Bruder Kletus Hutter an der Pforte des Kapuzinerklosters Rapperswil. | © Barbara Ludwig
Schweiz
Bruder Kletus Hutter an der Pforte des Kapuzinerklosters Rapperswil. | © Barbara Ludwig

Vom «Bruder auf Zeit» zum richtigen Kapuziner – Bruder Kletus wagt den Schritt

Rapperswil SG, 29.9.16 (kath.ch) Als Pastoralassistent Kletus Hutter (45) feststellte, dass er «immer mehr zur Maschine wurde», zog er die Notbremse. Und ging zu den Kapuzinern. Als «Bruder auf Zeit» lebte Hutter drei Jahre lang im Kapuzinerkloster Rapperswil. Nun wagt der Ostschweizer den nächsten Schritt auf dem Weg zum vollwertigen Kapuziner, der ihn nach Salzburg führen wird. kath.ch hat den künftigen Novizen vor seiner Abreise in Rapperswil besucht.

Barbara Ludwig

13 Kinder sitzen auf den Bänken in der Kirche des Kapuzinerklosters Rapperswil. Draussen ist es heiss an diesem Spätsommertag im September, in der Kirche angenehm kühl. Vorne steht Bruder Kletus in seiner braunen Kutte und erzählt den Sieben- bis Neunjährigen und ihrer Religionslehrerin im Rahmen einer Klosterführung die Lebensgeschichte von Franz von Assisi, dem Gründer der franziskanischen Ordensfamilie. Der Ostschweizer hat das dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden, am linken Ohr steckt ein silbriges «Chüeli».

Die Kinder strecken den Arm in die Höhe, wenn sie eine Frage stellen möchten. Kletus Hutter gibt ihnen ein Zeichen, wenn sie an der Reihe sind. Er ist offensichtlich in seinem Element, schliesslich hat er während Jahren Religionsunterricht erteilt. Später auf dem Rundgang durchs Kloster, der auch in den inneren Chorraum, in den Speisesaal und auf die Terrasse führt, vermittelt er Informationen über das Leben der Kapuziner auf spielerische Art und Weise. Und lässt sich auch nicht von vorwitzigen Fragen – im Stil von «Wie alt bist du?» – aus dem Konzept bringen.

Die Gelassenheit der Kapuziner

Hutter fühlt sich wohl im Kapuzinerkloster Rapperswil, in dem er seit drei Jahren als «Bruder auf Zeit» lebt. Das hat auch damit zu tun, dass man ihm von Anfang an Vertrauen entgegenbrachte. «Ich hatte hier sehr viele Möglichkeiten, mich zu engagieren», sagt er am gleichen Tag im Gespräch mit kath.ch. In Uznach SG konnte er als Religionslehrer arbeiten, er durfte predigen, auch mal einen Vortrag halten. Kurz: seine Fähigkeiten einbringen.

Dabei lernte Bruder Kletus Alltag und Lebensstil der Kapuziner kennen. Besonders deren Gelassenheit hat es ihm angetan. «Es gibt Mitbrüder, die das Leben etwas gelassener nehmen als ich», sagt Hutter. Es seien sehr bodenständige Leute. «Einfache Menschen manchmal. Frömmelei gibt es kaum. Das entspricht mir.»

Das Kapuzinerkloster Rapperswil ist ein offenes Kloster, in dem Männer und Frauen als mitlebende Gäste willkommen sind. Hutter gefällt es, dass die Kapuziner nahe bei den Menschen sind und gleichzeitig dem Einzelnen auch Raum für sich selber bleibt. «Ich merkte, dass der franziskanische Lebensstil mir entsprechen könnte.»

