Schweiz

«Unser Glück ist abhängig von ihrem Unglück und umgekehrt»

Zürich, 5.3.18 (kath.ch) Der Regisseur Markus Imhoof dokumentiert in seinem neuen Dokumentarfilm «Eldorado» die Reise von Flüchtlingen nach Europa. Dabei zeigt sich, Flucht hat so viele Gesichter wie die Menschen, die sie als Chance nutzen wollen und das vermeintlich gelobte Land Schattenseiten hat. Im Interview erklärt der Schweizer Filmemacher seine Beweggründe für den Film und seine Weltanschauung.

Sarah Stutte*

Das Schicksal von Giovanna, Ihrer Freundin aus der Kindheit, hat Sie zu diesem Dokumentarfilm inspiriert. Warum hat Sie diese Thematik nie losgelassen?

Plötzlich hatte das Weltgeschehen in unserer Stube Einzug gehalten.

Markus Imhoof: Ich habe dadurch schon als Kind erfahren, dass nicht alle Menschen, so wie wir, im Eldorado leben. Giovannas Vater war in Stalingrad verschollen. Die Mutter blieb krank in einem zerbombten Haus zurück. Giovanna kam aus einem Krieg zu uns, der um uns herum stattfand. Doch plötzlich hatte das Weltgeschehen in unserer Stube Einzug gehalten. Ich werde allein das Aussuchen der Kinder am Güterbahnhof in Winterthur nie vergessen. Jedesmal, wenn ich dort vorbeifahre, sehe ich den alten Schuppen, der noch dort an der Rampe steht. Dort kamen die Kinder an.

https://youtu.be/WP_E3lfs_Fk

War es ein langwieriger Prozess bis alle Drehgenehmigungen eingeholt waren?

Imhoof: Ja. Schon allein die Bewilligung der italienischen Marine zog sich bis zum Generalstab hinauf und dauerte Monate. Das grosse Unglück in Lampedusa 2013 mit vielen Hunderten von Toten führte zur Operation Mare Nostrum. Die Lega Nord bekämpfte die Aktion. Alle Anfragen wurden von diesem politischen Kräftespiel beeinflusst. Für die Aufnahmen im Ghetto der Mafia, die nur mit versteckter Kamera möglich waren, haben wir einiges riskiert.

Wir wollten keine voyeuristischen Aufnahmen machen, aber die Menschen zeigen.

Wie haben Sie die Szenen auf dem Wasser durch die Kamera erlebt?

Imhoof: Es war notwendig, dass wir im Hintergrund bleiben, damit die Rettungskräfte arbeiten können. Wir wollten keine voyeuristischen Aufnahmen machen, aber die Menschen zeigen. Wenn ein Zuschauer nur die abstrakten Zahlen der ertrunkenen Flüchtlinge hört, berührt ihn das nicht. Es ist wichtig, dass die Menschen ein Gesicht haben und eine Stimme, dass man Emotionen aufbauen kann – aber, dass man sie nie benutzt. Das Wechselspiel aus Nähe und Distanz ist eine Gratwanderung.

Wir baden im selben Meer und können uns diesem Wissen und der Verantwortung nicht entziehen.

Sie haben auch nachts gefilmt. Kam Ihnen dabei einmal der Gedanke, wie viele der Flüchtlinge einfach im Dunkeln verschwinden?

Imhoof: Ja, sicher. Es gibt diese Liste von 33’239 Asylsuchenden, Flüchtlingen und Migranten, die seit 1993 innerhalb oder an den Grenzen Europas umgekommen sind. Sie wurde von der Berliner Künstlerin Banu Cennetoğlu zusammengestellt. Jedem Menschen auf dieser 48-seitigen Liste ist eine Zeile gewidmet. Oft steht kein Name, jedoch sind seine Herkunft und das Todesdatum aufgeführt. Natürlich ist das auch mein Gedanke am Schluss des Films. Wir baden im selben Meer und können uns diesem Wissen und der Verantwortung, die wir haben, nicht entziehen. Im Talmud steht, dass der freie Wille eine Verantwortung ist. Winston Churchill sagte, dass Grösse eine Verantwortung ist. Ich glaube, dass auch Glück eine Verantwortung ist.

