Brauchtum in Romont FR: Die "Pleureuses" am Karfreitag 2022.
Schweiz

Vollverschleiert und mit Leidenswerkzeugen: Die Klagefrauen von Romont weinen still und leise

Die Frauen sind von oben bis unten komplett schwarz verhüllt: Am Karfreitag ziehen die Klagefrauen durch die mittelalterliche Stadt Romont FR. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wäre der jahrhundertelange Brauch fast ausgestorben.

Eva Meienberg

Die Glocken schweigen zwischen dem Gloria des Gründonnerstags und dem Gloria der Osternacht. Nur der ohrenbetäubende Lärm aus den grossen Ratschen erfüllt am Karfreitag die Gassen von Romont im Kanton Freiburg.

Verhüllte Klagefrauen

Dann setzt sich der Trauerzug in Bewegung. Angeführt wird er von einer schwarz gekleideten Gestalt mit spitzer Kapuze. Sie trägt ein hölzernes Kreuz auf ihren Schultern, ein anonymer Jesus.

Brauchtum in Romont FR: Die "Pleureuses" am Karfreitag 2022.
Brauchtum in Romont FR: Die "Pleureuses" am Karfreitag 2022.

Ihm folgen die Pleureuses – die Klagefrauen. Auch sie tragen lange schwarze Kleider. Ihr schwarzer Schleier verhüllt sogar ihre Gesichter. Langsam und schweigend ziehen die Frauen durch die Oberstadt von Romont. Die erste Frau hinter dem Kreuzträger soll an Maria erinnern, die Mutter von Jesus.

Ein Priester folgt dem Trauerzug

Die Karfreitagsliturgie beginnt um 15 Uhr in der Stiftskirche Notre-Dame de l’Assomption. Zu dieser Stunde soll Jesus am Kreuz gestorben sein. Sobald im Evangelium vom Weg Jesu nach Golgatha die Rede ist, macht sich der Trauerzug auf den Kreuzweg.

Die "Pleureuses" ziehen am Karfreitag aus der Kirche (Archivbild).
Die "Pleureuses" ziehen am Karfreitag aus der Kirche (Archivbild).

Draussen vor der Kirche warten viele Menschen und hören die liturgischen Texte und Gesänge über Lautsprecher mit. Wenn die Prozession aus der Kirche kommt, zücken sie ihre Kameras. Das Interesse gilt vor allem den Pleureuses, den schwarz verhüllten Frauen. Ein Priester folgt dem düsteren Trauerzug.

«Arma Christi» – die Waffen Christi

Auf blutroten Kissen tragen die Pleureuses die Marterwerkzeuge mit sich: die Dornenkrone, Zange, Nägel, Hammer, Geissel und Ruten. Sie erinnern an die Leidenswerkzeuge, mit denen Jesus gefoltert und gekreuzigt wurde. «Arma Christi» werden sie auch genannt – die Waffen Christi.

Zu den Leidenswerkzeugen gehört auch eine Geissel (Archivbild).
Zu den Leidenswerkzeugen gehört auch eine Geissel (Archivbild).

Zwei Frauen tragen weisse Tücher mit dem Gesicht des Gekreuzigten. Sie erinnern an das Schweisstuch der Veronika, die Jesus auf dem Weg nach Golgotha das blutige, nasse Gesicht getrocknet haben soll.

Anonyme Frauen – Innigkeit und Angst

Die Pleureuses von Romont im Kanton Freiburg haben eine lange Tradition. Die älteste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1465. Der Festzug zählt zu den mittelalterlichen Mysterienspielen. Die Spiele stellten religiöse Szenen dar und sollten die biblischen Geschichten erlebbar machen. Tatsächlich lösen die Pleureuses gemischte Gefühle aus. Durch ihre Verhüllung und ihr Schweigen verkörpern sie eine Innigkeit. Gleichzeitig macht die Anonymität aber auch Angst.

Die Pleureuses tragen Leidenswerkzeuge vor sich wie die Dornenkrone, Hammer und Nägel (Archivbild).
Die Pleureuses tragen Leidenswerkzeuge vor sich wie die Dornenkrone, Hammer und Nägel (Archivbild).

Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts ziehen die Pleureuses in einer Prozession um die Kirche. Damals wurden sie auch von jungen Männern begleitet. Barfuss und schwarz verhüllt trugen sie ebenfalls ein Holzkreuz. Mit dabei war auch die Statue eines leidenden Christus.

Ist der Brauch zu theatralisch?

Im Jahr 1843 verbrannten jedoch die Holzkreuze und die Kleidung der Männer, nicht aber die der Pleureuses. Bis 1974 wurde auch eine Statue der Jungfrau Maria mitgetragen. In den 1970er-Jahren, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil befanden progressive Kreise den Brauch als zu theatralisch. «Es war die Bevölkerung, die dafür sorgte, dass die Tradition weiterlebte», sagt Pfarrer Martial Python.

Und auch heute gebe es mehr als genug Frauen in der Gemeinde, die in die Rolle einer Pleureuse steigen wollten, sagt Martial Python. Berechtigt dazu sind alle Frauen unabhängig von ihrer Konfession. Einzige Bedingung: sie müssen in der Gemeinde Romont leben.

«Eine tiefe spirituelle Erfahrung»

«Eine Pleureuse zu sein ist für alle Teilnehmerinnen eine tiefe spirituelle Erfahrung», sagt Martial Python. Und so ziehen die Frauen an den Kreuzwegstationen vorbei zurück zur Kirche. Wo sie leise verschwinden, wie sie gekommen sind.


Brauchtum in Romont FR: Die «Pleureuses» am Karfreitag 2022. | © Keystone
16. April 2022 | 13:10
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