Wie viele Jesuiten gibt es noch in der Schweiz?
Die Zahl der Jesuiten ist weltweit im freien Fall. Auch in der Schweiz sind immer weniger Mitglieder der Ordensgemeinschaft Gesellschaft Jesu tätig. Wie viele, geht die Frage an Franz-Xaver Hiestand SJ. Er leitet das aki, die katholische Hochschulgemeinde Zürich.
Christian Maurer
Franz-Xaver Hiestand, weltweit nimmt die Zahl der Jesuiten ab. Wie steht es in der Schweiz? Wie viele sind es heute, verglichen mit vor 20 oder 30 Jahren?
Franz-Xaver Hiestand: Vor 20 Jahren wirkten in der Schweiz gegen 85 Jesuiten, jetzt sind es noch knapp 30.
Was motiviert einen jungen Mann heute, Jesuit zu werden?
Hiestand: Männer, die sich solche Fragen stellen, müssten jetzt selbst antworten. Generell lässt sich sagen: Sie haben auf manchmal abenteuerlichen, manchmal überraschenden Wegen die Erfahrung gemacht, dass Gott, der ganz Andere, zutiefst ja zu ihnen sagt, sie liebt. In inneren Entwicklungen, die bald von anhaltender Freude, bald von Schmerzen grundiert sind, kommen sie zum Schluss, dass sie auf Gottes Ja, auf Gottes Beziehungsangebot ihrerseits mit einem Commitment, mit einem Ja antworten möchten. Dieses Ja konkretisiert sich für sie in der Entscheidung, Jesus als Jesuit nachzufolgen. Das bedeutet für sie, dass sie zunächst für zwei Jahre in das sogenannte Noviziat des Jesuitenordens eintreten.
«Heutige Novizen kommen aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten.»
Was erwarten oder erhoffen Novizen?
Hiestand: Auch hier kann jeder Novize im Grunde nur für sich selbst sprechen. Heutige Novizen kommen aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten, bringen teilweise höchst unterschiedliche Berufs- und Beziehungserfahrungen mit und sind unterschiedlich alt. Ganz sicher aber wollen sie in den zwei Jahren des Noviziats tiefer herausfinden, ob dieses Ja, das sie in sich spüren, wirklich trägt und sich bewährt. Das machen sie in Konfrontation mit den Evangelien, in Phasen grosser Stille, vor allem in den sogenannten dreissigtägigen Exerzitien, aber auch an der Seite von Kranken, Migrantinnen oder in Schulen. Immer wollen sie Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen tiefer kennenlernen, sich von ihm etwas für heute sagen lassen und prüfen, ob sie ihm weiter folgen können.
Stellen sich die Jesuiten mit ihren strengen Anforderungen nicht immer mehr ins Abseits?
Hiestand: Es ist schön, dass Sie den Begriff der Strenge einbringen. Denn leider werfen uns manche Kreise heute vor, wir seien lasch geworden und würden dem Zeitgeist mit allen möglichen geistigen und rhetorischen Verrenkungen nach dem Wort reden.
«Jesus war ein Grenzgänger. Wer ihm als Jesuit nachfolgen möchte, wird auch heute in Grenzbereichen leben.»
Ich möchte es so sagen: Gemäss den Evangelien war Jesus in vieler Hinsicht ein Grenzgänger. Er liebte und litt, musste auf Enttäuschungen reagieren und liess sich auf wirkliche Tragödien ein, scheiterte und erlebte Verwandlung und Auferstehung. Wer ihm, wenn auch unbeholfen und seinerseits scheiternd, als Jesuit nachfolgen möchte, wird auch heute in vielfältigen Grenzbereichen leben. Zwischen Engagement und Rückzug; als Teil gegenwärtiger sozialer und kultureller Entwicklungen und doch auch in Distanz dazu. Das alles ist eher möglich mit einer gewissen Strenge. Diese Strenge soll aber dem Leben dienen: vor allem dem Leben der Menschen, mit denen ich unterwegs bin.
Gibt es noch ein Elite-Bewusstsein bei den Jesuiten, ähnlich wie bei Absolventen von Elite-Universitäten wie Harvard oder MIT?
Hiestand: Ich habe tatsächlich Restbestände eines solchen Bewusstseins vor Jahren noch bei ein, zwei Jesuiten angetroffen. Diese wirkten damit aber, ehrlich gesagt, eher lächerlich. Wenn wir heute dort, wohin wir gerufen werden, einfach, wie Pedro Lenz wohl sagen würde, «ehrlichi Büetz» abliefern, dann ist das schon wunderbar genug.
Wie sehen Sie die Rolle der Jesuiten innerhalb der katholischen Kirchen in der Schweiz?
Hiestand: Wir wollen an den Orten, an denen uns die Ortskirche will, konstruktiv, mit Aufmerksamkeit nach innen und aussen, Räume des Gebets und des Einsatzes, der Gastfreundlichkeit und der Offenheit weiter ermöglichen und in Zusammenarbeit mit engagierten Frauen und Männern tragen.
«Wir wollen Perspektiven öffnen für mehr Versöhnung und Gerechtigkeit.»
Und was ist ihre Aufgabe gegenüber der Zivilgesellschaft?
Hiestand: Es gibt zwei weltweite Präferenzen des Jesuitenordens, die vor allem in der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft wichtig sind: Wir wollen gemeinsam mit armen und in ihrer Würde verletzten Menschen inmitten aller Verwerfungen Perspektiven öffnen für mehr Versöhnung und Gerechtigkeit und zweitens mit allen gesellschaftlichen Kräften zusammenarbeiten, die Sorge tragen wollen für die Bewahrung der Schöpfung.
Darüber hinaus, und das ist eine Intuition von mir, sollten wir im Gespräch mit der Zivilgesellschaft daran arbeiten, mehr Frieden zu finden mit einigen Grenzen, die uns ökonomisch, sozial, ökologisch, teilweise auch biologisch gegeben sind. Das heisst nicht, dass wir in eine biedermeierliche Genügsamkeit abdriften sollen und jede Grenze fügsam akzeptieren. Überhaupt nicht. Ich würde unterscheiden: Manche Grenzen gilt es weiterhin zu öffnen, zu verändern, argumentativ und mit konkretem Engagement zu Fall zu bringen, andere hingegen gilt es in Reife zu akzeptieren und an ihnen menschlich und geistig zu wachsen.
«Die Jesuiten schliessen das Studierendenheim Borromäum, bleiben aber weiterhin in Basel tätig.»
Demnächst, im August, wird das Borromäum, das Studenten-Haus der Jesuiten in Basel, geschlossen. Warum? Wird es zu wenig genutzt? Wie viele wohnten noch da – und wohin gehen sie jetzt?
Hiestand: In der Tat schliessen die Jesuiten Ende 2024 nach mehr als 100 Jahren das Basler Lehrlings- und Studierendenwohnheim Borromäum. Der Gebäudekomplex am Byfangweg wurde in den 1960er Jahren gebaut und muss nun saniert oder neu gebaut werden. Über die weitere Nutzung wird noch entschieden.
Die Jesuiten bleiben aber weiterhin in Basel tätig. Sie engagieren sich mit Andreas Schalbetter SJ in der Studierendenseelsorge in der KUG, der katholischen Universitätsgemeinde, mit Martin Föhn SJ im Fachbereich Bildung und Spiritualität der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt und mit Johannes Herzgsell SJ in der wissenschaftlichen Arbeit und in Gesprächskreisen. Bereits seit dem Sommer 2020 lebt die Jesuitengemeinschaft im katholischen Studentenhaus an der Herbergsgasse 7.
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