Weihnachtskrippe in der Kathedrale St. Ursen in Solothurn.
Schweiz

«Weihnachten ist jedes Jahr komplett anders»

Ute Van Appeldorn und Ruedi Beck haben schon oft an Weihnachten gepredigt und tun es auch dieses Jahr wieder. Kath.ch hat die Zürcher Pfarreibeauftragte und den Luzerner Priester gefragt, was die Herausforderung ausmacht, wie sie sich vorbereiten und ob das Alle-Jahre-wieder für sie ein Problem darstellt.

Barbara Ludwig

Weihnachten steht vor der Tür – und viele Pfarrer und Seelsorgende bereiten in diesen Tagen ihre Predigt zum Fest der Geburt Christi vor. So auch Ute Van Appeldorn, die Pfarreibeauftrage von Dreikönigen in Zürich, und Ruedi Beck von der Luzerner Pfarrei St. Leodegar im Hof. Beide haben zwischen 20 und 25 Weihnachtspredigten gehalten.

Das Alle-Jahre-Wieder ist weder für sie noch für ihn ein Problem. «Ich sehe es als Chance, dass wir alle Jahre wieder Weihnachten auch und immer noch als christliches Fest gottesdienstlich feiern», sagt Ute Van Appeldorn.

Es gehe um ein «Geheimnis unseres Glaubens, das unerschöpflich ist», sagt Ruedi Beck. Zudem verändere er selbst sich von Jahr und zu Jahr, was auch für die Menschen gelte, die die Predigt hören. «Die ganze Welt verändert sich. Weihnachten ist jedes Jahr komplett anders», so Beck.

Der Priester hat sich bisher jedes Mal gefreut, für dieses Fest predigen zu dürfen. «Das Wunder der Menschwerdung Gottes fasziniert mich derart, dass es mir leichtfällt, darüber zu predigen.»

«In der Corona-Zeit hatte ich Mühe mit der Weihnachtspredigt.»

Ute Van Appeldorn hingegen hat einmal erlebt, dass ihr die Vorbereitung schwerfiel. «An Weihnachten 2021 in der Corona-Zeit, da hatte ich Mühe mit der Predigt.» Damals spaltete die Impffrage die Gesellschaft.

«Die Stimmung erlebte ich teilweise als sehr angespannt, explosiv und auch aggressiv», so Appeldorn. Geholfen habe ihr damals ein Gedicht der evangelischen Theologin und Schriftstellerin Tina Willms (siehe Box). «Damals dachte ich, genau das feiern wir an Weihnachten: Dass wir in all dem Belastenden und Schwierigen Gott an unserer Seite wissen dürfen.»

Müdigkeit fordert heraus

Für Ruedi Beck hat die besondere Herausforderung der Weihnachtspredigt schlicht mit der Tageszeit zu tun. Es komme darauf an, ob es um die Predigt in der Nacht des 24. Dezembers oder jene am Morgen des 25. Dezembers geht. «In der Nacht besteht für mich die Herausforderung darin, dass ich müde bin, und auch die Leute sind müde. Am Tag besteht die Herausforderung darin, dass ich vorher zu wenig geschlafen habe und allenfalls die Konzentrationskraft beeinträchtigt ist.»

Ute Van Appeldorn sieht eine Herausforderung darin, «die Predigt wichtig genug zu nehmen, um sie sorgfältig vorzubereiten, sie aber auch nicht zu wichtig zu nehmen». Am Ende sei sie auch «nur» ein Bestandteil eines grösseren liturgischen Ganzen.

Dialogischer Prozess

Bei der Vorbereitung nimmt sich die Pfarreibeauftragte zum einen viel Raum und Zeit für den biblischen Text, auch in der Stille, um herauszufinden, «was dieser Text innerlich in mir bewegt». Das gelte für alle Predigten, nicht nur die an Weihnachten.

Ute Van Appeldorn, Pfarreibeauftrage von Dreikönigen in Zürich.
Ute Van Appeldorn, Pfarreibeauftrage von Dreikönigen in Zürich.

Manchmal provoziere ein Text, irritiere, beruhige oder tröste. «Alles darf sein», so Van Appeldorn. Zum andern versuche sie, sehr aufmerksam wahrzunehmen, was die Menschen um sie herum gerade bewege. «Ich stelle mir vor, was ihnen durch Kopf und Herz gehen könnte, wenn sie den Bibeltext hören.»

