Peter Lack
Schweiz

«Wir sind total schockiert»: Caritas Schweiz-Direktor über die katastrophale Lage in Syrien

Fast 13 Jahre lang dauerte der blutige Bürgerkrieg in Syrien. Vergangenen Dezember wurde das Assad-Regime gestürzt. Obwohl die Menschen nun neue Hoffnung schöpfen, präsentiert sich die humanitäre Lage als katastrophal – wie Caritas Schweiz-Direktor Peter Lack berichtet, der sich gerade in Syrien und im Libanon aufhält und verschiedene Projekte besucht.

Wolfgang Holz

Seit 2012 engagiert sich Caritas Schweiz mit Hilfsprojekten und -programmen in Syrien. Doch was sich den Helfern derzeit für ein Bild der humanitären Lage bietet, sprengt alle Vorstellungen. Peter Lack, Caritas Schweiz-Direktor weilt derzeit in Syrien und verschafft sich persönlich einen Eindruck von der Situation der Menschen vor Ort. Sein Live-Bericht in Form eines digitalen Mediencalls hört sich albtraumartig an.

Nur noch Schutt und Ruinen

«Wir sind wirklich total geschockt», erzählt Peter Lack. Es herrsche grosse Verzweiflung unter den Menschen. Das beginne mit dem massiven Ausmass der Zerstörung von Häusern und Städten. Das Caritas-Team macht sich aktuell ein Bild von der Lage und hat sich unter anderem nach Homs und in den Süden von Damaskus begeben.

«Trotzdem leben Menschen in ihren kaputten Häusern teilweise weiter – soweit dies möglich ist.»

«Während einer Autofahrt von 15 bis 20 Minuten Dauer haben wir nur völlig flach gelegte Stadtgebiete in Form von zerschossenen und zerbombten Häusern gesehen», beschreibt Lack. «Die Situation der Menschen ist katastrophal und sehr traurig.» Es fehle an allem: an fliessendem Wasser, Elektrizität, überall seien Schutt und Ruinen allgegenwärtig. «Trotzdem leben Menschen in ihren kaputten Häusern teilweise weiter – soweit dies möglich ist.» Die Menschen in Syrien seien völlig traumatisiert vom Krieg.

Notfallmässige Unterstützungen sind grosse Hilfe

Und dennoch scheinen Hoffnungsschimmer auf, so Lack. Viele Menschen seien dankbar für kleine notfallmässige Unterstützungen: Etwa, dass sie mit gespendetem Bargeld sich eine Gasflasche kaufen, um sich etwas zu kochen oder um Räume beheizen zu können. Um sich Nahrung zu kaufen. Die Präsenz und Hilfe von Hilfsorganisationen wie Caritas Schweiz sei deshalb nach wie vor mehr extrem wichtig.

Gebet unter Trümmern
Gebet unter Trümmern

Seit zwei Monaten hat sich in Syrien bekanntermassen ein neues politisches System etabliert. Bislang gibt sich der islamistische Übergangspräsident al-Scharaa moderat und verspricht, alle Gruppen einzubinden. Doch grosse Skepsis ist angebracht. Nicht zuletzt, was die Sicherheitslage betrifft.

«Es herrscht vor allem auch eine grosse Unsicherheit darüber, wie es weitergeht mit der Zivilgesellschaft.»

«Es handelt sich um eine lernende Regierung», betont Peter Lack. Indes sei die gesamte Sicherheitslage für die 25 Millionen Syrerinnen und Syrer sehr instabil. Nicht nur, dass es auch für die Bevölkerung extrem gefährlich sei, sich nachts auf den Strassen aufzuhalten. «Es herrscht vor allem auch eine grosse Unsicherheit darüber, wie es weitergeht mit der Zivilgesellschaft», sagt Lack. Es sei schwer zu verstehen, was alles im Gange sei. Die Einsparungen bei USAID seien ein zusätzlicher Schock. «Das ist sehr hart für alle Hilfswerke und kam sehr unerwartet.»

Zwangsrückführungen von syrischen Flüchtlingen unsinnig und ungerecht

Konkret habe man beispielsweise die Visa nicht wie bisher bearbeiten können, weil die dafür verantwortlichen Regierungsstellen nicht wie gewohnt funktionierten. Es sei deshalb wichtig, dass die Schweiz weiterhin ihre Hilfeleistungen für Syrien leiste und zur friedlichen Entwicklung der Zivilgesellschaft beitrage. Die Sanktionen der Europäischen Union von 2011, denen sich die Schweiz angeschlossen hat, führten dazu, dass die Zivilgesellschaft habe zusätzlich leiden müssen.

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Andererseits betonte der Caritas Schweiz-Direktor, dass es in der augenblicklichen Situation auch keinen Sinn mache, wie gefordert, syrische Flüchtlinge in der Schweiz in ihre Heimat zu repatriieren. «Die ökonomische Lage in Syrien ist derzeit, wie gesagt, völlig unsicher, und die gesellschaftlichen Strukturen fehlen für eine erfolgreiche Rückführung.» Solche Zwangsrepatriierungen wären auch ungerecht gegenüber syrischen Flüchtlingen in der Schweiz.

«Offensichtlich hoffen die Menschen, dass Schutz für religiöse Minderheiten von der Regierung garantiert wird.»

Was die Lage der christlichen Minderheit in Syrien angeht, meint Peter Lack: «Ich habe nichts Negatives gehört. Offensichtlich hoffen die Menschen, dass Schutz für religiöse Minderheiten von der Regierung garantiert wird.»


Peter Lack | © zVg / Gaëtan Bally
18. Februar 2025 | 15:00
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