Roger Federer ist der «King» im Tennistempel: Warum der Rasen von Wimbledon «heilig» ist
«King Roger» ist der absolute Rekordsieger und hat hier achtmal gewonnen: Das Tennisturnier in Wimbledon, das morgen beginnt, ist und bleibt ein ganz besonderer sportlicher Wettbewerb. Ein Event mit einer sakralen Dimension – nicht nur, weil die Church Road in Wimbledon zum heiligen Rasen führt. Hier liefern sich Götter in Weiss Titanenkämpfe biblischen Ausmasses.
Wolfgang Holz
Exakt acht Millimeter. Auf diese Länge werden die Rasenplätze in Wimbledon täglich akribisch gestutzt von den «Groundsmen» – den sogenannten Platzwarten – beim Tennisturnier im Süden Londons. Und nicht nur das.
Wimbledon ist das wichtigste Tennisturnier der Welt. Über zwei Wochen hinweg gibt’s 654 Matches. Die 19 Courts werden jeden Tag nach dem Spielbetrieb mit Planen abgedeckt und nachts sogar bewacht. Damit ja kein Grashalm unsachgemäss gekrümmt wird. Und damit den Spielerinnen und Spielern jeden Tag eine nahezu perfekte grüne Unterlage zur Verfügung steht.
Tennisgott Roger Federer gewann hier achtmal
Kein Wunder, dass der Rasen, der sich wie ein natürlicher Samtteppich anfühlt, in Wimbledon als heilig gilt. Doch nicht nur die Tatsache, dass Wimbledon das einzige Grand-Slam-Turnier ist, auf dem auf Rasen gespielt wird, stilisiert insbesondere den Centre Court mit seinen 15’000 Zuschauerplätzen zu einem sakralen Raum. Zu einer Kathedrale des absolut weissen Sports.
Denn nur in Wimbledon müssen alle Tenniscracks in weisser Kleidung antreten – was die ansonst äusserst poppig auftretenden Profis in eine edle Jüngerschaft verwandelt. Muskelbepackte Männer mutieren zu Gentlemen mit zumeist feinen Manieren. Die Ladys geben sich oft engelgleich und feenhaft in ihren eleganten weissen Tennisroben. Und nur in Wimbledon gibt es keine Reklameschilder auf dem Centre Court. Sport pur, also.
Selbstverständlich hat in den letzten 20 Jahren auch der Schweizer Tennisgott Roger Federer dazu beigetragen, den heiligen Rasen von Wimbledon mit seinen himmlischen Schlägen eine spezielle überirdische Aura zu verleihen – hat er doch bislang als einziger Sterblicher acht Mal den goldenen Pokal in die Höhe gestemmt.
Eine Trophäe, die bei der Siegerehrung jedes Mal wie eine Monstranz des Sports erstrahlt. Wie eine Gotteslästerung wirkte es deshalb schon fast, als Federer bei seinem bislang letzten Auftritt auf dem heiligen Rasen vor einem Jahr infolge seines verletzten Knies im dritten Satz von seinem Gegner mit 0:6 vom Platz geschickt wurde.
Dunkelheit und Regen als Schicksal von oben
Andere legendäre Matches haben den Center Court in der knapp 150-jährigen Geschichte des Wimbledonturniers ebenfalls geprägt: Titanenkämpfe biblischen Ausmasses. Wenn man etwa daran denkt, wie Rafael Nadal gegen Roger Federer in einem stundenlangen, epischen Kampf 2008 schon fast bei Dunkelheit am Ende knapp siegte – weil es auf dem Centre Court bis vor einigen Jahren keine Flutlicht-Beleuchtung gab.
Auch wurden viele Matches in der Vergangenheit durch den häufigen Regen – quasi die Sintflut – unterbrochen. Bereits besiegt geglaubte Gegner erlebten dadurch ihre sportliche Auferstehung, als nach der manchmal stundenlangen Regenpause weitergespielt wurde. Inzwischen sind der Centre Court und Court Number One überdacht – damit auch in Wimbledon immer Tennis gespielt werden kann.
Das längste Tennismatch überhaupt wurde übrigens auch in Wimbledon ausgetragen und wegen Dunkelheit über zwei Tage hinweg gespielt: Es dauerte elf Stunden und fünf Minuten. Grund: Wegen der antiquierten Zählweise in Wimbledon endete der fünfte Satz mit 70:68.
