Papst Franziskus an der Bussfeier - im Vordergrund Kardinäle
Vatikan

«Wir sind alle Sünder» – Papst zum Weltsynode-Auftakt

Wer meinte, bei der Bussfeier am Dienstagabend im Petersdom ginge es ausschliesslich um sexuellen Missbrauch an Kindern, wurde eines Besseren belehrt. Eine Vielzahl an Fehlern, Sünden und Verbrechen wurden benannt – zurecht, finden die drei Delegierten und Involvierten aus der Schweiz.

Regula Pfeifer

Inmitten der Bussfeier zum Start des zweiten Teils der Weltsynode stellte sich am Dienstagabend ein Mann ans Mikrofon, der äusserlich den Kardinälen und Bischöfen im Petersdom nicht unähnlich aussah – ein älterer Herr mit schütteren grauen Haaren. Nur trug er übliche Alltagskleidung.

Als Elfjähriger manipuliert und missbraucht

Der Mann sprach aber von seiner Kindheit – und bezeichnete sich als Überlebender von sexuellem Missbrauch. Der Südafrikaner war als Elfjähriger monatelang manipuliert, dann auch sexuell missbraucht worden. «An einem schönen Sonntag nahm er mir, was einem Kind niemals genommen werden sollte», sagte der Missbrauchsbetroffene.

Der ältere Mann erzählt während der Bussfeier im Petersdom, wie er als Kind sexuell missbraucht wurde.
Der ältere Mann erzählt während der Bussfeier im Petersdom, wie er als Kind sexuell missbraucht wurde.

Und mit warnender Stimme fügte er an: «Ich bin nicht der Einzige, dem das geschehen ist.» Das habe Folgen gehabt – weit über die Kirche hinaus. «Der Glaube von Millionen Menschen wurde zerstört.» Er kritisierte, die kirchlichen Autoritäten hätten weggeschaut und Verdächtiges nicht gemeldet.

«Ich bitte um Vergebung und fühle Scham.»

Refrain der Kardinalsbeiträge

«Ich bitte um Vergebung und fühle Scham», mit diesen Worten begannen sechs Kardinäle ihre Redebeiträge – und erwähnten dabei vielerlei Vergehen der Kirche und von Kirchenvertretenden. «Lettere di Perdono» – Entschuldigungsbriefe – nannte Papst Franziskus diese später in der Feier, der meist eingesunken dem Geschehen zusah.

«Mangelnder Respekt gegenüber Kindern»

Der eine Kardinal sprach von mangelndem Respekt gegenüber Kindern. Und von der «schlimmsten Sünde». Allerdings ohne diese genau zu bezeichnen Ein anderer thematisierte den Missbrauch. Er bat um Vergebung «für alle jene Fälle, in denen kirchliche Vertreter oder Ordensleute die Unschuld von vulnerablen Menschen verletzt haben». Und doch die Heiligkeit der Schwachen verkündet hätten.

Vor der Bussfeier - Austausch unter Teilnehmenden
Vor der Bussfeier - Austausch unter Teilnehmenden

Ein Weiterer thematisierte den problematischen Umgang der Kirche mit Indigenen. Und kritisierte, dass die Kirche beim Kolonialismus mitwirkte. Ein anderer sagte, Kirchenvertreter hätten der «Verführung der Macht» nachgegeben. Und dadurch nicht als arme Kirche gewirkt.

Rechtfertigungen für Unmenschliches

Einer sagte, sie hätten kirchenrechtliche Rechtfertigungen abgegeben für unmenschliche Handlungen. Ein anderer, sie hätten den Heiligen Geist nicht angehört und ihre Autorität in Macht umgewandelt. Und dabei vergessen, dass alle Christinnen und Christen berufen seien. Und einer, sie hätten die Frauen nicht gut behandelt, die sich kirchlich engagierten.

«Wir sind alle Sünder», wiederholte der Papst an der Feier mehrmals. Und wirkte dabei plötzlich munter: «Wir sind alle Sünder und wir haben Hoffnung auf deine Liebe», sagte er mit Bezug auf Gott. Und er erklärte: «Die Sünde ist eine Verletzung in der Beziehung – mit Gott und mit den Schwestern und Brüdern».

Auch die Kirche sei in ihrer Essenz immer in Beziehung. «Wie können wir synodal sein, ohne an unsere Verletzungen zu erinnern’», so Papst Franziskus. Und noch weiter: «Wie können wir Kirche sein ohne Versöhnung?» Auch er widerholte den Refrain: «Ich bitte um Vergebung und fühle Scham.»

Sehen, was schlecht ist

«Wenn wir zusammen eine glaubwürdige Kirche sein wollen, müssen wir auch sehen, was schlecht ist», sagte Bischof Felix Gmür nach Abschluss der Feier. «Und dann um Vergebung bitten, das haben wir jetzt gemacht.» Gmür vertritt als Präsident der Bischofskonferenz die Schweizer Kirche.

Helena Jeppesen-Spuhler, Bischof Felix Gmür, Claire Jonard nach der Bussfeier im Petersdom, 1. Oktober 2024.
Helena Jeppesen-Spuhler, Bischof Felix Gmür, Claire Jonard nach der Bussfeier im Petersdom, 1. Oktober 2024.

«An der Bussfeier kamen wichtige Themen zur Sprache, die auch in der Weltsynode besprochen wurden, das ist sehr schön», sagte Helena Jeppesen-Spuhler: «der sexuelle Missbrauch, die Frauenfrage, eine nicht-diskriminierende Kirche». Doch nur das reiche nicht. Jetzt gehe es darum, die systemischen Ursachen und die Machtfrage anzupacken. Jeppesen-Spuhler ist nichtbischöfliche Delegierte der europäischen Kirche.

«So viele Sünden und Verbrechen der Kirche an einem einzigen Abend, das ist viel.»

Claire Jonard

 «Für mich war dieser Abend sehr bewegend», gab Claire Jonard zu, die als Moderatorin an der Weltsynode wirkt. «So viele Sünden und Verbrechen der Kirche an einem einzigen Abend, das ist viel. Aber es ist die Realität.» Zuerst müssten wir unsere Fehler anerkennen und Scham empfinden, um darauf den Weg fortsetzen zu können.

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Papst Franziskus an der Bussfeier – im Vordergrund Kardinäle | © Regula Pfeifer
2. Oktober 2024 | 09:00
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