Fasnächtlerinnen in Luzern.
Schweiz

Wie viel Sünde ist an der Fasnacht erlaubt? «Fremdgehen ist total tabu»

In Luzern hat die Fasnacht mit dem Urknall begonnen. Lassen jetzt plötzlich alle die Sau raus? Sind nur noch Fremdflirten, Sex und Saufen angesagt? Wer sich unter Luzerner Fasnächtlern umhört, ist beeindruckt von der närrischen Vernunft.

Wolfgang Holz

Die Antwort ist eindeutig und überrascht in ihrem resoluten Timbre. «Fremdgehen geht gar nicht. Weder an der Fasnacht noch im Alltag», sagt die bunte Fantasiefee mit den farbigen Haaren. Sie steht mit ihrer Freundin gerade auf dem Rathaussteg und schiesst ein gemeinsames Selfie.

«Man darf an der Fasnacht wohl Appetit haben, aber essen muss man immer zuhause.»

Fasnächtlerin

Im Hintergrund ragt der Wasserturm der Kapellbrücke in den azurblauen Fasnachtshimmel. Schöner kann die fünfte Jahreszeit in Luzern fast nicht sein!

Auch internationale Ehe-Promis geben sich in Luzern ein Stelldichein.
Auch internationale Ehe-Promis geben sich in Luzern ein Stelldichein.

«Man darf an der Fasnacht wohl Appetit haben, aber essen muss man immer zuhause», pflichtet die farbenfrohe Freundin im Partnerlook bei.

Moralischer Ausnahmezustand?

Doch wie ist das nun wirklich mit der fasnächtlichen Freizügigkeit? Was dürfen Katholikinnen und Katholiken im «rüüdigen» Getümmel der Strassenfasnacht tatsächlich? Wie viel moralischer Ausnahmezustand ist da erlaubt, wenn man sich ein Fasnachtskostüm übergestreift hat? Ist man dann plötzlich ein anderer Mensch?

Der Luzerner Theologe Urban Schwegler ist Kommunikationsverantwortlicher der Katholische Kirche Stadt Luzern.
Der Luzerner Theologe Urban Schwegler ist Kommunikationsverantwortlicher der Katholische Kirche Stadt Luzern.

«Fasnacht kann eine andere Seite des Menschen zum Vorschein zu bringen und vermag sein Innerstes hervorzukehren», sagt der Theologe Urban Schwegler.

«Zustand zwischen Himmel und Erde»

Zwar sei man als Fasnächtler nicht grundsätzlich ein anderer Mensch. Aber die sechs närrischen Tage, die für ihn so einen «Zustand zwischen Himmel und Erde» verkörpern, würden es dem Menschen erlauben, eine gewisse Leichtigkeit an den Tag zu legen. Es gehe darum, Abstand zu Problemen zu gewinnen. «Vor allem merkt man, dass man nicht alleine ist – weder im Feiern noch in der Not.»

Das närrische Papst-Trio "Urbi@orbi" bei einem Schnitzelbankvortrag: Rechts Urban Schwegler.
Das närrische Papst-Trio "Urbi@orbi" bei einem Schnitzelbankvortrag: Rechts Urban Schwegler.

Der 50-Jährige weiss, wovon er spricht. Urban Schwegler ist Kommunikationsverantwortlicher für die Katholische Kirche der Stadt Luzern. Priester werden wollte er nie – weil er schon seit 33 Jahren mit seiner Ehefrau liiert ist.

«Urbi@orbi»-Schnitzelbänkler

Als Schnitzelbänkler im «urbi@orbi»-Trio bringt er sich seit sechs Jahren im Papstgewand aktiv an der Luzerner Fasnacht ein. Dabei nimmt er in diesem Jahr sogar Papst Franziskus zum Thema Diversity auf die Schippe: «Es wär es Eigegoal und e päpstliche Supergau, wenn de Franziskus schreit: Ech be ne Frau.»

«Es wird mehr geschäkert, die Menschen kommen sich näher und trauen sich im Getümmel auch mehr.»

Urban Schwegler, Luzerner Theologe

Doch zurück zu den Sitten an der Luzerner Fasnacht: «In Luzern ist die Fasnacht definitiv wild und chaotisch, ein Ausnahmezustand sozusagen.»

Fasnächtlerinnen in Luzern: "Die Mehrheit der Leute ist ok."
Fasnächtlerinnen in Luzern: "Die Mehrheit der Leute ist ok."

Selbstverständlich seien an der Fasnacht gewisse Normen aufgehoben: «Es wird mehr geschäkert, die Menschen kommen sich näher und trauen sich im Getümmel auch mehr.» Der Alkohol würde seinen Teil dazu beitragen.

«Nicht alles an Fasnacht erlaubt»

«Ein Nein ist aber auch an der Fasnacht ein Nein, genauso wie ein Ja ein Ja ist», stellt Schwegler klar. Natürlich komme es auch zu Seitensprüngen. «Aber klar ist: An Fasnacht ist mit Sicherheit nicht alles erlaubt. Und man muss auch immer daran denken, wie es dann nach den närrischen Tagen weitergeht.»

Fasnächtliches Getümmel in "Lozärn"
Fasnächtliches Getümmel in "Lozärn"

Einvernehmlicher Sex in der Öffentlichkeit ist laut Schwegler «mehr als grenzwertig». Ein No-Go, gar eine Straftat sei es, wenn es zu Übergriffen oder Grapschereien komme.

