Von Kamerun nach Sarnen: «Die Schwestern freuen sich, wenn ich am 1. August Kora spiele»
Pater Césard Koa (46) ist seit drei Jahren Spiritual bei den Benediktinerinnen in Sarnen. Er gehört zu einem Benediktinerkloster in Kamerun, das mit dem Kloster Engelberg verbunden ist. Ein Gespräch über das Sarner Jesuskind, Schweizer Reformdebatten – und volle Priesterseminare in seiner Heimat.
David Meier
Sie gehören zum Ableger des Klosters Engelberg in Kamerun. Warum sind Sie in das Kloster eingetreten?
Pater Césard Koa*: Ich war zuerst im kleinen Seminar, weil ich Pfarrer werden wollte. Da habe ich aber gedacht: «Wieso nicht mal das Kloster versuchen?» Ich kann diesen Entscheid nicht richtig erklären, ich habe einfach gemerkt, dass dieser Weg besser war. Ich bin 1997 ins Kloster Mont Febe eingetreten, seit dem 8. Dezember 2012 bin ich Priester.
Sie sind seit sechs Jahren in der Schweiz. Vermissen Sie Kamerun?
Koa: Ich bin Benediktiner: Ich bin gekommen, um zu dienen. Ich tue ja hier den gleichen Dienst, wie ich ihn in Kamerun tun würde. Wichtig ist es, einen guten Dienst zu tun – egal wo.
Als Spiritual in der Innerschweiz
Und was hat sie nach Sarnen verschlagen?
Koa: Die Benediktiner von Engelberg haben 1964 Mont Febe als Tochterkloster gegründet. Abt Christian Meyer ist auch der Visitator bei uns auf dem Mont Febe – er kümmert sich also nach wie vor um die wichtigsten Entscheide.
Er war es, der mich beauftragte, die Schwestern hier als Spiritual zu begleiten. Denn er ist unter anderem auch Visitator in den Klöstern Melchtal, Wikon und eben hier in St. Andreas in Sarnen. So kam ich zuerst für drei Jahre nach Wikon, nun bin ich seit drei Jahren hier in Sarnen.
Wie gefällt es Ihnen in Sarnen?
Koa: Es gefällt mir gut, es gibt keine Probleme. Ich habe gemerkt, dass die Schweizerinnen und Schweizer sehr genau sind und dass sie gerne alles wissen wollen. Das ist anfangs etwas besonders, aber man gewöhnt sich daran.
Kenner der hiesigen Heiligtümer
Was bedeutet Ihnen das Sarner Jesuskind, das hier von den Schwestern liebevoll gehütet wird?
Koa: Schon bevor ich nach Sarnen kam, hatte ich davon gehört. Es gibt eine grosse Verehrung für das Jesuskind. Sehr wichtig ist für mich persönlich das Feedback, das ich von den vielen Pilgerinnen und Pilgern bekomme. Es ist schön, wenn die Menschen berichten, dass ihre Gebete erhört wurden.
Haben Sie auch einen Bezug zu unserem Landespatron, dem Heiligen Niklaus von Flüe, und zur Mutter Gottes von Einsiedeln?
Koa: Ja, ich gehe jedes Jahr mindestens einmal ins Flüeli Ranft. In Einsiedeln war ich noch nie, aber ich habe schon viel davon gelesen. Es gibt ja mehrere Heiligtümer, in denen eine «Nigra sum sed formosa» verehrt wird. Solche Heiligtümer gehören zur Geschichte der Kirche, es gibt ja mehrere schwarze Madonna-Heiligtümer.
Feiern Sie den 1. August?
Koa: Den 1. August feiere ich hier in Sarnen mit den Schwestern, das ist ein grosses Fest. Ich spiele dabei immer Kora, das ist ein traditionelles afrikanisches Instrument, ähnlich wie eine Harfe. Die Schwestern freuen sich immer sehr, wenn ich das Instrument hervorhole. Momentan ist es aber noch in Engelberg, weil es ein Mitbruder brauchte.
Dimension der Frage erfassen
Die Menschen in der Schweiz diskutieren über die Abschaffung des Pflichtzölibats, über den Segen für alle und das Frauenpriestertum. Was denken Sie über solche Reform-Debatten?
Koa: Die Frage ist: Was braucht die Kirche genau in der Schweiz? Wofür soll man beispielsweise das Frauenpriestertum einführen? Was ist das Ziel und die Botschaft dahinter? Wenn wir uns fragen, ob wir Priesterinnen brauchen, dann müssen wir uns auch fragen, welche Botschaft wir damit aussenden.
Ich bin nicht für oder gegen das Frauenpriestertum. Ich möchte vielmehr betonen, dass man die ganze Dimension der Frage erfassen muss, bevor man eine Entscheidung trifft. Dann gibt es noch einen zweiten Aspekt: Die Kirche ist keine «agglomeration des différences».
Was meinen Sie damit?
Koa: Ein Sammelbecken von Unterschieden. Die Kirche ist zuallererst katholisch, das heisst überall und universal. In diesem Zusammenhang muss man sich fragen: Was passiert, wenn man das Frauenpriestertum in der Schweiz einführt? Was passiert dann auf den anderen Erdteilen? Was sendet man für eine Botschaft in die Welt? Was hat das für einen Einfluss auf die Einheit der Kirche?
Verkündigung soll überall geschehen
Sehen Sie denn eine Chance in der Universalität der Kirche?
