Verhaftung von Tessiner Priester zerstörte Vertrauen: «Für einige war er wie ein Bruder»
Die Kirchenrechtlerin Patrizia Cattaneo engagiert sich für Missbrauchsopfer im Bistum Lugano. Die Verhaftung von D.L. habe Schock, Enttäuschung und Wut ausgelöst, sagt sie. Gerade weil der Mann als Hoffnungsträger galt. Bischof Alain de Raemys Vorgehen lobt sie.
Regula Pfeifer
Sie engagieren sich als Kirchenrechtlerin für Opfer von sexuellem Missbrauch im Bistum Lugano. Wie erlebten Sie die Inhaftierung des Priesters D.L., dem Missbrauch an Minderjährigen vorgeworfen wird?
Patrizia Cattaneo Beretta: Das war ein echter Schock und eine Enttäuschung. Ich fragte mich: Wie ist es möglich, dass heutzutage noch so etwas passieren kann, wo die Kirche doch Selbstkritik geübt und eine interne Missbrauchs-Säuberung durchgeführt hat.
Kannten Sie den mutmasslichen Täter?
Cattaneo: Ja, ich kannte ihn ziemlich gut. Wir arbeiteten eine Weile in einigen Gruppen zusammen. Er war offen und freundlich, man konnte ihm vertrauen. Deshalb kam bei mir nach seiner Verhaftung ein Gefühl der Enttäuschung.
Was ist D.L. für ein Mensch?
Cattaneo: Der Priester war ein absoluter «Frontmann». Er war an unzähligen Orten aktiv: bei der Organisation Azione Cattolica, als Religionslehrer an kantonalen Oberschulen, als Direktor des schulischen Religionsunterrichts und in der Jugendpastoral des Bistums. Zudem war er Mitglied der kantonalen Kommission für Integration von Ausländern.
«Viele vertrauten ihm.»
Ein aktiver Mensch…
Cattaneo: Er kannte viele Leute. Für einige Familien, die ich gut kenne, war er ein Bezugspunkt, wie ein Bruder. Sie vertrauten ihm, er war ein Hoffnungsträger, gerade wegen seiner Offenheit. Diese Menschen sind nun orientierungslos und verspüren Ungerechtigkeit und Wut. Sie und die jungen Menschen, die ihn kennen, fragen sich heute: Wem kann ich denn noch vertrauen? Ein Tsunami hat sie überrollt.
Was haben Sie nach dem ersten Schock unternommen?
Cattaneo: Ich versuchte den Freunden, die sich besonders verletzt fühlten, beizustehen. Wir haben miteinander telefoniert, gesprochen und einander geschrieben. Auf sehr persönliche Art. Ich merkte, dass dieser Fall nicht das letzte Wort hat. Denn ich bin überzeugt: Alle Männer und Frauen sind für das Gute und Schöne gemacht, für gesunde und aufrichtige Beziehungen.
«Junge Menschen sollten lernen, einander zu respektieren und Respekt zu verlangen.»
Hilfreich sind die Worte eines Psychotherapeuten, der Missbrauchsopfer betreut. Sie zeigen allen einen möglichen Weg aus dieser Krise auf. Er sagt, es sei notwendig die Augen zu öffnen, weniger naiv zu sein, um das Phänomen des Missbrauchs zu erkennen. Das gelte auch für die jungen Menschen. Sie sollten lernen, einander zu respektieren und Respekt zu verlangen. Und verstehen, wo Manipulation anfängt.
Was sagen Missbrauchsopfer?
Cattaneo: Ich habe mit einer Frau gesprochen, die als Kind missbraucht wurde. Sie kennt den angeklagten Priester gut. Sie sagte mir, sie empfinde Mitgefühl für ihn. Aber in ihr sei auch die Frage wieder aufgetaucht: Warum das Böse? Wieso geschieht das immer noch, mein Herr? Die Frau hat den Glauben nicht verloren. Und sie hat das Bedürfnis, über den Missbrauch zu reden. Sie sagt auch: «Ich bin nicht der Missbrauch, den ich erlitten habe.» Sie will die Opferhaltung ablegen, die vielerorts überhandgenommen hat und – zugunsten anderer Missbrauchsopfer – über ihren persönlichen Weg der Wiedergeburt sprechen.
«Die Bistumsleitung und Bischof Alain de Raemy haben sich transparent verhalten.»
Wie verhält sich das Bistum aus Ihrer Sicht?