Ebenfalls thematisiert wird im Film die Gefahr von Übergriffen auf Frauen während der Flucht. Gibt es viele solcher Fälle?

Imhoof: Leider ja. Ich habe von Frauen und anderen Zeugen gehört, dass der Prozentsatz solcher Übergriffe erschreckend hoch ist. Die Hilflosigkeit der Frauen wird ausgenutzt. Die Frauen, die vom Boot auf das Schiff geholt werden, können oft kaum gehen. Das ist nicht einfach dem Umstand geschuldet, dass sie lange in diesem Boot sassen. Immer wieder kommt es auch zu Erpressungen. Menschen müssen ihre Angehörigen anrufen, damit diese Geld schicken. Dahinter steckt ein ganzes Netzwerk.

Die Tomatenernte in Italien und das Ghetto empfinden viele als das Schlimmste.

Geht es den Flüchtlingen am Ende ihrer Reise nicht noch schlimmer als am Anfang?

Imhoof: Sie kommen vom Regen in die Traufe. Die Tomatenernte in Italien und das Ghetto empfinden viele als das Schlimmste. Vor allem wegen dem Druck, den die Mafia aufgebaut hat. Diese Situation zwingt Frauen in die Prostitution und Männer dazu, ihren Lohn für das Essen in den sogenannten «Restaurants» des Ghettos auszugeben, weil sie sonst nicht zur Arbeit gefahren werden. Der Staat, der die Flüchtlinge rettet, bereichert sich danach wirtschaftlich an ihnen. Die EU zahlt Subventionen für Arbeitsverträge, die mit fingierten italienischen Arbeitskräften abgeschlossen wurden.

Und diejenigen, die legal ausgewiesen werden, kommen oft mit nichts zurück ausser der Demütigung, es nicht geschafft zu haben…

Imhoof: Richtig. Meist haben ganze Dörfer oder Familien über Jahre hinweg Geld gesammelt, um jemanden auf die Reise nach Europa zu schicken. Diese Person soll dann später Geld überweisen. Deshalb ist es so hart, ausgewiesen zu werden, weil die Scham so eine grosse Verletzung ist. Viele schicken falsche Fotos nach Hause, um die Illusion aufrecht zu halten. Die Rückkehrhilfe des Bundes ist deshalb eine gute Sache. Doch wenn der Flüchtling sich mit diesem Geld in der Heimat zwei Kühe kauft, die EU gleichzeitig ihr subventioniertes Milchpulver günstig nach Afrika absetzt, macht er keinen Gewinn. Unser Glück ist abhängig von ihrem Unglück und umgekehrt.

Man muss die ganze Welt als Bienenstock oder als Körper ansehen.

Und hierzulande können sich Gemeinden von ihrer Verantwortung immer noch freikaufen. Müssen wir zur Mithilfe gezwungen werden?

Imhoof: Wir Individuen denken, wir sind das Zentrum und alles andere ist weit weg und gehört nicht zu uns. Doch man muss die ganze Welt als Bienenstock oder als Körper ansehen. Das Zusammenspiel zwischen dem Individuum und dem Ganzen ist das, was die Basis des Lebens sein müsste und uns vielleicht oftmals zu wenig bewusst ist. Akhet Téwénde, den wir im Ghetto interviewt haben, hat es nun, dank eines Erasmus-Stipendiums an die Sorbonne in Paris geschafft. Man spürt also durchaus auch die positive Kraft, die das Ganze hat.

*Sarah Stutte ist Filmjournalistin und schreibt unter anderem Filmtipps für www.medientipp.ch

Moment des Glücks in grosser Verzweiflung. | © Massimo Sestini/Frenetic Films
5. März 2018 | 12:57
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