Echte Persönlichkeiten und zehn Mal Taizé

Hutter wuchs in einem Dorf im Rheintal auf. Religion und Kirche hatten immer einen festen Platz in seinem Leben. Als Kind war Kletus Ministrant. Die Familie wohnte gleich neben der Kirche. Fiel ein Messdiener aus, rief man Kletus. Die Eltern gingen zur Kirche, Kletus ging mit. Später war er in einer Jugendgruppe aktiv. Die Kindergärtnerin, eine Baldegger Schwester, der Pfarrer und eine Katechetin waren Menschen, die den Buben prägten. «Ich merkte, dass diese Baldegger Schwester eine zufriedene, aufgeschlossene Frau ist. Unser Pfarrer, ein alter Mann, hörte nicht mehr gut. Aber man spürte bei ihm echte Herzlichkeit. Es waren Personen, die mir ein ansprechendes Bild von Kirche vermittelten.» Sie seien nicht «im heutigen Sinne progressiv» gewesen, erklärt Hutter. «Aber sie waren echt. Das war für mich immer sehr wichtig.»

Taizé übte eine grosse Anziehungskraft auf den jugendlichen Hutter aus. «Zehn Mal war ich dort.» Ihm gefielen der Austausch mit den anderen jungen Menschen, die einfachen Gebete und Gesänge. Er habe es halt gern einfach – ob es nun um den Lebensstil geht oder die Gebetsformen, bekennt Bruder Kletus.

«Ich wurde immer mehr zur Maschine»

Der Draht zu Religion und Kirche ist bei Hutter nie abgerissen. Auf eine kaufmännische Lehre und einen Job in einer Chemiefaserproduktionsfirma folgte eine katechetische Ausbildung und entsprechende Berufspraxis, noch später ein Theologiestudium, das Hutter auf dem Dritten Bildungsweg absolvierte. Schliesslich wurde er Pastoralassistent.

Acht Jahre lang war er in diesem Beruf tätig. Hutter hatte eine schöne Wohnung, das Single-Leben sagte ihm zu. Etwas aber fehlte. Immer mehr. Der Pastoralassistent hetzte von Sitzung zu Sitzung, von Anlass zu Anlass. Kein Platz blieb mehr für die persönliche Spiritualität. «Ich merkte, dass ich immer mehr zur Maschine wurde. Im Kloster haben wir fixe Gebetszeiten, in denen wir die Arbeit zur Seite legen. Lebt man alleine, braucht es viel mehr Disziplin.» In einer Gemeinschaft sei es viel einfacher, die Spiritualität zu pflegen, sagt Bruder Kletus.

«Zum Glück kam damals eine Frau dazwischen»

Doch warum kommt der Schritt ins Kloster bei einem, der schon lange spirituell unterwegs und auf der Suche ist … «erst mit über 40?» Hutter beendet die Frage der Journalistin gleich selber und beginnt zu lachen. Dann wird er wieder ernst und sagt: «Lange Zeit war das Thema ‘Partnerschaft’ aktuell.» Dies sei sicher ein Grund gewesen, wieso er als junger Erwachsener ein Leben im Kloster nicht in Erwägung zog. Er sei aber auch ein Typ, der viel Freiraum brauche. Anfang 30 habe es mal eine Zeit gegeben, wo er gedacht habe, Kapuziner werden, ja, das könnte es sein. «Aber damals kam zum Glück eine Beziehung zu einer Frau dazwischen.»

Wieso zum Glück? «Ich weiss jetzt, worauf ich verzichte, wenn ich mich als Kapuziner für die Ehelosigkeit entscheide.» Es sei eine sehr schöne und gute Zeit gewesen, sagt Bruder Kletus. Keine Spur von Bitterkeit in der Stimme.

Abschied von Rapperswil fällt schwer

Hutter wird das Kloster auf dem «Kapuzinerzipfel», einer Landzunge am Rande der Rapperswiler Altstadt, Ende September verlassen. Als erster von bislang zwei «Brüdern auf Zeit» (siehe Kästchen rechts) wagt er einen nächsten Schritt in Richtung Ordensleben und beginnt Ende November, nach einem Kurzpostulat in Brig VS, das Noviziat im Kapuzinerkloster Salzburg in Österreich. Ein Jahr lang hat Hutter Gelegenheit, seine Berufung zum Kapuziner noch einmal zu prüfen.

