Uznacher Benediktiner: «Ich bin nicht so ein Frommer, der seinen Glauben ständig nach aussen trägt»
Andreas Kohler (72) wuchs im Heim auf. Von seinen früheren Kameraden haben später sechs Suizid begangen. «Ich hatte Glück und ein fröhliches Gemüt», sagt der Uznacher Benediktiner. Ein Gespräch über Sexualität im Kloster, Kondome in Afrika – und Lebensfreude.
Annalena Müller
Ihr Buch «Vom Waisenkind zum Ordensmann» ist bereits in dritter Auflage erschienen. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über Ihr Leben zu schreiben?
Bruder Andreas Kohler*: Ich verschicke seit vielen Jahren Rundbriefe aus dem Kloster in Tansania an insgesamt 360 Menschen. Alle Briefe sind von Hand adressiert und unterschrieben. Darin erzähle ich, was ich in Afrika erlebe. Einige Leserinnen und Leser haben mir gesagt, dass es interessant wäre, wenn ich ein ein Buch über mein Leben schriebe.
Sie haben viel erlebt. Sie sind als Säugling von Ihrer Mutter getrennt worden und im Heim aufgewachsen. Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gefühl, dass Sie damit sehr gut umgehen können.
Kohler: Ich war halt immer ein Lustiger (lacht). Ich habe schon immer viel Blödsinn gemacht und gerne gelacht. Und daher kann ich Dinge vielleicht etwas leichter nehmen als andere. Für andere war es schwer im Heim. Eine der Heimschwestern hat mir später berichtet, dass sechs Buben aus meiner Gruppe Selbstmord begangen haben. Sechs von insgesamt 30 Buben.
Jeder fünfte! Das sind viele!
Kohler: Ja, das sind viele. Aber ich konnte anscheinend besser damit umgehen. Bis zu meinem 60. Geburtstag habe ich fast nie über meine Kindheit im Heim gesprochen. Als ich es im Buch aufgeschrieben habe, habe ich mich doch befreit gefühlt.
«Viele Heim- und Verdingkinder haben Traumata erlitten.»
Haben Sie eine Vermutung, warum sich die sechs Männer das Leben genommen haben?
Kohler: Nein. Viele Heim- und Verdingkinder haben Traumata erlitten. Ich gehöre glücklicherweise nicht dazu. Vielleicht waren es aber auch ganz andere Gründe. Darüber möchte ich nicht spekulieren.
Haben Sie so lange über Ihre Heimvergangenheit geschwiegen, weil Sie sich geschämt haben?
Kohler: Ich wollte vor allem kein Mitleid. Ich wollte nicht, dass man sagt: «Ach der arme Bub, der war im Heim.» Es gibt andere Menschen, die viel Schlimmeres erlebt haben als ich. Und wir hatten es im Heim teilweise auch gut. Ja sicher, wir wurden geschlagen. Aber es hat mich nicht so geprägt, dass ich darüber definiert werden wollte. Also behielt ich es lieber für mich.
«Der Umgang mit Sexualität war im Heim sehr verklemmt.»
Haben Sie im Heim auch sexuellen Missbrauch erlebt?
Kohler: Nein. Soweit ich das beurteilen kann, gab es das bei uns nicht. Wir wurden geschlagen, aber nicht sexuell missbraucht. Der Umgang mit Sexualität war im Heim sehr verklemmt. Beim Wechseln der Unterwäsche mussten wir Buben uns immer ein Leinentuch über den Schoss legen, damit man auch ja nichts sieht.
Auch wenn der Umgang mit Sexualität verklemmt war: Alle Menschen kommen in die Pubertät…
Kohler: Ja, wir Jungs sind dann schon darauf gekommen, wie das funktioniert. Wir haben halt ab und zu miteinander gespielt und das ganze so entdeckt. Wie das unter Buben halt so ist. Das ist doch ganz normal, oder?
Mit 22 Jahren haben Sie sich entschieden, ins Kloster St. Otmarsberg nach Uznach zu gehen. Was war Ihre Motivation?
Kohler: Es gab keine Gotteserfahrung, die mich ins Kloster gerufen hätte. Für mich war es eine menschliche Erfahrung. Vor allem Pater Aidan. Seine Schwester war eine der Nonnen bei uns im Heim. Und wenn er aus Afrika Urlaub im Uznacher Mutterkloster machte, dann kam er häufig zu Besuch. Ihn mochte ich sehr. Und wir sind immer in Kontakt geblieben. Er hat mich auch während meiner Bäckereilehre regelmässig besucht. Und ich habe meine Ferien im Kloster verbracht. Dort hat es mir gefallen. Es war für mich auch besonders leicht, mich im Kloster zurechtzufinden. Ich kannte diese geregelten Tagesabläufe ja aus dem Heim. Das hat mir sicher geholfen, mich im Kloster wohlzufühlen.
