete sich bislang der Pfarrer von Visp zu Wort, Pascal Venetz.

Er nutzte die Messe an Mariä Empfängnis zu einem Rundumschlag gegen die Behörden. Er versteht nicht, warum in einer auf 900 Menschen ausgelegten Kirche nur 50 Menschen Gottesdienst feiern dürfen. Noch weniger hält er vom Gesangsverbot.

Gemeinde applaudiert

«Ich spreche nicht nur in meinem Namen, sondern auch im Namen unzähliger Pfarrer im Oberwallis, sicher auch im Unterwallis – und sicher auch von Seelsorgenden: Den Leuten zu verbieten, an Heiligabend Stille Nacht zu singen, das könnt ihr schon mal vergessen!», sagte Pfarrer Pascal Venetz an die Behörden gewandt.

Pfarrer Pascal Venetz, Visp

Dazu sagte er die Worte: «Ich wünsche euch weiterhin eine gesegnete Adventszeit.» Der Applaus seiner Gemeinde liess nicht lange auf sich warten. Wer einen Eindruck von diesem Pfarrer bekommen möchte, der viel couragierter wirkt als Bischöfe und RKZ zusammen, erhält auf YouTube ab Minute 1:04:00 einen Eindruck.

Bistum Sitten: Anordnungen müssen beachtet werden

Die Rede machte auf die Behörden Eindruck: «Die Polizei hat bereits vorsorglich beim widerspenstigen Pfarrer interveniert», schreibt die «Basler Zeitung». Sie zitiert den Chef der Regionalpolizei mit den Worten: «Der Pfarrer wurde auf die geltenden Vorschriften aufmerksam gemacht.»

Richard Lehner, Domherr und Generalvikar für den deutschsprachigen Teil des Bistums Sitten

Verständnis für das Unbehagen seiner Priester zeigt Richard Lehner, Generalvikar des Bistums Sitten. Trotzdem vertritt er eine andere Meinung. «Die Bistumsleitung hat am 7. Dezember 2020 in einem Schreiben an alle Seelsorgerinnen und Seelsorger auf das Singverbot hingewiesen», sagt Lehner.

Der Generalvikar ergänzt: «Wenn dieses Verbot nicht umgesetzt wird, dann muss ich das zur Kenntnis nehmen. Auch wenn ich Verständnis habe, werde ich mich auch weiterhin dafür aussprechen, dass man sich an die Anordnungen der kantonalen und eidgenössischen Behörden hält, sprich auf das Singen verzichtet.»


St. Mauritius-Kirche in Zermatt | © Raphael Rauch
14. Dezember 2020 | 05:00
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