Das Schlafzelt für Obdachlose des Sozialwerks Pfarrer Sieber am Uetliberg
Schweiz

Wo sich in Zürich Nächstenliebe für Obdachlose in Wärme verwandelt

Infolge der kalten Wintertemperaturen suchen wieder mehr Obdachlose in Zürich Unterschlupf in verschiedenen Notschlafstellen. Die Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber betreibt seit 2002 einen «Pfuusbus» für Obdachlose beim Uetliberg. Auffallend: Die Zahl der Übernachtungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Und: In Zürich gibt es sogar eine Kirche, in der Obdachlose übernachten können.

Wolfgang Holz

«Unser Pfuusbus und die Notschlafstellen am Uetliberg sind derzeit sehr begehrt», gibt Walter von Arburg, Kommunikationsverantwortlicher der Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber gegenüber kath.ch Auskunft. Ursprünglich konnten Obdachlose in der seit 2002 auf einem Sattelschlepperanhänger bereitgestellten Unterkunft ein Dach über dem Kopf bekommen. Nun hat das Sozialwerk Sieber seit einigen Jahren zwei Zelte neben dem Sattelschlepperanhänger aufgestellt, um Obdachlose unterzubringen.

46 Betten

«Wir verfügen über 46 Betten», sagt von Arburg. Dabei seien Betten für Frauen und Männer inzwischen getrennt eingerichtet. «Eines der beiden Zelte ist als Aufenthaltszelt für die obdachlosen Menschen vorgesehen, das andere ist das Schlafzelt.»

Obdachlose fassen Essen im Zelt des Sozialwerks Pfarrer Sieber.
Obdachlose fassen Essen im Zelt des Sozialwerks Pfarrer Sieber.

Die ursprünglichen Couchettes im Sattelschlepperanhänger werden mittlerweile als Lagerraum und als Ruheraum für die diensthabenden Mitarbeitenden des Sozialwerks Pfarrer Sieber genutzt. Im Anhänger befindet sich auch die Küche. «Stark psychisch angeschlagene Menschen können auch separat untergebracht werden», sagt von Aarburg.   

«Obdachlosenpfarrer» Ernst Sieber

Die Stiftung Sozialwerk wurde 1988 von Pfarrer Ernst Sieber gegründet. Auslöser war das Drogenelend auf dem Zürcher Platzspitz. Sieber, der 2018 im Alter von 91 Jahren starb, gründete damals Anlauf- und Notschlafstellen, ein Aids-Spital und Rehabilitationseinrichtungen.

Im Seegfrörni-Winter 1963 wurde eine breite Öffentlichkeit auf Ernst Sieber, den «Obdachlosenpfarrer», aufmerksam, als er in einem alten Bunker beim Helvetiaplatz in Zürich eine Unterkunft für Obdachlose einrichtete. Das Sozialwerk betreibt  heute in der Limmatstadt drei Notschlafstellen.

«In unseren Notschlafstellen nehmen wir nur Obdachlose auf, die nicht in der Stadt Zürich offiziell gemeldet sind.»

«Während wir unsere Notschlafstellen für Erwachsene von Mitte November bis Mitte April anbieten können, ist unsere Jugendnotschlafstelle mit ihren 10 Bettenplätzen ganzjährig geöffnet», erklärt Walter von Arburg. In Seebach verfügt das Sozialwerk Pfarrer Sieber ausserdem über das sogenannte «Iglu» – eine Schlafstelle für Arbeitsmigranten.

«In unseren Notschlafstellen nehmen wir nur Obdachlose auf, die nicht in der Stadt Zürich offiziell gemeldet sind», so der Kommunikationsverantwortliche. Die Stadt Zürich selbst verfügt über zwei eigene Notschlafstellen – getrennt nach Männern und Frauen – mit insgesamt 70 Betten. Auch die Heilsarmee bietet Übernachtungsmöglichkeiten an.

Der Sattelschlepperanhänger des Sozialwerks Pfarrer Sieber, in dem sich Räume für die Mitarbeitenden sowie ein Lager befinden.
Der Sattelschlepperanhänger des Sozialwerks Pfarrer Sieber, in dem sich Räume für die Mitarbeitenden sowie ein Lager befinden.

