Wiborada Beck: «Es ist schön, mit einem starken Namen durchs Leben zu gehen»
Wiborada Beck aus Arbon hat einen Namen, den in der Schweiz nur zwei Frauen haben. Ihr Vater kämpft, dass er seine Tochter so nennen darf – und sie trägt mit grosser Verbundenheit. Sie wird mehrere Tage in der Wiborada-Zelle sein.
Jacqueline Straub
Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag. Feiern Sie Ihren Namenstag?
Wiborada Beck*: Vielen Dank. Als ich ein Kind war, wurde unser Namenstag etwa gleich wie der Geburtstag gefeiert: Eine kleines Geschenk, und wir durften das Mittagessen wählen. Seit ich erwachsen bin, denke ich einfach selber an meinen Namenstag und habe einige stille Minuten für mich.
Was bedeutet Ihr Name?
Beck: Wiborada ist die lateinische Fassung des althochdeutschen «Wiberat», was heisst der «Weiberrat» oder die «weibliche Ratgeberin». Mich hat dabei immer überrascht, dass die Heilige Wiborada genau zu dem wurde, was ihr Name bedeutet.
Gefällt Ihnen Ihr Name?
Beck: Ja, mir gefällt mein Name sehr, ich mag den Klang und auch die Bedeutung. Ich war schon als Kind zufrieden mit meinem Namen, das Spezielle hat mir gefallen. Als zweiten Namen habe ich den Namen Maria, den ich auch wunderschön finde. Es ist schön, mit einem starken Namen durch das Leben zu gehen. Zudem ist es immer interessant, wie Leute darauf reagieren.
Was für Reaktionen haben Sie schon auf Ihren Namen gehört?
Beck: Normalerweise verstehen die Leute den Namen nicht auf Anhieb, und wenn sie ihn verstanden haben, fragen viele nach: Woher kommt denn das?! Sie erwarten etwas Fremdländisches, Tschechisch am ehesten oder sonst etwas Östliches. Sie sind dann sehr erstaunt, wenn ich anführe, dass der Name aus St. Gallen stammt. Manchmal interessiert es Leute, was für eine Geschichte dahintersteht, und so sind wir gleich in einem interessanten Gespräch. Als ich jugendlich war, habe ich mir einen Spass daraus gemacht, irgendetwas zu erzählen wie zum Beispiel, das sei eine türkische Sklavenbefreierin gewesen. Lustig fand ich dann, wie solche Geschichten viele Leute weit mehr interessierten als die Mitteilung, es sei eine Heilige.
Warum haben Ihre Eltern Sie Wiborada genannt?
Beck: Mein Vater ist in St. Gallen-St. Georgen aufgewachsen, wo sich die Wiboradakapelle befindet. Er hatte eine innige Beziehung zur Heiligen Wiborada und wünschte sich diesen Namen für mich. Mir hat er mehrmals lachend gesagt, diese Heilige sei stark unterbeschäftigt.
Hatte Ihre Mutter auch einen Bezug zu Wiborada?
Beck: Meine Mutter ist eine Nichte des Kunstmalers Ferdinand Gehr, welcher die Fresken in der Wiboradakapelle gemalt hat. So hatten beide Eltern einen Bezug zu diesem Namen. Ich habe zu meiner Geburt einen schönen Gehr-Entwurf zur Wiboradafreske bekommen.
«Dieser teilte dem Amt mit, dass der Name Wiborada unbedingt zu akzeptieren sei.»
Die Namensgebung Ihres Vaters stiess auf Widerstand. Es hiess, dass Wiborada kein Name sei. Was machte er?
Beck: Ich kam in Gossau SG auf die Welt. Als mein Vater mit dem Familienbüchlein auf dem Amt war, um mich eintragen zu lassen, erhielt er den Bescheid, dass man ein Kind nicht Wiborada nennen könne. Meine Eltern waren vor den Kopf gestossen und riefen den damaligen Stiftsarchivar in St. Gallen an. Dieser teilte dem Amt mit, dass der Name Wiborada unbedingt zu akzeptieren sei. So wurde ich dann als Wiborada Maria eingetragen und auch getauft.
Was verbinden Sie mit Ihrer Namenspatronin, der Heiligen Wiborada?
Beck: Wiborada war eine starke, weise und hellsichtige Frau. Sie vertraute ihrer Intuition, ihren Traumbildern. Schon als Kind distanzierte sie sich aufgrund einer spirituellen Erfahrung vom Reichtum ihrer Eltern und von den Annehmlichkeiten eines wohlhabenden Lebens. Sie und ihr Bruder Hitto pilgerten als starkes Team nach Rom, man stelle sich so eine Fussreise in der damaligen Zeit vor! Dort wuchs der Wunsch in ihr, als Inklusin zu leben, welchen sie dann nach der Rückkehr konsequent verfolgte.
«Mich beeindruckt ihre Autonomie in einer sehr patriarchalisch geprägten Zeit.»
Was fasziniert Sie an der St. Galler Stadtpatronin?
Beck: Wiborada hat ihre Spiritualität und ihr Streben nach dem Göttlichen verbunden mit der Hingabe und dem Dienst an die Menschen. Durch ihren konsequenten Rückzug in die Zelle war sie gleichzeitig für die Menschen immer da. Mich beeindruckt ihre Autonomie in einer sehr patriarchalisch geprägten Zeit. Sie war als Ratgeberin klar und unbestechlich und hat sich nicht gescheut, auch hohe Herren zurechtzuweisen.
Aber am eindrücklichsten finde ich ihre starke Sehnsucht und ihr Vertrauen in die Verbundenheit mit dem Göttlichen.
Haben Sie einen Spitznamen?
Beck: Als jüngstes Kind war ich «Wiboradeli» oder auch «Wibeerli». Gar nicht mochte ich es, wenn mein ältester Bruder mich «Wiprat» rief. In der Schulzeit war ich «Wibo», und an meiner Arbeitsstelle nennen mich einige «Wibi», was ich sehr mag.
Sie werden im August und September fünf Dienstage in der Wiborada-Zelle verbringen – sogar an Ihrem Geburtstag lassen Sie sich einschliessen. Was erwarten Sie?
Beck: Ich freue mich sehr darauf, in der Zelle zu sein, einfach da zu sein. Wenn man mit dieser Geschichte aufwächst, ist es ein wenig wie Zuhause. Es werden vielleicht Menschen kommen, Gespräche, und ich werde mich in die Psalmen vertiefen – die Heilige Wiborada konnte alle auswendig – singen, schreiben und malen.
Die Idee, dass im Wiborada-Jubiläumsjahr jeden Tag jemand in der Zelle ist, ist wunderbar und ich bin dem Wiborada-Komitee dankbar dafür. Am schönsten daran ist das Gemeinschaftliche: Es machen so viele Menschen mit, dass es gelingt, jeden Tag jemand in der Zelle zu haben. Ich bin mir sicher, Wiborada hat ihre Freude daran.
*Wiborada Beck (63) ist Primarlehrerin aus Arbon. Sie ist eine von zwei Frauen in der Schweiz, die Wiborada heissen.
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