Für ihn sei insbesondere wichtig, herauszufinden, ob ihm auch das Leben in «traditionelleren» Kapuzinerklöstern zusage. «Ich kenne vor allem das Kloster Rapperswil und dessen Stil.» Dieses pflegt als «Kloster zum Mitleben» zum Beispiel eine freiere Form des Stundengebets, angepasst an die Bedürfnisse der Gäste, erzählt der künftige Novize.

Hutter freut sich auf neue Erfahrungen im Leben als Kapuziner. «Aber gleichzeitig merke ich, dass mir der Abschied von Rapperswil schwer fällt.» Und wieder lacht er herzhaft, während draussen die Herbstsonne noch einmal kräftig ihre Strahlen auf die Terrasse herunterbrennen lässt.

Bruder Kletus Hutter trinkt Kaffee auf der Veranda des Kapuzinerklosters Rapperswil. | © Barbara Ludwig
Bruder Kletus Hutter trinkt Kaffee auf der Veranda des Kapuzinerklosters Rapperswil. | © Barbara Ludwig
Das Kapuzinerkloster Salzburg liegt oben auf dem Kapuzinerberg | © zVg/Kapuzinerkloster Salzburg
Das Kapuzinerkloster Salzburg liegt oben auf dem Kapuzinerberg | © zVg/Kapuzinerkloster Salzburg
Terrasse des Kapuzinerklosters Salzburg, im Hintergrund die Festung Hohensalzburg | © zVg/Rita Newman
Terrasse des Kapuzinerklosters Salzburg, im Hintergrund die Festung Hohensalzburg | © zVg/Rita Newman
Kapuzinerkloster Rapperswil mit der Insel Ufenau im Hintergrund | © Barbara Ludwig
Kapuzinerkloster Rapperswil mit der Insel Ufenau im Hintergrund | © Barbara Ludwig
Bruder Kletus Hutter im Innenhof des Kapuzinerklosters Rapperswil | © Barbara Ludwig
Bruder Kletus Hutter im Innenhof des Kapuzinerklosters Rapperswil | © Barbara Ludwig

Bruder auf Zeit

Vor sechseinhalb Jahren haben die Schweizer Kapuziner eine neue Form der Teilnahme am Ordensleben geschaffen. Das Modell heisst «Bruder auf Zeit». Es ist innerhalb des Kapuzinerordens weltweit einzigartig, wie der Kapuziner Beat Pfammatter, Guardian im Kapuzinerkloster in Brig VS, gegenüber kath.ch mitteilte. Das Modell ermöglicht interessierten Männern, für drei Jahre den Alltag der Kapuziner zu teilen. Nach Ablauf von drei Jahren kann der Betreffende sich für drei weitere Jahre verpflichten, in einer Kapuzinergemeinschaft mitzuleben.

Seit der Lancierung des Modells hätten die Schweizer Kapuziner rund 30 Anfragen erhalten, so Pfammatter. Bislang waren zwei Männer «Bruder auf Zeit». Der frühere Wirtschaftsförderer der Stadt Luzern, Fridolin Schwitter, war während sechs Jahren «Bruder auf Zeit». Er entschied schliesslich, auf den nächstmöglichen Schritt, den Eintritt ins Noviziat, zu verzichten.

Kletus Hutter ist der bislang erste «Bruder auf Zeit», der den Schritt wagt: Der 45-Jährige war während drei Jahren «Bruder auf Zeit». Ende September verlässt er das Kapuzinerkloster in Rapperswil SG und geht nach Brig VS, wo er ein Kurzpostulat absolviert. Ende November beginnt Hutter ein verkürztes Noviziat in Salzburg.

Laut Pfammatter beginnt ein dritter Mann im Januar 2017 als «Bruder auf Zeit».

Kapuziner in der Schweiz

In der Schweiz unterhält der Kapuzinerorden derzeit noch 16 Niederlassungen, in denen nach Angaben von Pfammatter insgesamt 130 Brüder leben. Davon stammen einige aus Indien. Das Durchschnittsalter beträgt 77 Jahre. Von den Kapuzinern schweizerischer Nationalität sind 5 jünger als 50 Jahre alt, bei den Brüdern aus Indien sind es 10. (bal)

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