Obwohl die Stadt Zürich unterm Strich in Sachen Obdachlosenunterbringung im Vergleich mit anderen Schweizer Städten nicht schlecht dasteht (siehe Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz in der Box unten), so ist der Bedarf an Notschlafplätzen in Zürich in den letzten Jahren deutlich gestiegen, wie die Statistik des Sozialwerks Pfarrer Sieber klar ausweist.  

2024 sage und schreibe 7795 Übernachtungen

«Grundsätzlich hängt es von der Witterung ab, wie stark unsere Notschlafstellen frequentiert werden», sagt der Kommunikationsverantwortliche. Es sei allerdings nicht zu übersehen, dass die Zahl von Obdachlosen vor allem in den vergangenen drei Jahren stark zugenommen habe.

«Was die Belegung unserer Notschlafstellen angeht, registrierten wir im Jahr 2002 noch 1334 Übernachtungen», so von Arburg. 2024 seien es sage und schreibe 7795 Übernachtungen gewesen. 2022 waren es 4890 Übernachtungen. «Über die Gründe für diese Zunahme können wir nur mutmassen, Daten und erhärtete Fakten fehlen uns», so von Arburg.

«E Nacht schänke» in der Kirche

In Zürich gibt es sogar eine Kirche, in der Obdachlose übernachten können. Und zwar in der evangelisch-methodistischen Kirche im Zürcher Kreis 4 an der Stauffacherstrasse 54. Die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) wurde im 18. Jahrhundert von John Wesley, einem englischen Pfarrer (1703-1791), gegründet. Sie ist mittlerweile auf allen Kontinenten vertreten und engagiert sich in der Schweiz als Freikirche lokal und international in der Ökumene. In der Kirche in Zürich können jeweils mittwochabends Obdachlose in der Kirche schlafen.

Die evangelisch-methodistische Kirche in Zürich im Kreis 4 nimmt jeden Mittwoch Obdachlose auf.
Die evangelisch-methodistische Kirche in Zürich im Kreis 4 nimmt jeden Mittwoch Obdachlose auf.

«E Nacht schänke» – so nennt sich bei uns das Angebot für obdachlose Menschen – ist vor allem und zuallererst nicht als Service oder eine Art Dienstleistung zu verstehen, sondern, wie ich finde, im Grunde zentraler Ausdruck dessen, was Kirche im Kern sein soll: Räume für diejenigen zu öffnen, die sie am nötigsten brauchen», bekennt Pfarrerin Annegret Jende gegenüber kath.ch.

«Wo man als Mensch spürt: Ich bin willkommen. Ich werde gesehen.»

Die Kirche solle auf diese Weise zu einem Ort werden, so Jende, an dem man zur Ruhe komme, sich sicher fühle, einen warmen Schlafplatz habe. «Und wo man als Mensch spürt: Ich bin willkommen. Ich werde gesehen.» Nächstenliebe werde so in konkrete Wärme übersetzt. In ein Dach über dem Kopf. In eine freundliche Begrüssung am Abend.

Sozialdiakonische Arbeit

Die sozialdiakonische Arbeit der evangelisch-methodistischen Kirche, die heute als Verein «Netz4» organisiert sei, geht laut Pfarrerin Annegret Jende auf eine Erfahrung junger Menschen zurück, «die vor über 30 Jahren – noch zu Platzspitzzeiten – buchstäblich über einen Alkoholiker hinwegstiegen, der sich gerade am Abluftschacht auf den Kirchentreppen wärmte, um in die Kirche zu kommen».

Pfarrerin Annegret Jende
Pfarrerin Annegret Jende

Nach diesem Aha-Erlebnis der jungen Leute von damals sei recht schnell eine Gassenküche entstanden, der sogenannte Imbiss54 (»Spaghetti-Essen»), die bis heute ungebrochen von 80 bis 100 Gästen wöchentlich besucht werde. «Und in diesem Geist ist dann auch «E Nacht schänke» entstanden», so Jende.

15 Schlafplätze

«Wie viele Personen kommen, ist je nach Wetter und Saison unterschiedlich», erklärt die Pfarrerin. «Grundsätzlich haben wir 15 Schlafplätze. Gerade in der kalten Jahreszeit aber kann der Bedarf schnell viel höher werden.»