Borg – der Tennis-Messias
Normalerweise hat ein Satz nur sechs Spiele. Da aber eben jeweils zwei Spiele Abstand sein müssen und da bis dahin kein verkürzender Tie-Break in Wimbledon gespielt werden durfte, musste der Sieger, der US-Amerikaner John Isner, erst durch ein stundenlanges Fegefeuer.
Und ja, da war natürlich noch Björn Borg mit seinen langen Haaren, die ihn stets wie einen Tennis-Messias aussehen liessen. Als er 1980 gegen den jungen US-Amerikaner John McEnroe zum fünften Mal hintereinander das Turnier auf dem heiligen Rasen gewann, sank er nach dem Matchball auf die Knie. Er bog den Kopf nach hinten und blickte selig in den Himmel. Wie ein Erlöster – endlich erhört vom Herrn.
Wer das Wimbledon-Turnier gewinnt, wie auch die Schweizerin Martina Hingis als jüngste Siegerin im Alter von gerade mal 16 Jahren, wird als Sportler unsterblich. Doch in Wimbledon auf dem heiligen Rasen wird auch dem Verlierer gehuldigt.
Beziehungsweise es gibt Wichtigeres als Sieg und Niederlage im Leben. Eine moralische Botschaft, mit der alle Spielerinnen und Spieler, die ihr Match auf dem Centre Court austragen dürfen, jedes Mal konfrontiert werden, wenn sie von der Umkleidekabine Richtung Arena gehen.
Sieg und Niederlage sind nichts als Schein
Denn sie passieren dabei stets den Vers aus dem Gedicht «If» von Rudyard Kipling, der über der Türschwelle geschrieben steht. Auf Deutsch frei übersetzt steht da zu lesen: «Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden, weil beide du als Schwindler kennst, als Schein.» Echt moralisch.
Viel Sakrales ist in Wimbledon auch im scheinbar Nebensächlichen zu entdecken. Liegt doch die Clubanlage des All England Tennis Club an der Church Road – also an der Kirchstrasse. Das Turnier findet wie religiöse Feiertage stets fix während der letzten Juni- und ersten Juliwoche statt.
Früher gab es am Sonntag in der Mitte des Turniers immer einen Ruhetag ohne Wettkämpfe. Auch mussten früher die Spieler sich verneigen und die Spielerinnen einen Knicks machen, wenn sie an der «Royal Box» vorbei auf den Centre Court schritten.
Die Pilgerschar der Tennisfans in der «Queue»
Zudem ist Wimbledon so sozial, dass sich auch Leute mit kleinerem Geldbeutel einen Platz auf dem Centre Court leisten können. Einzige Voraussetzung: Man muss sich stundenlang vor dem Club in die Schlange stellen, um die begehrten Tickets zu ergattern. Ganz eingefleischte Wimbledon-Fans übernachten deshalb gleich vor den Toren des Tennis-Mekkas, um jeweils am nächsten Morgen zu den Ersten zu zählen, die in den Genuss kommen, auf dem Centre Court zuschauen zu können.
Diese «Queues» wirken wie Pilger-Prozessionen der anderen Art. Auf der Anlage erwartet sie dann Tennis-Manna: Erdbeeren mit saurer Sahne. Die werden denn über zwei Wochen hinweg gleich tonnenweise verspeist. Novak Djokovic hat übrigens nach seinem Sieg 2014 gegen Roger Federer, auf dem Centre Court kriechend, einige Grashalme gezupft und gegessen, um den heiligen Rasen ganz zu verinnerlichen.
Die Sünde im Eva-Kostüm
Wenn so viel Heiligkeit auf Wimbledons heiligem Rasen herrscht, fühlt sich, wie sollte es anders sein, auch die Sünde angelockt. Unvergesslich bleibt Melissa Johnson, jene junge Pizza-Verkäuferin im Eva-Kostüm, die nur mit einem Schürzchen bedeckt vor dem Beginn des Herrenfinals 1996 über den Centre Court flitzte.
MaliVai Washington – einer der beiden Finalisten – wird sie wohl nie mehr vergessen. Er war offenbar so abgelenkt, dass er den Final danach sang- und klanglos in drei Sätzen verlor. Jahre später trat auch noch ein männlicher Flitzer in Aktion. Tennis-Queen Maria Scharapowa liess sich von ihm allerdings nicht erschrecken. Sie wendete sich einfach ab. Sichtlich not amused.
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