Am Boden bei seiner Amtseinführung: Wiens neuer Erzbischof Josef Grünwidl
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Wiens neuer Erzbischof Josef Grünwidl: «Bodenpersonal Gottes leistet viel Grossartiges, versagt aber oft auch traurig»

Josef Grünwidl ist neuer Erzbischof von Wien. Vergangenen Samstag wurde der 62-Jährige im Stephansdom vor rund 3000 Menschen geweiht und in sein Amt eingeführt. In seiner Ansprache rief er zu Bescheidenheit, Zuhören und einer Kirche jenseits von Strukturen auf – mit offenem Ohr für alle.

(woz/KAP) Ihm sei bewusst, das Amt in politisch und wirtschaftlich bewegten, schwierigen Zeiten zu übernehmen, betonte Grünwidl nach der Amtsübernahme. Auch in der römisch-katholischen Kirche sei derzeit vieles im Umbruch.

«Nehmt Gottes Melodie in euch auf!»

Diese sei aber mehr als ihre sichtbare Gestalt und definiere sich nicht über Statistiken und Strukturen, betonte der neue Erzbischof – auch nicht über das «Bodenpersonal Gottes», das viel Grossartiges leiste, «aber auch oft traurig versagt». «Nehmt Gottes Melodie in euch auf!», animierte der ausgebildete Organist die Anwesenden. Mit dem Bodenpersonal meinte Grünwidl die Seelsorgenden in der Kirche – und auch sich selbst: «Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ».

«Kirche ist besser als ihr Ruf»

Der neue Erzbischof ist aber überzeugt: Die Kirche sei «mehr und sie ist besser als ihr Ruf». Die Kirche sei – um an seinen Wahlspruch anzuknüpfen – «ein Instrument Gottes in der Welt, die Lyra in der Hand des auferstandenen Christus». Die Kirche solle als Instrument Gottes die Melodie des Evangeliums zum Klingen bringen, so der neue Erzbischof.

Mit Mitra und Bischofsstab: Erzbischof Josef Grünwidl
Mit Mitra und Bischofsstab: Erzbischof Josef Grünwidl

«Was bräuchten wir und besonders die jungen Menschen notwendiger als Gottes Liebes- und Friedenslied, als sein Protestlied gegen Gleichgültigkeit und Hass, gegen Armut, Ungerechtigkeit und Krieg, als sein österliches Hoffnungslied, das Mut macht, Zuversicht schenkt und zum Handeln antreibt.»

Zeremonie von Kardinal Christoph Schönborn

Josef Grünwidl hat am Samstag das Amt des 33. Erzbischofs von Wien übernommen. Die Weihe und die anschliessende Amtseinführung haben im Wiener Stephansdom stattgefunden. Geleitet wurde die Zeremonie bis zur Weihe von Grünwidls Vorgänger, Kardinal Christoph Schönborn.

Grünwidl danke Papst Leo, der ihn ernannt hat, und besonders auch Kardinal Schönborn, an den gerichtet er wörtlich sagte: «Du hast mir immer Mut gemacht und bist mir seit mehr als 30 Jahren als Mensch ein guter Freund, in deinem Christsein ein Vorbild und als Bischof ein Wegweiser für mein neues Amt als dein Nachfolger.»

3000 Menschen im Dom

Rund 3000 Menschen hatten sich dazu im Dom eingefunden, darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sowie Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. Unter den Mitfeiernden waren viele haupt- und ehrenamtlich Engagierte der Erzdiözese, Familienangehörige und Wegbegleiter Grünwidls.

Wiens Domkapitel begrüsst Josef Grünwidl am Stephansdom, wo der neue Erzbischof die älteste Kreuzreliquie des Doms küsst.
Wiens Domkapitel begrüsst Josef Grünwidl am Stephansdom, wo der neue Erzbischof die älteste Kreuzreliquie des Doms küsst.

Rund 600 Kleriker der Erzdiözese feierten im Dom mit. Zudem ministrierten 150 Jugendliche aus mehr als 30 Pfarren, darunter auch aus Perchtoldsdorf und Kirchberg am Wechsel, früheren Wirkungsorten Grünwidls. Allein der Chor bestand aus 120 Personen. Mitwirkende waren unter der Leitung von Domkapellmeister Markus Landerer der Wiener Domchor, die Capella St. Stephan, das Vokalensemble St. Stephan, die Choralschola St. Stephan, der Kinderchor der Domsingschule und die Wiener Dombläser sowie eine Band.

«Hörendes Herz»

Schönborn war vor der Weihe durch alle 28 anwesenden Bischöfe auf Grünwidls anfängliche Skepsis gegenüber der Berufung eingegangen. «Verfügbar bist du jetzt und stehst du hier», zitierte der Kardinal den neuen Erzbischof, der nach dessen Ernennung durch Papst Leo XIV. dann doch gemeint hatte, Gott wolle ihn nicht perfekt, sondern verfügbar.

Auch Ratschläge hatte der Kardinal bereit, etwa: «Höre auf die Menschen, die dir die unangenehmen Nachrichten geben. Nichts ist gefährlicher, als wenn dem Chef nur mehr gute Nachrichten gegeben werden dürfen.» Auch ein «hörendes Herz für die sogenannten einfachen Menschen» sei wichtig.

Will sich bescheiden geben

Als Erzbischof will sich Grünwidl bescheiden geben: Entgegen der Tradition begann die Feier nicht gleich am Altar, sondern beim Taufbecken. Bei den Insignien hat sich der neue Erzbischof für jenen Holzstab entschieden, den bereits der verstorbene Weihbischof Helmut Krätzl getragen hatte. Zudem trägt Grünwidl einen lediglich versilberten Konzilsring. Ausserdem will er gleich in den ersten Tagen einen Gottesdienst mit den armen Menschen abhalten, dessen Ort geheim bleiben soll.

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Der gebürtige Weinviertler hat neben Theologie auch Orgel als Konzertfach studiert. Seit seiner Priesterweihe im Jahr 1988 war er in mehreren Pfarren in Niederösterreich aktiv. Auch wegen seiner Teilnahme an der Rom-kritischen Pfarrer-Initiative um Helmut Schüller gilt Grünwidl als vergleichsweise progressiv in der römisch-katholischen Kirche: Das Zölibat sollte seiner Meinung nach eine «freie Entscheidung» sein und er befürwortet eine Diskussion über Diakoninnen. Ob Grünwidl wie Schönborn und dessen Amtsvorgänger auch zum Kardinal ernannt wird und damit ein Stimmrecht bei der Wahl des nächsten Papstes bekommt, ist noch offen.


Am Boden bei seiner Amtseinführung: Wiens neuer Erzbischof Josef Grünwidl | © Erzdiözese Wien/Stefan Schönlaub
26. Januar 2026 | 15:00
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