Dann erst setze sie sich hin und schreibe. Nicht selten sei sie überrascht vom Ergebnis. «Es kommt eben nicht einfach aus mir.» Es sei ein dialogischer Prozess: «Ich bin im Austausch mit den Menschen, mit mir selbst, mit denen, die die Texte geschrieben haben und am Ende auch mit Gott.»

«Ich lebe mit diesen Worten zusammen, wie in einer WG.»

Ruedi Beck, der seine Predigten nie aufschreibt, schöpft beim Predigen – nicht nur an Weihnachten – aus einer jahrzehntelangen, intensiven Beschäftigung mit der Bibel. «Seit 45 Jahren lese und meditiere ich täglich die Bibel und lasse mich von ihrer Kraft verändern», sagt der Priester. Zudem tausche er sich regelmässig mit anderen Menschen über den Inhalt und die Wirkung biblischer Texte aus und lese theologische Bücher aus allen Jahrhunderten der Christenheit.

Ruedi Beck, Pfarrer von St. Leodegar in Luzern.
Ruedi Beck, Pfarrer von St. Leodegar in Luzern.

«Ich erlebe immer mehr, dass diese Worte zu mir reden. Ich lebe mit diesen Worten zusammen, wie in einer WG. Sie beglücken mich, fordern mich heraus, beunruhigen mich, motivieren mich, stören mich, drängen mich, bremsen mich, verunsichern mich», umschreibt Beck seine Erfahrung.

Ein paar Tage vor dem Predigttermin beginne er, die konkreten Texte des bevorstehenden Gottesdienstes intensiver zu erkunden und «im Herzen zu bewegen» und innerlich mit den Menschen, die die Predigt hören werden, und der heutigen Welt und Kirche zu verbinden. «So wächst in mir die Klarheit, was ich gerne mit den Menschen teilen möchte.» Auch das Gebet gehört für den Priester zur Vorbereitung. «Ich bete, empfehle mich und die Menschen dem Heiligen Geist und rede möglichst aus Liebe zu den Menschen, die da sind und mein Reden beeinflussen.»

Keine spezielle Botschaft für seltene Kirchgänger

An Weihnachten besuchen oft Menschen den Gottesdienst, die das Jahr über nicht zur Kirche gehen. Weder Beck und noch Van Appeldorn berücksichtigen dies in ihrer Predigt, etwa mit einer speziellen Botschaft. «Es sind die gleichen Menschen wie die, die regelmässig kommen», sagt der Luzerner Priester. Sie hätten die gleichen Sehnsüchte, Erfolge, Frustrationen, Hoffnungen. Allenfalls verzichte er auf gewisse innerkirchliche Ausdrücke.

Ute Van Appeldorn erinnert sich, dass in ihrer letzten Einsatzpfarrei immer eine Gruppe junger Leute an Heiligabend zum Gottesdienst kam. «Ich bin mir sicher, dass sie nicht nur wegen mir und meiner Predigt kamen oder eine spezielle Botschaft erwarteten.» Deren treue Anwesenheit habe sie immer sehr berührt, sagt die Pfarreibeauftragte. «Die jungen Erwachsenen sassen immer oben auf der Empore, sie wirkten zwar immer etwas scheu, aber sie haben auf ihre Art Zeugnis davon abgelegt, dass Weihnachten für sie mehr ist als ein Familienfest.»

Ute Van Appeldorns Predigthilfe

Vor der Tür

Die Liebe war es.
Sie hat ihn aus dem Himmel
zur Erde getrieben.
Menschenleid hat das Herz
ihm zerrissen.

Die Liebe war es.
Sie hat seinen Traum
leise aufgeweckt.
Da kam er, um unter uns
die Welt zu verändern.

Die Liebe war er.
Und er ist
und er bleibt
und klopft als Hilfe
an unsere Tür.

Tina Willms. Aus dem Buch: Zwischen Stern und Stall. Ein Begleiter durch die Advents- und Weihnachtszeit. Andacht, Gedichte und Gebete. 4. Auflage 2020, Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn.

Ute Van Appeldorn predigt an Heiligabend, 24. Dezember, in der Pfarrei Dreikönigen in Zürich-Enge. Ruedi Beck predigt am 25. Dezember um 8.15 Uhr und um 11 Uhr in der Luzerner Hofkirche.

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Weihnachtskrippe in der Kathedrale St. Ursen in Solothurn. | © Jacqueline Straub
18. Dezember 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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