Weg vom «Sprachrohr» der Bischöfe: Schweizer Kirche plant nationale Ethik-Fachstelle
Nach über zehn Jahren Schwebezustand scheint die Ethik-Frage der Schweizer Kirche bald gelöst. Die Schweizer Bischöfe, die RKZ und Fastenaktion planen auf den Herbst eine neue Fachstelle «Ethik und Gesellschaft» – um in Sachen Ethik stärker präsent zu sein. Die überraschende Wende einer langen Geschichte.
Regula Pfeifer
Mit der neuen Fachstelle «Ethik und Gesellschaft» möchten sie «ihre sozialethische Stimme in der Öffentlichkeit durch Publikationen, Öffentlichkeitsarbeit und Bildungsangebote stärken», schreiben die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Römisch-katholische Zentralkonferenz (RKZ) und das katholische Hilfswerk Fastenaktion in einer Mitteilung.
Ethische Orientierung geben
Dabei sollen die katholische Anthropologie und Soziallehre in die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskussionen einfliessen. Die katholische Kirche wolle so Orientierung geben bei Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Solidarität und Subsidiarität.
Die Dienstelle wird Hintergrundinformationen, Entscheidungsgrundlagen, Stellungnahmen und Positionspapiere zu anstehenden Abstimmungen und Referenden erarbeiten, heisst es seitens der Trägerorganisationen. Sie werde in der Vernetzung aktiv und organisiere Anlässe.
Konzentration und Vernetzung
In der Fachstelle «Ethik und Gesellschaft» werden die bestehenden Gremien «Justitia et Pax» und «Bioethik-Kommission» vernetzt. Ihre strategische Leitung übernehmen Vertretende der drei Trägerorganisationen. Der sogenannte Steuerungsausschuss wird thematische Schwerpunkte setzen, welche die Dienstelle umsetzt. Generalsekretär von «Justitia et Pax» ist Wolfgang Bürgstein.
Während die beiden Ethikkommissionen seit Jahren bei der Schweizer Bischofskonferenz angesiedelt sind und also unter deren Leitung stehen, geschieht mit dem institutionellen Einbezug von RKZ und Fastenaktion eine Öffnung. Für die angestrebte öffentliche Präsenz in Sachen Ethik brauche es Geld, sagt Davide Pesenti, SBK-Generalsekretär. Dieses werde von den beiden Partnern eingebracht. Wobei diese bereits «seit Jahren die Arbeit der beiden ethischen SBK-Kommissionen finanzieren».
«Sprachrohr»-Frage entspannen
Urs Brosi, Generalsekretär der RKZ, sieht in der Dreierkonstellation eine Chance für die Unabhängigkeit der Fachstelle: «Die tripartite Trägerschaft und das Vertragskonstrukt sollen es erleichtern, dass die Dienststelle möglichst unabhängig Stellungnahmen und Empfehlungen erarbeiten und verfassen kann, ohne als «Sprachrohr» der Bischöfe, des Hilfswerks oder der RKZ zu handeln und als solches wahrgenommen zu werden.»
«Die Verlautbarungen der beiden SBK-Kommissionen wurden in der Vergangenheit von den Medien häufig als Stimme der Bischöfe dargestellt, was zu Spannungen führte, wenn die Kommissionen sich nicht ganz im Rahmen des römischen Lehramts bewegten», schreibt Urs Brosi. Die Dreier-Trägerschaft «wird das Problem nicht vollständig lösen, aber hoffentlich entspannen, indem die Kommissionen als Organe der neuen Dienststelle gesehen werden, für die die SBK nicht allein die Verantwortung trägt».
Anregung der Bischöfe 2019
«Das partnerschaftliche Projekt geht auf eine Anregung der Bischöfe zurück», so Brosi. Die Bischofskonferenz hat im Dezember 2019 eine Neuorganisation der ethischen Kommissionen beschlossen. Darauf habe die SBK-Vertretung das Anliegen in den Kooperationsrat von SBK und RKZ eingebracht.
Fastenaktion als «treibende Kraft»
«Fastenaktion war von Anfang an eine treibende Kraft in diesem Projekt», sagt Helena Jeppesen-Spuler. «Denn Fastenaktion unterstützt seit vielen Jahren die Arbeit der Kommission Justitia et Pax.» Jeppesen selbst ist in der Kommission vertreten. Das Hilfswerk könne von den sozialethischen Einordnungen profitieren, für die es selbst nicht genügend Ressourcen hätte.
Die Trägerorganisationen sind im Steuerungsausschuss der Fachstelle vertreten – gemeinsam mit den Vorsitzenden der beiden Ethikkommissionen. Der Steuerungsausschuss lege die Themen fest, die von den Kommissionen prioritär zu behandeln seien, erklärt Urs Brosi. Über diese Prioritäten hinaus können die Kommissionen Themen wählen, entsprechend der Erfordernisse der nationalen Politik oder allfälliger Ereignisse.
«Die RKZ ist zwar an der Wahl der Themen beteiligt, nicht aber an der ethischen Positionierung», hält Brosi fest. Es sei nicht Absicht der RKZ in Sachen Ethik mehr mitzureden – und auch vertraglich nicht möglich.
Proaktive Zusammenarbeit
Der Schritt zur Gründung einer Ethik-Fachstelle hat eine lange Vorgeschichte. Dass dies jetzt möglich wird, ist wohl kein Zufall. «Wir machen zurzeit die Erfahrung einer guten und proaktiven Zusammenarbeit, die konsensorientiert nach gemeinsamen Wegen sucht», so Brosi. Die Basis dafür bilde die langjährige Zusammenarbeit der drei Träger in verschiedenen Gremien.
Vorgeschichte: Umzug und Proteste
Vor fünf Jahren sah alles ganz anders aus. 2019 feierte die bischöfliche Ethik-Kommission «Justitia et Pax» ihr 50-jähriges Bestehen – und befand sich in einem Schwebezustand. Sie war 2012 von Bundesbern nach Freiburg gezügelt worden – an den Sitz der Schweizer Bischofskonferenz. Und sie war verkleinert worden.
Es gab Proteste, Rücktritte und die Forderung, der Kommission ihre ursprüngliche Stärke und Eigenständigkeit zurückzugeben. Die SBK wolle mit der Verlegung die ethische Stimme kontrollieren, monierten kritische Stimmen in der Kirche.
Wenig hat sich bei «Justitia et Pax» seither geändert. Es gibt auch eine zweite Ethik-Kommission, die Bioethik-Kommission. Beide Kommissionen äussern sich ab und zu zu gesellschaftlichen Fragen.
SBK-Gremien «unter einem Dach»
Die Frage, ob die SBK «Justitia et Pax» damals stärker kontrollieren wollte, kann der aktuelle SBK-Generalsekretär Davide Pesenti nicht beantworten. Er könne jedoch bezeugen, schreibt er, «dass die Präsenz der geschäftsführenden Sekretäre der jeweiligen SBK-Gremien unter dem gleichen Dach die Koordination und den Informationsfluss klar vereinfacht und somit die Zusammenarbeit effizienter gestaltet.» Dabei erwähnt er namentlich die Gremien «Justitia et Pax», Bioethik, Migration, Frauenrat sowie Dialog mit den Muslimen.
Nun entsteht also im Herbst eine neue Fachstelle, bei der die Frage von Kontrolle und Eigenständigkeit neu gelöst wurde – mit einer Dreiteilung der Verantwortung zwischen der Bischofskonferenz, der RKZ und Fastenaktion.
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