Schweiz

«Wir haben auch kirchenintern eine Scheu, über den Glauben zu sprechen»

Freiburg/Zürich, 19.12.18 (kath.ch) Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), hat «zehn Anregungen» zur Diskussion über das «Mission Manifest» (MM) verfasst. An einer Tagung am Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft an der Universität Freiburg (12. Dezember) hat er diese vorgestellt. Im Interview mit kath.ch erklärt er, wo das MM ihn herausfordert und in welchen Bereichen es vertieft werden müsste.

Sylvia Stam

Was bedeutet Mission für Sie?

Daniel Kosch: Mission ist der Auftrag der Christinnen und Christen, gegenüber den Menschen in der Welt von heute ihren Glauben zu bezeugen. Durch ihre Lebensweise, ihre Worte und ihr Handeln kann das Evangelium auch Menschen erreichen, die dazu keinen eigenen Zugang haben.

In welchen Punkten fühlen Sie sich durch das MM herausgefordert?

Kosch: Das MM spricht mit Zuversicht und ohne Umschweife vom Glauben. Das fordert Menschen, die mit kirchlichen Strukturen zu tun haben, heraus, nicht im Hinterfragen und Problematisieren stecken zu bleiben, sondern sich zu fragen: Was haben wir denn eigentlich zu sagen und wie sagen wir es?

Also eine Aufforderung, über Inhalte des Glaubens zu sprechen.

Kosch: Ja, wir haben sogar kirchenintern eine Scheu, darüber zu sprechen, was wir eigentlich glauben, was die zentrale Gestalt Jesu unserer Zeit wirklich zu sagen hat. Das Manifest macht darauf aufmerksam, nicht immer nur die ethischen Aspekte zu betonen. Der christliche Glaube gibt darüber hinaus eine Hoffnung, eine Sicht von Gott und der Welt, die helfen kann, in diesem Leben zu bestehen, und die es wert ist, dass man sie zur Sprache bringt.

«Der Name Jesus wird im Buch 300 Mal genannt.»

Welches Thema müsste Ihrer Meinung nach im MM noch vertieft werden?

Kosch: In erster Linie das Jesus-Thema selber. Der Name wird im Buch etwa 300 Mal genannt und das Hauptanliegen des MM ist, dass die Menschen «zu Jesus finden». Jesus ist aber in verschiedener Hinsicht eine fremde, sogar anstössige Gestalt. Jesus stellt Anforderungen, die wir nicht unbedingt gerne hören, wenn er zu Besitzverzicht oder Feindesliebe aufruft. Zudem greift Jesus zu drastischen Bildern. Er sagt: «Wenn dich dein Auge stört, dann reiss es aus». Bei einem solchen Wort muss man gut überlegen, was seine Botschaft ist und inwiefern diese froh ist. Dazu braucht es Information und Reflexion.

Sie plädieren für eine Erweiterung des Missions-Verständnisses. Wo müsste es erweitert werden?

Kosch: Das Zweite Vatikanische Konzil und das Kirchenrecht bezeichnen auch das diakonische Wirken als missionarisch. Das ist nicht nur individuell, sondern auch politisch zu verstehen. Es geht auch um Rahmenbedingungen, damit menschliches Leben gedeihen kann. Dieses Thema kommt im MM kaum vor. Damit weicht es gewissen Konflikten aus, denn bei der Frage, wie eine gerechte Gesellschaft aussieht, gehen die Meinungen auseinander.

Braucht es auch eine Erweiterung auf theologischer Ebene?

Kosch: In vielen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils ist das Bewusstsein da, dass Gott das Heil aller Menschen will, unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder nicht. Das heisst, wenn wir heute auf Menschen zugehen, gehen wir nicht auf rettungsbedürftige «verlorene Seelen» zu, sondern auf Menschen, die sowieso schon mit Gott zu tun haben. Das nimmt dem missionarischen Wirken eine gewisse Dringlichkeit. Bevor ich über meinen Glauben rede, will ich hören, was mein Gegenüber glaubt: Was hilft dir denn, dein Leben zu bestehen? Davon kann ich allenfalls etwas lernen, jedenfalls daran anknüpfen. Das ist natürlich anspruchsvoller, weil es einen selber immer auch in Frage stellt.

«Es braucht kirchliche Institutionen, um gemeinsam etwas zu bewirken.»

Das MM kritisiert kirchliche Strukturen. Warum braucht es die Kirche als strukturierte Institution Ihrer Meinung nach weiterhin?

