Vatikan

Verlies für römische Staatsfeinde öffnet wieder für Besucher

Rom, 13.7.16 (kath.ch) Der «Carcer Tullianum», das antike Verlies römischer Staatsfeinde am «Forum Romanum», ist nach Jahren wissenschaftlicher Untersuchungen und Restaurierungen wieder zu besichtigen. Ein neugestalteter Museumsbereich illustriert die über 3000-jährige Geschichte des Ortes. Der Überlieferung nach wurden in dem auch als «Mamertinischer Kerker» bekannten Gefängnis die Apostel Petrus und Paulus gefangengehalten.

Das unterirdische Verlies – in dem unter anderem der gallische Heerführer Vercingetorix und der jüdische Rebell Simon bar Giora bis zu ihrer Hinrichtung gefangen gehalten wurden – präsentiert sich nach der Entfernung späterer Umbauten wieder in der antiken Gestalt. Wie der Leiter der zuständigen Archäologiebehörde, Francesco Prosperetti, bei der Vorstellung der Restaurierungen am Mittwoch, 13. Juli, erläuterte, soll mit der Neueröffnung am 21. Juli  auch das «Forum Romanum» vom «Carcer Tullianum» aus direkt zu betreten sein.

Der zusätzliche Eingang werde in Kooperation mit dem Pilgerwerk des Bistums Rom betrieben. Die Massnahme stehe im Rahmen von Bemühungen, den Ausgrabungskomplex besser für Besucher zu öffnen. So sollen auch die vor Jahren stillgelegten Ausgänge zur Via di San Teodoro im Süden und zum Kapitol erneut geöffnet werden.

Kerker ist älter als die Stadt Rom

Die jüngsten archäologischen Forschungen am Carcer Tullianum brachten drei Gräber aus dem 9. Jahrhundert vor Christus zutage. Die Bestattungen reichen damit weit vor das mythische Gründungsdatum der Stadt Rom im Jahr 753 vor Christus zurück. Einer der Toten hatte die Hände auf dem Rücken gefesselt und wies eine Schädelverletzung auf. Dies könnte nach Auffassung der Archäologen auf eine Hinrichtung oder auch auf ein Menschenopfer hindeuten.

Ebenso bedeutsam sind Funde von Votivgaben, die eine kultische Nutzung des Ortes in der römischen Königszeit bezeugen. Ferner entdeckten die Wissenschaftler im Verlies Fragmente eines steinernen Thronsessels aus dem Hochmittelalter. Demnach wurde auch das unterirdische «Tullianum», nicht nur der darüber liegende Gebäudeteil, in dieser Epoche als Kapelle genutzt; dies war bislang nicht bekannt.

Christliche Zeugnisse und eine Zitrone

Zum Vorschein kamen weiter das Fresken-Fragment einer segnenden Hand aus dem 7. Jahrhundert – der früheste Beleg für eine christliche Verehrung dieser Stätte – und im Obergeschoss das Fresko einer «Muttergottes der Barmherzigkeit». Dabei handelt es sich um die älteste bekannte Darstellung dieses Typs in Rom. Die Entdeckung des Bildes fällt in das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr, das als Jahr der Barmherzigkeit begangen wird.

Zu den Besonderheiten zählt der Fund einer Zitrone unter Opfergaben aus dem ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung: Es ist das früheste bekannte Exemplar der asiatischen Frucht in Europa. (cic)

Das «Forum Romanum» in Rom. | © Pixabay
13. Juli 2016 | 15:05
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War Petrus hier?

Zum Heiligen Jahr möchte das römische Pilgerwerk seinen Schatz christlicher Stätten mit dem als «Tullianum» bekannte Gefängnis, wo die Apostel Petrus und Paulus vor ihrem Martyrium in Haft gewesen sein sollen, noch fruchtbarer machen. Aber war Petrus wirklich hier? Der Vize-Leiter des Pilgerwerks, Liberio Andreatta, zeigt sich von Zweifeln ungerührt: Ins unterirdische Verlies unter dem Gefängnis kamen jahrhundertelang die ärgsten Staatsfeinde Roms. Und selbstverständlich, so der Priester Andreatta, ahnte Kaiser Nero damals, welche Macht ihm in den Jüngern Jesu entgegentrat. Petrus war gefährlich, Petrus musste weg von der Erdoberfläche, hinab in die lichtlose Höhle, die keiner lebend verliess.

Allerdings berichten weder die Bibel noch andere zeitgenössische Quellen Konkretes vom Zeugentod des Petrus. Umso eifriger versuchten spätere Generationen, seine letzten Tage zu rekonstruieren – und frommen Besuchern die Gelegenheit zu geben, die Ereignisse pilgernd nachzuvollziehen. So zeigte man in einer Kirche an den Caracalla-Thermen den Platz, an dem Petrus auf seiner versuchten Flucht aus Rom einen Fusswickel zurückliess, und ein Stück weiter an der Via Appia die Stelle, an der ihm Christus erschien und ihn zur Umkehr mahnte – später bekannt geworden durch den gleichnamigen Film «Quo vadis» -, ferner an der Via Ostiense den Ort, an dem sich Petrus und Paulus vor ihrer Hinrichtung verabschiedeten.

Die Tradition jedenfalls wusste das Schicksal des Petrus im «Carcer» anschaulich zu machen: Ins Verlies geworfen, soll er mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen und eine heute noch sichtbare Delle hinterlassen haben. Petrus und Paulus, heisst es, bekehrten im finsteren «Tullianum» zwei Wärter und 47 Mitgefangene zum Glauben an Christus, das wahre Licht – und wundersam entsprang eine Quelle für die Taufe. (cic)