Koa: Ich frage mich immer wieder: Warum bin ich hier in der Schweiz? Fakt ist: Es braucht mehr Priester in der Schweiz. Die Universalität der Kirche kann dazu beitragen, Priester aus der ganzen Welt in die Schweiz zu bringen. Die ersten Priester bei uns waren auch keine Kameruner (lacht). Sie sind aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz gekommen. «Geht und verkündet» hat Christus gesagt. Das soll überall geschehen.
Sind die Themen, die die Schweizer Kirche beschäftigen, auch in der Kameruner Kirche ein Thema?
Koa: Nein, in Kamerun beschäftigen uns vor allem soziale Probleme: Armut, Entwicklung, soziale Gerechtigkeit, internationaler Druck auf junge Ortskirchen in Afrika und so weiter. Die Armut ist ein grosses Thema. Das Kloster Mont Febe beschäftigt beispielsweise mehrere Personen.
Es drängen sich verschiedene Fragen auf: Wie können wir sie bezahlen? Wie können wir ihnen helfen, sich auf den Ruhestand – die Pension – vorzubereiten?
Dann beobachten und kontrollieren wir Mönche, dass die Rechte dieser Mitarbeiter beachtet werden. Sie müssen eingehalten werden. Dafür sind wir mit der Regierung in Kontakt. Auch fragen wir uns, was wir sonst noch tun können. Beispielsweise bemühen wir uns darum, dass mehr Krankenhäuser gebaut werden, was dringend nötig ist.
Warum hat sich Mont Febe nie vom Mutterkloster Engelberg emanzipiert?
Koa (lacht): Das ist eine gute Frage, ich habe keine Antwort. Vermutlich – und das ist meine persönliche Einschätzung – braucht das Kloster einfach noch mehr finanzielle Stabilität. Die zentrale Frage bleibt die nach der Qualität der Ressourcen, sowohl der menschlichen als auch der materiellen und finanziellen, und wie wir sie verbessern können.
Diese Arbeit wird bereits geleistet, aber wir müssen noch mehr tun. Der Prior P. Nicolas Biduaya und die gesamte Gemeinschaft von Mont Febe führen derzeit Projekte in dieser Richtung durch.
Wie steht es generell um die Kirche in Kamerun?
Koa: Unsere Ortskirche in Kamerun ist jung. Sie ist gerade einmal 132 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie noch aufgebaut werden muss. Es gibt viele Berufungen, sei es in den Ordensgemeinschaften oder in den Diözesen. Viele junge Männer und Frauen klopfen an unsere Türen.
Aber manchmal muss man eine Auswahl treffen, um diejenigen zu behalten, die am besten für die Mission geeignet sind. Die Begeisterung für das kontemplative Leben ist bei jungen Leuten eher verhalten. Umso aktiver ist die Beteiligung der Laiinnen und Laien. Im Kloster besuchen jeden Sonntag 300 bis 400 Menschen den Gottesdienst. In Kamerun sind die Kirchen voll.
«Zeit war sehr blutig»
Papst Franziskus hat gerade Kanada besucht. Auf dieser Reise wird deutlich: Die katholische Kirche war Teil eines kulturellen Genozids. Wie blutig lief die Missionierung in Kamerun ab?
Koa: Auch für Kamerun war die Mission ganz, ganz schwierig, denn die Kirche hatte sich während der Kolonialzeit in Kamerun niedergelassen. Die Kirche war also sowohl Teil als auch Leidtragende des dadurch verursachten Zusammenpralls der Zivilisationen.
Das Problem lag vor allem auf Seiten der Kolonialverwalter. Die Zeit zwischen 1950 und 1965 war besonders gewalttätig. In dieser Zeit herrschte gegen die französische Kolonialverwaltung Bürgerkrieg in Kamerun, das am 1. Januar 1960 unabhängig geworden war. Diese Zeit war sehr blutig.
Doch schon zuvor ist viel von unserer Kultur zerstört worden. Denn das Ziel für die Missionarinnen und Missionare war klar: Zivilisation und Missionierung. Sie legten dabei einen grossen missionarischen Eifer an den Tag. Sie wollten arbeiten.
Benediktiner haben viel gearbeitet
Und wann kamen die Schweizer Benediktiner nach Kamerun?
Die ersten Benediktiner von Engelberg kamen 1932 nach Kamerun. Die Benediktinerinnen von Sarnen schlossen sich ihnen bereits 1938 an. Der letzte, der Kamerun 2012 verliess, war P. Urs Eggli. Sie haben viel gearbeitet.
Sie bauten zahlreiche Pfarreien und Kirchen auf, unter anderen in Otélé, Nnom-Nnam, Ozom und anderen umliegenden Orten. Sie errichteten ein grosses Seminar in Otélé und zwei Klöster auf dem Mont-Febe (1964) und in Babété (1967). Sie bildeten die ersten kamerunischen Priester aus.
Die ersten acht Priesterweihen fanden am 8. Dezember 1935 gleichzeitig in Edea und Yaoundé statt. Sie haben auch viel junge Menschen in technischen Berufen, beispielsweise als Schreiner ausgebildet. Für die Kolonialherren stand jedoch die Assimilation der Völker an die europäische Zivilisation an erster Stelle. Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass dies das Problem war.
Gibt es eine Inkulturation von Kameruner Traditionen in die Kirche und ihre Liturgie?
Koa: Ja! Unsere Gottesdienste sind sehr lebendig – mit Instrumenten und Tänzen. Ausserdem halten wir die Messen häufig in einer der über 250 Sprachen Kameruns. Dies erlauben die Bischöfe und das wird sehr geschätzt.
*Pater Césard Koa OSB (46) stammt aus dem Kloster Mont Febe in Yaoundé/Kamerun, in dem rund 20 Mönche leben. Das Kloster ist mit dem Kloster Engelberg verbunden.
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