Illumination aus dem Itinerarium des Odorico da Pordenone (Detail), franz. Manuskript (1410–12), Mazarin-Meister.
Religion anders

Wie heiss ist die Hölle? Inszenierungen eines Unorts

Es ist heiss, die Kleider kleben am Körper, der Geist arbeitet langsamer. Heute soll es endlich kühler werden in unseren Gefilden. Das ist gut, denn viele empfinden die hohen Temperaturen als «Höllenqualen». Doch, ist es in der Hölle tatsächlich heiss?

Natalie Fritz

Es tropft und klebt allenthalben. Im eigenen Saft gegart, so fühlt man sich dieser Tage. Verschiedene Tageszeitungen und Newsportale erzählen von «höllischer Hitze» und «infernalischen Temperaturen» in Europa und der Welt. Wenn es heiss wird, dann sind wir schnell mit dem Höllen-Vergleich zur Hand. Doch, weshalb gehen wir davon aus, dass es in der Hölle heiss ist? Gibt es auch religiöse Traditionen, die kalte Höllen inszenieren?

Feuerseen und Öfen in der altägyptischen Unterwelt

Die Hölle als Vorstellung eines Straforts im Totenreich, der meist tief unter der Erde liegt und wo den schlechten Menschen ihre bösen Taten vergolten werden, war schon lange vor dem Christentum bekannt. So sind etwa Höllenvorstellungen aus dem Alten Ägypten bildhaft und textlich festgehalten. Jede und jeder muss sich einem Totengericht stellen und bekommt dann, gemessen an den Handlungen während des Lebens, was sie oder er verdient.

Totengericht. Relief im Innenraum des Hathor-Tempels von Deir el-Medina.
Totengericht. Relief im Innenraum des Hathor-Tempels von Deir el-Medina.

Interessant ist, dass es vor dem Gericht keinen Kläger gibt, sondern die Verstorbenen selbst aufzählen müssen, was sie alles nicht getan haben. Mit diesem negativen Sündenbekenntnis erhoffte man sich, einen positiven Gerichtsentscheid herbeizuführen. Denn die Frevlerinnen und Frevler wurden – wie etwa im «Buch von der Erde» beschrieben – in der Unterwelt an den Ort der Vernichtung gebracht.

Altägypt. Feuerseen. Vortragsstill "Feuerseen und Inferno", A. Schlüter.
Altägypt. Feuerseen. Vortragsstill "Feuerseen und Inferno", A. Schlüter.

Dort erwarteten sie nebst anderen Qualen Feuerseen, mit Feuer gefüllte Gruben oder «Feueröfen», die nicht nur ihren Körper, sondern ihre gesamte Existenz verbrannten. Da es für die altägyptische Jenseits-Vorstellung zentral war, dass die Menschen nach dem Tod weiterlebten, war diese totale Auslöschung die grösste Strafe überhaupt.

«Hölle auf Zeit» im Judentum

Die Vorstellung einer Hölle als Ort der Vergeltung und des Feuers entsteht im Judentum erst am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. Die Gehenna (Ge-Hinnom) bezeichnet eine Bestrafungs-Hölle, die an einem konkreten Ort, dem Hinnomtal, lokalisiert war. Zuvor war die Hölle als Ort der Strafe nicht bekannt und hat sich wohl durch Kulturkontakt entwickelt.

Ge-Hinnom-Tal (Gehnna) um 1900, The Jewish Encyclopedia (1901–06).
Ge-Hinnom-Tal (Gehnna) um 1900, The Jewish Encyclopedia (1901–06).

Warum gerade im Hinnomtal? Das Tal liegt ausserhalb der Stadtmauern Jerusalems. Einerseits wurde dort Müll entsorgt und verbrannt, andererseits liess König Hisika im 7. Jahrhundert v. Chr. dort eine neue Nekropole bauen. Zudem bezeugen mehrere Schriften (2 Kön 23,10; Jer 32,35), dass im Hinnomtal dem Gott Moloch Kinderopfer dargebracht wurden. So wird Ge-Hinnom zum Symbol der Gottwidrigkeit. Im apokalyptischen 4. Buch Esra, das um 100 n. Chr. entstanden ist, wird Gehenna am Tag des Weltgerichts zum Ofen für die Verdammten.

Mit der Zeit entwickelte sich zudem das Konzept einer «Hölle auf Zeit», wo die Seelen der Toten gereinigt werden. Diese Periode der Reinigung ist meist auf zwölf Monate begrenzt und am Sabbath wird nicht bestraft. Nach Maimonides (ca. 1135–1204) dient die Hölle im Sinne der Gehenna nur dazu, die Menschen an die Einhaltung der Gebote zu ermahnen. Seiner Meinung nach würden die Seelen der schlechten Menschen einfach ausradiert.

Dieses «Nicht-Teilnehmen» an der kommenden Welt ist die grösste Strafe für gläubige Jüdinnen und Juden, weil sie eine Gottesentfernung impliziert. Im Temperatur-Kontext könnte man sich überlegen, diese Gottesferne, diesen Liebesentzug mit (Herzens-)Kälte gleichzusetzen… Diese Hölle wäre dann eisig kalt und ewig.

Islamische Höllenvorstellungen – zwischen brennend heiss und eisig kalt

Auch im Koran geht es für die schlechten Menschen heiss zu und her. In der Sure 11, 106–107 steht zu lesen: «Die Unseligen werden im Höllenfeuer sein, wo sie laut aufheulen und hinausschreien, und wo sie weilen, solange Himmel und Erde währen – soweit es dein Herr nicht anders will.»

