Schweiz

Was für und gegen Facebook-Gottesdienste spricht

Die Corona-Pandemie bringt eine neue Fragestellung: Was bedeuten Facebook-Streams eines einzelnen Priesters für die Eucharistie? Ein Pro und Contra von zwei Priestern.

Erich Guntli, Werdenberg

Contra: Einsam am Altar

«Morgens empfange ich die Menschen in der Kirche, die die neuesten Entscheidungen zur Epidemie-Bekämpfung Covid-n19 noch nicht mitbekommen haben. Ich darf keine Eucharistie mehr mit ihnen feiern. Das Verständnis bei den Gläubigen dafür ist da, ebenso die Enttäuschung. In gebührendem Abstand verharren wir im stillen Gebet.

Die Aussetzung der Gottesdienste über Ostern hinaus trifft die Kirche mitten ins Herz. ‹Ecclesia› bedeutet Gemeinschaft. Dies ist nicht mehr möglich – wer weiss, wie lange?

«Ich kann nicht leibloser Kopf sein.»

Erich Guntli, Pfarrer

Die Eucharistie darf und soll von den Priestern nur noch privat gefeiert werden. So heisst es in einigen Dekreten. Privat? Die Kirche ist der Leib Christi (vgleiche Römerbrief 12,4ff). Das schreibt Paulus. Die Eucharistie ist Gottes Volksversammlung. Durch die Ordination wurde ich berufen, mit der Gemeinde zu feiern. Allein bin ich ein Gläubiger unter Gläubigen. Fehlt die Gemeinde, dann fehlen die Glieder des Leibes Christi. Ich kann nicht leibloser Kopf sein.

Nun werden verschiedene Streaming-Angebote zur Mitfeier der Eucharistie angeboten. Gut gemeint. Dabei verengt sich jedoch der Bildschirm-Horizont wieder auf den Zelebranten, als ob es eine Kirche ohne Gläubige geben könnte, das Heil einzig von den Hierarchen ausginge.

Eucharistiefeier privat? Vielen Gläubigen tut es weh, auf die Eucharistie verzichten zu müssen. Genau deshalb übe auch ich mich im Verzicht. Ich teile den Schmerz und nehme umso mehr die Sehnsucht wahr, weshalb mir die Eucharistiefeier mit der Gemeinde so viel bedeutet.»

Erich Guntli ist Pfarrer der Seelsorgeeinzheit Werdenberg (SG).

Dominique Rimaz, Freiburg

Pro: Auf Facebook vereint

«Was in dieser Krisenzeit geschieht, ist absolut beispiellos. Da ich bereits in den sozialen Netzwerken präsent bin, hatte ich wie viele meiner Kollegen die Idee, Facebook-Gottesdienste anzubieten. Die feiere ich alleine in einer Nebenkapelle der Kirche Christ-König in Freiburg und übertrage sie auf Facebook.

Die Anweisungen meiner Diözese sind klar: Ich darf keine öffentlichen Messen feiern. Wir respektieren gewissenhaft die Anweisungen des Bundesrates. Papst Franziskus lädt uns aber ein, mitten unter unserem Volk zu sein.

«Lasst uns nicht den Geruch des Virus annehmen.»

Dominique Rimaz, Priester

Ich sage mir: Lasst uns den Geruch der Lämmer annehmen und nicht jenen des Virus. Als Priester versuche ich darum, erfinderisch und kreativ zu reagieren.

Am Gottesdienst, den ich über Facebook feiere, nehmen über das Internet viele Menschen teil. Ein Gottesdienst wird normalerweise mit einem Messdiener gefeiert. Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aber aussergewöhnliche Massnahmen.

Ich feiere den Gottesdienst für jene Menschen, die zuschauen. Es ist unerlässlich, alle Menschen in Schwierigkeiten, die Kranken und die Isolierten zu erreichen. Wie eine Flasche, die ins Meer geworfen wird, weiss ich nie, wer von einem Gebet, einem Lächeln, der Vision des Geschenks, das Jesus uns gewährt, berührt wird.

Ich denke an den heiligen Nikolaus von Flüe. Ein einfacher Blick auf den Altar, wo der Priester die Messe feierte, tröstete ihn.

Die Reaktionen auf meine Gottesdienste sind positiv. Die Leute schicken mir Mails. Ich muss die Gegenwart Gottes mit meiner eigenen Präsenz unter den Menschen unterstreichen. Ich halte mich an mein Leitmotiv: Der saure Saft der Zitrone muss in eine leckere Limonade verwandelt werden.

Es gibt immer noch andere Möglichkeiten, um als Seelsorger den Bedürftigen nahe zu kommen. Beispielsweise in Heimen und durch Besuche bei Kranken. Dazu benötige ich aber die Zustimmung des medizinischen Personals. Und: Indem ich mich in Gefahr begebe, werde ich selber zur Gefahr.

«Über Facebook bringe ich vielen das Herz Jesu nahe.»

Über die Facebook-Begegnungen bringe ich vielen Menschen das Herz Jesu nahe, das mit Maria, den Heiligen, dem Papst, unserem Bischof und meinen Mitbrüdern vereint ist. Der über Facebook visuell leicht getrübte Kontakt bringt Hoffnung und genügt den Bedürfnissen der Vorsicht.»

Dominique Rimaz ist Aushilfspriester in der französischsprachigen Pfarrei Christ-König in Freiburg. Protokoll: Georges Scherrer

Das Handy ist auch ein Ort der Gottesdienste | © pixabay CCO
19. März 2020 | 11:00
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