«Leider gibt es immer wieder stark angetrunkene junge Männer – aber die Mehrheit der Leute an der Fasnacht ist eigentlich positiv.»

Fasnächtlerin

«Die persönliche Freiheit an der Fasnacht hört an dem Punkt auf, wo ich die Freiheit eines anderen Menschen verletze», sagt ein «Rehgeweih» an der Reuss. Die junge Frau und ihre Kolleginnen haben beste Laune. An der Fasnacht machten sie persönlich noch keine schlechten Erfahrungen. «Leider gibt es immer wieder stark angetrunkene junge Männer – aber die Mehrheit der Leute an der Fasnacht ist eigentlich positiv.»

Juso forderte Präventionskampagne gegen sexuelle Belästigung

Das sehen nicht alle so. «Die Fasnacht sollte für alle ein positives und sicheres Erlebnis sein. Leider kommt es besonders während dieser Zeit vermehrt zu sexueller Belästigung. Diese wird im Rahmen der Fasnacht noch immer häufig normalisiert und toleriert», beklagte Zoé Stehlin, Co-Präsidentin der Juso Luzern, vor einiger Zeit in einem offenen Brief an die Stadt Luzern.

Piratenfamilie: An der Fasnacht in Luzern haben alle ihren Spass.
Piratenfamilie: An der Fasnacht in Luzern haben alle ihren Spass.

Die jungen Linken in der Reussstadt plädierten für mehr Präventionsmassnahmen seitens der Politik. Als Antwort haben sie stattdessen ein Merkblatt der Kantonspolizei zur Sicherheit im Ausgang erhalten. Die Botschaft: Sexuelle Belästigung ist auch an der Fasnacht strafbar. Und Alkohol ist keine Ausrede.

«Denkt im Getümmel auch an den Himmel»

Wie kann man also ausgelassen sein und feiern und trotzdem vernünftig bleiben? «Fasnacht in Luzern ist mehr als Saufen und Sex – sie ist ein Kulturgut mit grosser Tradition», versichert Urban Schwegler.

So funktionierts: Das Luzerner Motto für eine freudige Fasnacht unterm Dach eines historischen Gebäudes.
So funktionierts: Das Luzerner Motto für eine freudige Fasnacht unterm Dach eines historischen Gebäudes.

Vielleicht ist die historische Aufschrift an einem Haus am Kornmarkt in der Luzerner Altstadt in dieser Hinsicht wegweisend, deren vierzeilige Verse Urban Schwegler auswendig zitiert: «Hüpfet und springet, trinket und singet, denkt im Getümmel auch an den Himmel.»

Fasnachtsgottesdienste in Luzern beliebt

Wobei der Himmel, sprich: Gott und die Religion, in Luzern traditionell tatsächlich ein lebendiges und beliebtes Ritual eingehen und fasnächtliche Lebenslust und Glauben eng miteinander verknüpfen. Denn einige Fasnachtsgottesdienste werden in der Katholischen Kirche der Stadt Luzern gefeiert.

In den Luzerner Kirchen geht es auch närrisch zu: Die Fasnachtsgottesdienste sind sehr beliebt und bestens besucht.
In den Luzerner Kirchen geht es auch närrisch zu: Die Fasnachtsgottesdienste sind sehr beliebt und bestens besucht.

«Diese Gottesdienste sind sehr beliebt und jeweils sehr gut besucht – vergleichbar mit jenen an Weihnachten», versichert Schwegler. «Die Leute erscheinen bei diesen Gottesdiensten teilweise auch verkleidet. Und die Sprache in Reimform, die teilweise während der Messe in Gestalt der Predigt vorgetragen wird, kommt bei den Gläubigen sehr gut an.»

«Gott freut sich. Fasnacht ist ein lebens- und schöpfungsbejahender Brauch und als Kitt wichtig für die ganze Gesellschaft.»

Urban Schwegler, Katholische Kirche Stadt Luzern

Der Luzerner Theologe ist deshalb überzeugt: «Gott freut sich, wenn die Menschen sich auf gute Weise miteinander freuen. Fasnacht ist ein lebens- und schöpfungsbejahender Brauch und als Kitt wichtig für die ganze Gesellschaft.» Gerade in Sachen Psychohygiene und Erholung vom Alltag: «Es schafft eben nicht jeder, dem Hamsterrad zu entkommen. Der Alltag ist heutzutage extrem durchgetaktet.»

Zwei närrische Pfaffen mit Weihrauch

Zurück ans Reussufer, wo das fasnächtliche Treiben mittlerweile stark angeschwollen ist. Zwei Pfaffen schlendern des Wegs entlang und schwenken ein Weihrauchfass.

Diese beiden närrischen Pfaffen drücken an Fasnacht für einmal beide Augen zu in Sachen sechstem Gebot.
Diese beiden närrischen Pfaffen drücken an Fasnacht für einmal beide Augen zu in Sachen sechstem Gebot.

«Wie sündig es an Fasnacht zugehen darf? Es ist alles erlaubt», sagt einer der beiden Fasnachts-Fake-Geistlichen voller Inbrunst. «Man kann hinterher ja zu uns kommen, wir regeln das dann schon.» Lacht und verschwindet im Getümmel.


Fasnächtlerinnen in Luzern. | © Wolfgang Holz
17. Februar 2023 | 11:51
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