Mohammed besucht die Hölle. Persische Malerei, 15. Jh.
Mohammed besucht die Hölle. Persische Malerei, 15. Jh.

Die Hölle hat die Form eines feurigen Abgrunds, den alle Toten überqueren müssen. Wer schlecht ist, fällt hinunter. Die Hölle wird Dschahannam genannt, der Name ist von Gehenna abgeleitet. Ähnlich dem christlichen Fegefeuer, können die Flammen der Dschahannam die Sünden der verstorbenen wegwaschen. Die Dschahannam hat sieben Etagen und je schwerer die Vergehen, desto tiefer hinab geht es. Die Frevlerinnen und Frevler der oberen Etagen werden unter anderem mit Feuer und Hitze bestraft, die ihnen etwa die Haut versengen oder von innen verbrennen.

In anderen islamischen Vorstellungen ist die Hölle eine Unterwelt, die bis zum jüngsten Tag und aus sieben Erden, also Schichten, besteht. In der untersten Schicht herrscht eisige Kälte und dort lebt auch Iblis, der Gegenspieler des Menschen, der ein satansähnliches Wesen ist.

Christliche Hölle und ihre kleine Schwester das Fegefeuer

«Lasst alle Hoffnung fahren, die Ihr eintretet.» Die christliche Hölle, wie sie Dante in der Divina Commedia (Göttlichen Komödie) ausmalt, ist ein grausiger Ort. Da gibt es Feuer und Hitze aber auch ganz viele andere Foltermethoden, um die Sünderinnen und Sünder entsprechend ihren Vergehen zu quälen. Ob man sich im Christentum unter dem Höllenfeuer ein materielles Feuer vorstellen muss oder eher ein geistiges, welches das sündige Gewissen von innen verzehrt, ist bis heute umstritten.

Mittelalterliche Hölle, Herrad von Landsberg um 1180.
Mittelalterliche Hölle, Herrad von Landsberg um 1180.

Die bildhaften Höllenvorstellungen gingen vor allem auf Augustinus (354–430) zurück, der die Höllenlehre auf der Lehre der Erbsünde aufbaute. Gemäss der sind alle Menschen von Geburt weg sündig, nur die Auserwählten können in den Himmel kommen. Wer in der Hölle ist, bleibt dort ewig – auch hier stellt die Gottesferne die grösste Strafe dar.

Im Mittelalter wurde dann das in der Antike entstande Prinzip einer postmortalen Reinigung von Sünden wieder attraktiv. Die Idee: wer nicht gut genug für den Himmel ist, der wird im Fegefeuer, dem Purgatorium (lat. purgare = reinigen), geläutert. Mit Spenden und Gebeten konnte ein Sündenablass erkauft werden und die verstorbene Seele somit das Fegefeuer überspringen oder nach kurzer Zeit verlassen. Für Martin Luther war dieser Ablasshandel Grund genug, eine Reformation der katholischen Kirche anzustreben. Ihm missfiel, dass sich die Kirche das Recht nahm, Seelenheil zu verkaufen.

Ist sie nun heiss oder kalt?

Obwohl seit dem Mittelalter die Feuerhölle die christlichen Vorstellungen dominierte, inszenierte Dante Alighieri (1265–1321) in der Commedia den innersten und untersten Punkt der Hölle als eisigen See. Dort sitzen neben Luzifer die drei «Erzverräter» Brutus, Cassius und Judas ein.

Göttliche Komödie, im Zentrum der Hölle. Luzifer und die drei Erzverräter (Judas im mittleren Maul), Priamo della Quercia (15. Jh.).
Göttliche Komödie, im Zentrum der Hölle. Luzifer und die drei Erzverräter (Judas im mittleren Maul), Priamo della Quercia (15. Jh.).

Luzifer ist eingefroren und aus jedem Maul seiner drei Gesichter ragt einer der Erzverräter. Am schlimmsten steht es um Judas, dessen Kopf in Luzifers Maul steckt. Luzifer nagt an Judas Kopf und zerfetzt gleichzeitig dessen Rücken mit seinen krallenbewehrten Händen. Der Verrat an Jesus und somit an Gott wird aufs blutigste geahndet.

Ungemütlicher Platz: Hölle in Miltons «Paradise Lost», 1866, Gustave Doré, Book X, 521–523.
Ungemütlicher Platz: Hölle in Miltons «Paradise Lost», 1866, Gustave Doré, Book X, 521–523.

In John Miltons (1608–1674) Paradise Lost (Das verlorene Paradies) wird die Hölle als Ort der Extreme beschrieben, an dem kein Leben möglich ist, weil es dort zugleich heiss und kalt, trocken und feucht ist. Bei Milton ist Gott die Wärme, die das Leben spriessen und Satan die Kälte, die alles erstarren lässt.

Die Hölle als Ort der Gottesferne ist in allen Vorstellungen zentral. Ob die Hölle deshalb nun als heisser Feuerofen oder eisiger See inszeniert wird, spielt letztlich keine Rolle. Es geht darum, ein gutes Leben zu führen und sich nichts zuschulden kommen zu lassen, egal ob man an Himmel oder Hölle glaubt. Oder um es mit Milton zu sagen: «Der Geist ist eine Stätte für sich, er kann aus dem Himmel eine Hölle und aus der Hölle einen Himmel machen.» (Buch I, 254–263)


Illumination aus dem Itinerarium des Odorico da Pordenone (Detail), franz. Manuskript (1410–12), Mazarin-Meister. | © Wikimedia Commons/BnF/Gallica, gemeinfrei
26. August 2023 | 06:45
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