Schweiz

Umstrittene Bruderschaft kommt in die Schweiz

In Deutschland sind Therapien, die Homosexuelle heilen sollen, bald verboten. Die «Bruderschaft des Weges» fühlt sich missverstanden und konstituiert sich neu als Verein in der Schweiz.

Ueli Abt

Das deutsche Gesundheitsministerium will so genannten Konversionstherapien per Gesetz ein Ende setzen. Diese zielen darauf ab, die sexuelle Orientierung – in der Praxis bei Homosexualität – zu verändern oder zu unterdrücken. Ein entsprechendes Gesetz zum Verbot solcher Konversionstherapien, wie sie unter anderem in evangelikalem Umfeld angeboten und empfohlen werden, tritt per Mitte Jahr in Deutschland in Kraft.  

Das hat die «Bruderschaft des Weges» aus Deutschland dazu bewogen, sich neu zu organisieren: Sie hat in der Schweiz einen Verein gegründet. Wie es in einer Mitteilung auf der Website www.idisb.de heisst, fühlt sich die Bruderschaft durch das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen (SOGISchutzG) «diskriminiert».

Nach Kampagnen Namen gewechselt

Das Gesetz verunmögliche es, dass sich Menschen auch nur schon zu ihrer als «konflikthaft erlebten Sexualität» öffentlich äusserten. Nach eigenen Angaben will die Bruderschaft nichts mit Konversionstherapie zu tun haben.

Gemäss Markus Hofmann, Prior der Bruderschaft, habe man sich auf Anraten eines Strafrechtlers dazu entschieden, dass sich die Bruderschaft juristisch vom «Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e.V. loslöst.

«Beratungen verlaufen streng ergebnisoffen.»

Markus Hofmann, Idisb

Das Institut hatte 2014 den früheren Namen «Wüstenstrom» aufgegeben, erwähnt das Institut auf der Website. Dieser sei «durch verschiedene Kampagnen beschädigt» worden. Gemäss Medienberichten stand die Organisation wegen angebotenen Konversionstherapien in der Kritik. «Gegen diesen Vorwurf wehrt sich das Institut seit Jahren und betont, dass die Beratungen streng ergebnisoffen verlaufen», sagt Hofmann.

Schwule Seelsorger lehnen Bruderschaft ab

Als sehr fragwürdig nimmt Bruno Fluder, Sprecher des «Vereins Schwule Seelsorger Schweiz» Adamim, die Bruderschaft wahr. «Seit den 1990er-Jahren ist uns Wüstenstrom als eine evangelikale Bewegung in Deutschland mit Ausläufern in die Schweiz bekannt, welche in einer fundamentalistischen Bibelauslegung Homosexualität als Sünde versteht.»

«De facto verletzen sie Menschenrechte.»

Bruno Fluder, Adamim

Wie aus der auf Idsb-Website veröffentlichten Geschichte der Bewegung hervorgehe, habe die Organisation in den letzten 30 Jahren beinahe jährlich eine neue Organisationsform angenommen. «Parallel dazu passte sie ihre Redeweise an, um juristisch überleben zu können. De facto aber verletzen sie bis heute die Menschenrechte», so Fluder.

Die Angebote von Idisb seien vielfältig und undurchschaubar. Ob sich darunter Konversionsbehandlungen befänden, sei nicht leicht zu beurteilen. Bezeichnungen wie «ESSB, «Reise zum Mannsein», «emotiv-schematheoretische Seelsorge und Beratung» sind aus Fluders Sicht «extrem verschleiernd und nichtssagend».

Pink Cross will Verbot in der Schweiz

Auch bei der Schwulenorganisation Pink Cross warnt man vor der Bruderschaft. «Es ist nicht so, dass das Gesetz in Deutschland echte therapeutische Arbeit verunmöglicht. Dass die Bruderschaft neu als Verein in die Schweiz flüchtet, zeigt, dass sie vom Verbot der Konversionstherapien betroffen sind», sagt Sprecher Roman Heggli.

«Sie haben zum Ziel, grosse Schuldgefühle aufzubürden.»

Roman Heggli, Pink Cross

Es gebe in der Schweiz durchaus sehr gute Angebote für Männer, die sich über ihre Sexualität und Orientierung austauschen wollen. Die Bruderschaft gehöre jedoch nicht dazu. Solche Angebote seien für Betroffene höchst traumatisierend, wie diverse Studien zeigten. «Sie haben zum Ziel, den Betroffenen grosse Schuldgefühle aufzubürden, was viele in die Verzweiflung treibt. Denn sie merken, dass sich ihre Gefühle nicht einfach so unterdrücken lassen und fühlen sich umso schuldiger.»

Keine Rechtsgrundlage

Anders als demnächst in Deutschland fehle es derzeit in der Schweiz an einer rechtlichen Handhabe gegen die so genannten Konversionstherapien. Die entsprechenden Kreise seien allerdings in der Schweiz, vor allem im Rahmen von Freikirchen, sehr aktiv.

In der Schweiz hat die 2019 nicht wiedergewählte Nationalrätin Rosmarie Quadranti (BDP) wiederholt einen Vorstoss zum Verbot von Konversionstherapien an homosexuellen Jugendlichen eingereicht, letztmals zusammen mit Pink Cross im Juni 2019. Im Rat wurde die Motion bislang nicht behandelt.

Homosexuelles Paar | © pexels.com / Chrysostomos Galathris
26. Mai 2020 | 16:00
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Schädlichkeit nachgewiesen

Die Bruderschaft des Weges bezeichnet sich online als eine «geistliche Gemeinschaft von Männern, die ihre Sexualität konflikthaft erleben». Es handelt sich um ein Netzwerk mit zugeteilten «Gefährten», Mentoren für die probehalber Aufgenommenen, Beichthörern und einem Gebetsnetzwerk, das über digitale Kanäle funktioniert. Die Brüder treffen sich zweimal jährlich zu einer Retraite sowie einmal zum «Tag der Bruderschaft». Gemäss Prior Markus Hofmann leben die rund 35 Brüder in acht bis zehn Gruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Drittel stamme aus dem katholischen Umfeld.

Im Zusammenhang mit dem Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen (SOGISchutzG) verweist das deutsche Bundesministerium für Gesundheit darauf, dass keine der bekannten Studien den Schluss zulasse, dass die sexuelle Orientierung dauerhaft verändert werden kann. Wissenschaftlich nachgewiesen seien aber schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch solche «Therapien» wie Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko. (uab)