Zuvor können die obdachlosen Menschen im «Näh-Café», das mittwochs von 14 bis 16 Uhr stattfindet, ihre Kleidung, Schlafsäcke oder andere Dinge nähen, reparieren. Von 16 bis 21 Uhr ist es möglich im «Treff54» zu duschen, sich aufzuwärmen, gemeinsame Spiele zu machen oder Sozialberatung in Anspruch zu nehmen. «Gegen 18.30 Uhr gibt es dann ein warmes Znacht, und ab 21 Uhr können dann Menschen ohne Obdach in der Kirche übernachten», sagt Pfarrerin Annegret Jende. Am nächsten Morgen finde noch ein gemeinsames Zmorge statt, bis gegen 9 Uhr dann die meisten wieder ihrer Wege gehen würden.

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«Menschen kommen aus umliegenden Dörfern, aber auch aus anderen Kantonen, um hier in der Stadt Gebrauch machen zu können von den sozialen Angeboten, die es andernorts wahrscheinlich weniger gibt.»

Hat die evangelisch-methodistische Geistliche womöglich eine Erklärung für die Zunahme von obdachlosen Personen in Zürich? Pfarrerin Annegret Jende sieht sich in dieser Frage nicht als Expertin. Was ihr aber auffällt: Dass zum einen die Anzahl von Arbeitsmigranten zugenommen hat, sowohl spanischsprechender Personen wie auch von Personen aus Osteuropa. Und dass andererseits Zürich eine Art Zentrumsfunktion habe. «Menschen kommen aus umliegenden Dörfern, aber auch aus anderen Kantonen, um hier in der Stadt Gebrauch machen zu können von den sozialen Angeboten, die es andernorts wahrscheinlich weniger gibt.»

In Genf leben die meisten Obdachlosen

Die Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz machte eine Studie zur Obdachlosigkeit in der Schweiz. Die Studie fand zwischen 2020 und 2022 und damit während der Corona-Pandemie statt. Die Untersuchung basiert auf einer quantitativen Face-to-Face-Befragung von Menschen ab 18 Jahren in acht Städten der Schweiz. Bei der Auswahl der Städte wurde darauf geachtet, dass möglichst einwohnerstarke Gemeinden berücksichtigt werden. Zudem sollten die drei grössten Sprachregionen der Schweiz berücksichtigt werden. Für die Studie wurden Zürich, Genf, Basel, Bern, Lausanne, Luzern und St. Gallen sowie Lugano einbezogen.

In den acht untersuchten Städten wurden insgesamt 62 Einrichtungen ausgewählt, die sich an Menschen richten, die ohne eine Wohnung sind. Als Befragungszeitpunkt wurde eine Erhebungswoche im Dezember 2020 definiert. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie mussten die Befragungen in Luzern und Zürich auf drei aufeinanderfolgende Tage im März 2021 verschoben werden.

Insgesamt wurden 1’182 Personen befragt. Davon waren 543 Personen bzw. 45,9 Prozent aller befragten Personen aktuell obdachlos: Von den 543 Obdachlosen hatten 209 Personen die vorherige Nacht (38,5 Prozent) draussen verbracht. 334 Personen (61,5 Prozent) waren obdachlos, weil sie in der Nacht vor der Befragung in einer Notschlafstelle übernachteten.

Die höchste Zahl von Obdachlosen wurde in Genf ermittelt. Auf 100’000 Einwohner (ab 18 Jahren) waren dort 210 Menschen obdachlos, in Lausanne waren es 150 Menschen pro 100’000 Einwohner. Es folgten mit grösserem Abstand die Städte Bern (58), Basel (46) und Lugano (38). Erst danach rangierte Zürich, die nach Einwohnerzahl grösste Stadt der Schweiz, mit 29 Obdachlosen pro 100’000 Einwohner. Luzern (11) und St. Gallen (8) wiesen im Städtevergleich die geringsten Zahlen von obdachlosen Personen auf. Eine Besonderheit besteht für die Stadt Lugano, die kein Hilfeangebot vor Ort besitzt. (woz)


Das Schlafzelt für Obdachlose des Sozialwerks Pfarrer Sieber am Uetliberg | © zVg
14. Januar 2026 | 17:00
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