Sie schreiben, dass Sie im Kloster von Anfang an angeeckt sind. Wie kam das?
Kohler: Das lag vor allem an meinem fröhlichen Wesen. Einige Brüder haben mir gesagt, ich sei oberflächlich. Ich bin nicht so ein Frommer, der seinen Glauben ständig nach aussen trägt. Ich laufe noch heute zu schnell in den Gängen und früher bin auch schon mal das Treppengeländer hinuntergerutscht, um pünktlich im Refektorium zu sein. Das kam nicht bei allen gut. Denn viele glauben, dass man immer eine demütige Haltung haben muss, «mit den Augen stets gen Himmel blickend». So war ich halt nie. Letztlich kommt es auf das Herz des Menschen und nicht auf den Gang an. Und in das Herz hat man von aussen keinen Einblick.
Aber Sie wollten unbedingt Mönch werden. Sie mussten dreimal das Noviziat machen, bevor man Ihnen erlaubte, die ewige Profess abzulegen.
Kohler: Das Noviziat habe ich zweimal gemacht. Einmal in Uznach und einmal in einem deutschen Kloster, das zu unserer Gemeinschaft gehörte. Beim dritten Anlauf, wieder in Uznach, musste ich nur noch ein Probejahr absolvieren. Da habe ich also keinen Unterricht mehr bekommen. Ich bin hartnäckig. Und auch wenn ich nicht sagen kann, dass Gott mich ins Kloster gerufen hat, so habe ich mich doch berufen gefühlt. Ich habe mich dort immer wohl gefühlt. Trotz aller Probleme.
«Ich war ihnen einfach zu wenig untergeordnet.»
Nach Ihrem ersten Noviziat hat Ihnen die Gemeinschaft das Ablegen der Profess verweigert. Einige Mönche warfen Ihnen Diebstahl vor.
Kohler: Ja, so war es. Schlussendlich wurde mein Noviziat um ein halbes Jahr verlängert. Man hat mir am Ende dann doch geglaubt, dass ich nichts gestohlen habe. Letztlich haben sie damals einfach nach einem Grund gesucht, um mich nicht aufnehmen zu müssen. Ich war ihnen einfach zu wenig untergeordnet.
Wie haben Sie als junger Mann Sexualität im Kloster erlebt?
Kohler: Sie ist halt da, besonders wenn man jung ist. Und das ist im Kloster natürlich nicht anders. Man kann das nicht einfach wegbeten. Man muss nicht meinen, dass alles anders ist, wenn man einen Habit anzieht. Man bleibt auch unter der Kutte ein Mann.
Das heisst…?
Kohler: Ich bin einfach ehrlich. Wenn ich jetzt behaupten würde, dass die Biologie mit dem Klostereintritt auf einmal anders funktionierte, das würde mir doch niemand glauben.
Geht man mit dem Thema Sexualität im Kloster inzwischen offen um?
Kohler: Nein, das wird nicht thematisiert. Aber ich denke, Sexualität gehört dazu. Es ist menschlich. Es dürfte aber Leute im Kloster geben, die aus reiner Liebe zu Gott auf Masturbation verzichten. Das darf natürlich auch so sein.
«Gott sah, dass es gut war. Also nicht schmutzig oder nicht versteckend.»
Aus Askese…
Kohler: Genau. Ich habe mich einfach gefragt, ob das sinnvoll ist. Ich denke, es muss für den jeweiligen Menschen stimmen. Das ist für mich eigentlich immer das Wichtigste. Ich finde es wichtig, sich daran zu erinnern: Gott hat den Menschen geschaffen und Gott sah, dass es gut war. Also nicht schmutzig oder nicht versteckend.
Sie weichen ja nicht nur mit dieser Einstellung von der offiziellen Lehrmeinung ab. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sie nicht ans göttliche Gericht glauben.
Kohler: Und auch an die Hölle mit Feuer glaube ich nicht. Ich glaube, dass Gott nie strafend ist, sondern ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Jeder straft sich selbst. Nach dem Tod reicht Gott allen die Hand. Wenn wir ein gutes, ein gerechtes Leben gelebt haben, wissen wir, dass wir diese Hand annehmen können. Wenn wir bewusst schlecht waren, dann haben wir im Tod die Erkenntnis, dass wir sie nicht annehmen sollen. Aber Gott wird niemandem die Hand verweigern.
«Ich würde genauso leben, wenn es keinen Himmel gäbe.»
Was passiert mit den Leuten, die erkennen, dass sie die Hand nicht annehmen dürfen?