Kosch: Es stellt sich die Frage: Wie sind wir in einer Gesellschaft, die hoch organisiert und in der alles miteinander verknüpft ist, mit dem Evangelium präsent? Glaubwürdige Einzelchristinnen und –christen allein vermögen das Potenzial, das im christlichen Glauben enthalten ist, zu wenig auszuschöpfen. Es braucht kirchliche Institutionen, damit man gemeinsam etwas bewirken kann, und damit man unabhängig von der Person ein Gegenüber ist für die Institution, in der man sich bewegt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kosch: Nehmen wir den Religionsunterricht: Natürlich ist es toll, einen begeisternden Religionslehrer oder eine -lehrerin zu haben. Aber wir können den Unterricht nicht davon abhängig machen, dass in jedem Dorf eine solche Einzelperson gefunden wird. Wir brauchen Strukturen, mittels denen festgehalten wird, wie der Religionsunterricht im Lehrplan präsent ist, wie diese Lehrpersonen aus- und weitergebildet werden. Wenn wir keine solchen Strukturen haben, können wir den Anforderungen des Bildungswesens nicht standhalten.

Sie sagen aber auch, es sei nötig, diese Strukturen allenfalls zu transformieren in Richtung einer Kirche, «die aus sich herausgeht». Wo wäre eine solche Transformation nötig?

Kosch: Unsere Kirche neigt dazu, sich stark mit sich selber zu beschäftigen, was auch Papst Franziskus kritisiert. In meiner Tätigkeit bei der RKZ gehört es dazu, über das duale System zu diskutieren. Aber diese Diskussion darf nicht in den Fragen stecken bleiben, wer was darf und wer wofür zuständig ist. Transformation geschieht dort, wo klar ist: das duale System ist da, um kirchliches Leben zu ermöglichen. Wie machen wir das am besten? Wie bringen wir etwas zustande? Dieses Ziel wird nur erreicht, indem man sich darauf fokussiert, das Beste für die Menschen und die Sache zu wollen.

«Der inhaltliche Bezug zum Evangelium soll zum Ausdruck kommen.»

«Andiamo avanti» (Gehen wir gemeinsam voran) lautet der Titel Ihrer Anregungen. Sehen Sie konkrete Möglichkeiten, wie der gemeinsame Dialog weitergeführt werden kann?

Kosch: Der gegenseitige Austausch ist sehr wichtig. Bei allem Verständnis dafür, dass man nicht dauernd mit frommen Wörtern um sich werfen soll, ist es wichtig, dass in der Jugendarbeit, im Religionsunterricht, in der Erwachsenenbildung oder in unseren Gremien der inhaltliche und explizite Bezug zum Evangelium zum Ausdruck kommt.

Auf der anderen Seite können sich Gruppen, die dem Gebet eine grosse Wirkung zusprechen,  auch einmal anderswo orientieren: Was macht eine professionell aufgestellte Caritas, wenn sie Menschen in Krisen berät? Ist das nicht auch ein Stück gelebtes Evangelium? Das soll man sich nicht gegenseitig absprechen.

Welchen Impuls kann das MM den kirchlichen Körperschaften geben?

Kosch: Die inhaltliche Fassbarkeit, wofür die Kirchen stehen, ist wichtig. Die Zürcher Regierung sagt in ihren Thesen zu Staat und Religion, religiöse Überzeugungen seien eine wichtige Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie drückt damit aus, dass solche tiefen, tragenden Grundüberzeugungen eine Auswirkung auf das Leben der Menschen haben. Wenn der Staat das schon sagt, sollte eine staatskirchenrechtliche Organisation das erst recht sagen.


Daniel Kosch (links) auf dem Podium zum "Mission Manifest" | © Noomi Krause
19. Dezember 2018 | 13:56
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Tagung zum «Mission Manifest»

Das «Mission Manifest» ist eine private Initiative von Katholiken. Es wurde im Januar 2018 an einer Konferenz im Gebetshaus Augsburg lanciert. In zehn Thesen rufen die Initianten zu einem missionarischen Aufbruch innerhalb von christlichen Bewegungen und Gemeinschaften auf. Ein gleichnamiges Buch erläutert die zehn Thesen.

An der Tagung des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft der Universität Freiburg vom 12. Dezember referierten und diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der Landeskirche, der Universitäten Freiburg und Graz sowie Initianten und Unterzeichnerinnen des Manifests. Damit wollte das Zentrum zur Klärung der Frage beitragen, was Mission heute bedeuten könne. (sys)