Vatikan

«Was ich bis jetzt gesehen habe, hat mich echt umgehauen»

Rom, 24.3.18 (kath.ch) Der junge Katholik Jonas Feldmann hadert immer wieder mit der Kirche. Als kirchenferner Teilnehmer an der Vorsynode in Rom ist er dennoch beeindruckt von der offenen Debattenkultur dieser Tage in Rom. Im Interview mit kath.ch sagt er, was er vom Schlussdokument hält.

Francesca Trento

Herr Feldmann, Sie hadern oft mit der Kirche. Warum treten Sie nicht aus?

Jonas Feldmann: Würden alle austreten, die nicht mit allem einverstanden sind, was die Kirche vertritt, würde der Kirche etwas Wichtiges fehlen: Kritische, hinterfragende Menschen. Das wäre fatal.

«Das jetzige Dokument hat mich umgehauen.»

Warum?

Feldmann: Würde man sich nicht immer wieder hinterfragen, gäbe es keinen Fortschritt, keinen Wandel. Aber das Leben ist Wandel. Die Kirche darf nicht als einzige stehen bleiben, während sich um sie herum alles verändert. Die Vorsynode ist eine tolle Chance für uns Junge, Kritik und neue Ideen anzubringen.

Konnten Sie Kritik anbringen?

Feldmann: Das Dokument wird am Samstag vorgestellt. Was ich bis jetzt gesehen habe, hat mich echt umgehauen – positiv. Aber ja, wir haben um die Wette kritisiert, debattiert und manchmal sogar etwas gestritten (lacht). Trotzdem waren alle immer sehr offen, tolerant und fair zueinander. Die Art und Weise, wie wir debattiert haben, der gegenseitige Respekt, das Zuhören – das hat mich beeindruckt.

Über welche Themen haben Sie gestritten?

Feldmann: Zum Beispiel über Homosexualität. Manchmal gab es Ansichten, da dachte ich bloss: «Okay, du hast wohl die letzten hundert Jahre verpasst.» Aber das denke ich auch sonst, wenn mir konservative Menschen begegnen. Hier war das irgendwie okay.

 »Ob konservativ oder nicht, spielte keine Rolle.»

Warum?

Feldmann: Trotz allen kulturellen und ideologischen Unterschieden konnten wir miteinander reden, voneinander lernen. Das wollten eben alle hier. Ob konservativ oder nicht, spielte keine Rolle. Ich musste mir selber eingestehen, dass die Realität, die ich in der Schweiz erlebe, nicht dieselbe Realität ist, die junge Leute in anderen Teilen der Welt erleben.

Ihr musstet schliesslich aber ein gemeinsames Dokument schreiben. Ging das?

Feldmann: Ja! Wir haben wirklich einen Weg zueinander gefunden – sogar bei den Fragen, die anfangs auseinander klafften. Und – auch wenn wir heftig diskutierten und unsere Meinungen zu gewissen Fragen nicht immer übereinstimmten, am Ende des Tages konnten wir uns als gute Freunde begegnen. Ich habe viele inspirierende Menschen kennengelernt und bin sehr dankbar dafür.

Das Blatt hat sich also auch bei Ihnen gewendet?

Feldmann: Es musste sich gar nicht wenden. Von Anfang an war dieser Anlass für mich äusserst interessant, so viele Junge Menschen auf einem Haufen zu treffen und zu merken: Wir sind alle gleich, wir verstehen uns alle und haben vor allem eins gemeinsam: Wir teilen gemeinsame – christliche – Werte.

«Sie haben keine Perspektiven. Wir haben zu viele.»

Feldmann: Ich glaube aber auch, dass nach einer Woche von morgens bis abends zusammenzusitzen, gemeinsam zu essen und sogar noch einen Zimmergenosse zu haben: Das macht einander gegenüber noch toleranter und verständnisvoller. Ich begann zu verstehen, warum jede und jeder genauso tickt, wie sie oder er eben tickt.

Was meinen Sie damit genau?

Feldmann: Wir hatten unter anderem  auch Junge aus Afrika in der Gruppe. Sie schlagen sich zu Hause mit anderen Problemen rum als wir Schweizer Jugendliche: Sie haben keine Arbeit, keine Perspektive, keine Möglichkeiten. Wir haben zu viel Arbeit, zu viel Perspektive, viel zu viele Möglichkeiten.

Da muss man zuerst einmal versuchen sich reinzufühlen – was natürlich unmöglich ist. Aber: Versucht man es eine Weile lang – und das konnten wir diese Woche – schafft man es auch, ein solches Dokument zu schreiben. Und tatsächlich: Es passt allen, die ich bis jetzt gehört habe.

Jonas Feldmann an der Vorsynode | © Bernard Hallet
24. März 2018 | 09:54
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