Cattaneo: Die Bistumsleitung und Bischof Alain de Raemy haben sich transparent verhalten. Das anerkannten auch die Medien, die von einem Kurswechsel sprachen. Der Fall verhielt sich so: Das Opfer, ein erwachsener Mann, meldete im Februar Alain de Raemy einen mutmasslichen Missbrauchsfall. Unterstützt durch einen Experten bei der Aufarbeitung, entschied er, Anzeige zu erstatten. Im April wurde der Fall der Staatsanwaltschaft übergeben. Diese untersuchte die Vorwürfe, was im August zur Verhaftung und dann Inhaftierung des Priesters führte.
«Der Schritt zur Anzeige ist schmerzhaft, er kann mehrere Monate erfordern.»
Es verging allerdings viel Zeit zwischen der Meldung, der Anzeige und der Verhaftung.
Cattaneo: Ich finde, da sollte man sich in die Situation des Opfers hineinversetzen. Experten sagen, dass bei Missbrauchsopfern der Entscheid zur Anzeige reifen muss, damit die Anzeige anschliessend nicht zurückgezogen wird. Opfer haben oft Angst davor. Sie befürchten, dass man ihnen nicht glaubt. Setzt man das Opfer unter Druck, verschliesst es sich möglicherweise total. Der Schritt zur Anzeige ist schmerzhaft, er kann mehrere Monate erfordern. Mich überzeugt das Argument des Therapeuten. Er sagt: Wir müssen von den Opfern Geduld lernen – und das Vertrauen in die Spezialisten und die Justizbehörden.
Ist es richtig, dass das Bistum nach der Anzeige nichts mehr unternahm?
Cattaneo: Vom Vorgehen her liegt die Kompetenz seither bei den Justizbehörden. Sie kümmern sich um den Fall und klären ab, was wirklich passiert ist. Die Bistumsleitung muss nun richtigerweise auf Ansagen verzichten. Aber das Bistum darf nicht untätig bleiben. Vielmehr sind der Bischof und seine Mitarbeitenden angehalten, die Menschen zu begleiten und gute Hirten zu sein. Und sie müssen die Prävention weiter vorantreiben.
Es irritiert, dass der mutmassliche Täter kurz vor der Verhaftung mit Jugendlichen eine Pilgerreise unternahm.
Cattaneo: Dazu möchte ich mich nicht äussern, das liegt in der Kompetenz der Staatsanwaltschaft.
«Alain de Raemy teilt mit den Menschen das Gefühl der Orientierungslosigkeit. Er ermutigt sie.»
Wie finden Sie den Brief, den Alain de Raemy an die Gläubigen geschrieben hat?
Cattaneo: Der Brief ist für mich ein positives Zeichen. Er ist authentisch, denn der Bischof zeigt sich, teilt mit den Menschen das Gefühl der Mühe und Orientierungslosigkeit. Er ermutigt sie und gibt ein Ziel vor. Die Menschen fühlten sich getröstet. Denn viele wurden überrascht und leiden: Alle, mit denen der «Frontmann» Kontakt hatte bei seinen vielfältigen Aktivitäten. Und bei denen er Sympathie, Respekt und Vertrauen ausgelöst hatte. Und die sich nun verraten fühlen.
Sehen Sie irgendwo Hoffnungsschimmer?
Cattaneo: Ja, beispielsweise startet das Bistum einen zweiten Kurs zur Missbrauchs-Prävention, der sich an Priester und Seminaristen richtet. Wichtig finde ich auch, dass die Jugendpastoral-Verantwortlichen die Jugendlichen eng begleiten. Gut ist, dass die Medien nun Experten zu Wort kommen lassen, etwa Myriam Caranzano, die sich seit Jahrzehnten für den Schutz von Kindern einsetzt und gegen Missbrauch kämpft und aufzeigt, wie Missbrauch an den Wurzeln angepackt werden kann. Etwa indem ihnen beigebracht wird, nein zu sagen. Es hat sich auch ein konstruktiver Gesprächsraum gegenseitiger Hilfe geöffnet, der möglicherweise die sehr desillusionierten Menschen auffängt.
Sie selbst engagieren sich für die Gründung einer Unterstützungsgruppe für Missbrauchsopfer…
Cattaneo: Genau, seit einiger Zeit arbeiten wir – ungefähr zehn motivierte Personen – daran, eine Zuhör- und Hilfsgruppe für Opfer von Missbrauch auf die Beine zu stellen – das ist ein konkretes Hoffnungszeichen. In der italienischsprachigen Schweiz können sich die Opfer bisher an verschiedene Stellen wenden. Aber nicht an eine unabhängige Gruppierung, wie es sie in der Deutsch- und Westschweiz mit der IGM!ku und der Sapec gibt. Missbrauchsbetroffene werden in unserer Gruppe aufmerksame, geschulte Zuhörende vorfinden. Wir werden uns noch in diesem Herbst öffentlich vorstellen.
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