Kohler: Das weiss ich nicht. Und darüber will ich nicht spekulieren. Die Erkenntnis, dass man die dargebotene Hand nicht nehmen soll, stelle ich mir wie Heimweh vor – eine Sehnsucht, da man von Gott entfernt bleibt. Ich versuche für mich, gut und gerecht zu leben, mit all meinen Fehlern und Schwächen. Nicht mit dem Ziel, in den Himmel zu kommen. Ich würde genauso leben, wenn es keinen Himmel gäbe.
Sie sind seit den 1990er-Jahren in Tansania tätig. Sie sehen die Folgen von HIV/AIDS und unregulierten Geburten tagtäglich. Wie stehen Sie zu Kondomen?
Kohler: Rom sagt halt, was Rom sagt. Aber ich persönlich finde, dass man Kondome in Afrika verwenden sollte. Aber Rom ist immer ein bisschen hinten drein. Das sieht man ja auch bei der Frage, ob Frauen Priesterinnen werden dürfen. Nur weil Jesus ein Mann war und die Apostel männlich waren, müssen wir das doch 2000 Jahre später nicht auch noch so handhaben.
«Ich denke, dass Frauen sehr gute Priesterinnen sein könnten.»
Weil sich die Zeiten geändert haben?
Kohler: Die Welt war lange eine Männerwelt. Früher hätten alle gelacht, wenn Frauen gepredigt hätten. Aber heute ist es anders. Und diese Männerwelt der Kirche muss sich einfach mal ein bisschen in Demut üben. Ich denke, dass Frauen sehr gute Priesterinnen sein könnten. Vielleicht wären sie sogar die intelligenteren Priester und vielleicht gäbe es dann auch etwas weniger Missbrauch.
Wenn man Ihr Buch liest, dann fällt auf, dass das Kloster in Tansania viel Zulauf hat. Was ist in Tansania anders als hier?
Kohler: Dort ist der Klostereintritt mit sozialem Aufstieg verbunden. Früher war das hier ja auch so. Da gingen aus jeder Familie ein oder zwei Kinder in ein Kloster. In Tansania haben Eltern manchmal sieben Kinder und mehr. Da gehen dann zwei oder drei in ein Kloster. Das darf man natürlich nicht verabsolutieren. Es gibt auch solche, die aus echter Frömmigkeit ins Kloster kommen. Aber bei vielen spielt auch ein gewisser Pragmatismus mit.
«Nicht immer alles ausbremsen und nur auf Gehorsam und Unterordnung bestehen.»
In der Schweiz sterben die Klöster aus, egal wie pragmatisch man da herangeht. Was müsste sich hier ändern, damit Menschen sich wieder vom Klosterleben angesprochen fühlen?
Kohler: Man müsste den Jungen im Kloster eine Chance geben, sich weiterentwickeln zu können. Man müsste offener für Neues werden. Nicht immer alles ausbremsen und nur auf Gehorsam und Unterordnung bestehen, sondern einander so annehmen, wie wir sind. Anstelle zu versuchen, Menschen so zu verformen, wie wir sie haben möchten. Mehr Menschlichkeit sollte oberste Priorität sein.
Wie sieht das in Ihrem Heimatkloster aus, in St. Otmarsberg in Uznach?
Kohler: Der Abt ist einer der alten Schule. Und da ecke ich natürlich wieder an. Dabei gehöre ich nicht zu den jungen! Aber mir fehlt immer noch der demütige Gang und ich habe immer noch mein frohes Gemüt. Es heisst ja auch in der Bibel «Einen freudigen Geber liebt Gott!». Der Abt aber mag Ordnung und Strenge. Das sieht man ja auch am Klostergarten und in der Umgebung. Alles wie das Pünktchen auf dem «i».
Inwiefern?
Kohler: Der Abt hat den Garten sehr schön gemacht. Sehr gepflegt, alles sehr symmetrisch und geordnet. Ich hätte lieber Hecken oder Bäume, damit man mehr von der Natur sehen kann. Das sind sehr unterschiedliche Herangehensweisen.
Sind also mehr Team Franziskus und der Abt ist mehr Team Benedikt?
Kohler (lacht): Ja, so könnte man es auch sagen.
* Der Uznacher Missionsbenediktiner Andreas Kohler (72) legte 1984 die ewige Profess ab. Seit 1993 lebt er vor allem in Tansania. Er wuchs in einem Kinderheim Grenchen auf. Sein Buch «Vom Waisenkind zum Ordensmann. Mein steiniger Weg – bis ich «Hilfe zur Selbsthilfe» in Ostafrika leisten konnte!» ist 2022 im BOD-Verlag erschienen.
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