Über die Züge in Zug wacht ein «Schutzengel» der speziellen Art
Rund 800 Bahnhaltepunkte der SBB gibt es in der Schweiz. In Zug dürfen sich Bahnreisende der Stadtbahn besonders beschützt fühlen: An der neugebauten Zuger Haltestelle «Schutzengel» achtet nämlich ein Engel auf das Wohl der Reisenden. Wenn man es spirituell verstehen will.
Wolfgang Holz
«Schutzengel sind für die meisten Menschen heutzutage positiv besetzt und wichtig», sagt Gemeindeleiter Bernd Lenfers Grünenfelder von der Pfarrei St. Johannes der Täufer. Er weiss das aus Erfahrung von Taufen in seiner Kirchgemeinde in Zug. Er findet es auch super, dass eine Bahnhaltestelle der Schweizerischen Bundesbahnen diesen religiösen Namen tragen darf.
Religiöse Stationsnamen sind rar
Schutzengel. In der Tat ist es aussergewöhnlich, dass eine SBB-Station einen solch expliziten religiösen Bezug hat. Wer sich die Namen der gut 800 Haltepunkte in der Schweiz anschaut, stellt fest, dass religiöse Namen die Ausnahme darstellen – abgesehen von den zahlreichen Bahnhaltestellen, die Heiligen gewidmet sind, die zugleich Ortsnamen verkörpern: St. Margrethen, St. Moritz, St. Blaise, St. Gingolph, St. Niklaus…
«Die meisten Namen von Bahnhaltepunkten gehen auf geographische Bezeichnungen zurück.»
Sabrina Schellenberg, SBB-Mediensprecherin
Daneben gibt es natürlich auch solche Stationen wie Klosters, Münster, Kirchberg-Aldenflüh, Innertkirchen. Nicht zu vergessen die kirchlichen Schwergewichte wie Einsiedeln. Oder etwa jener kryptische Bahnhof namens «La Conversion» (deutsch: «Bekehrung») in Lotry im Kanton Waadt.
«Die meisten Namen von Bahnhaltepunkten gehen auf geographische Bezeichnungen zurück», erklärt SBB-Mediensprecherin Sabrina Schellenberg auf Anfrage von kath.ch. Aber was ist mit Schutzengel? Ist dieser «Schutzengel» womöglich infolge überirdischer Einflüsse ins Bahnhaltepunktregister der SBB als religiöser Passagier oder Wächter eingeschmuggelt worden?
Schutzengelkapelle gleich daneben
Nein. Dem ist nicht so, weil sich ganz objektiv betrachtet in unmittelbarer Nähe zur Zuger Bahnstation die Schutzengelkapelle befindet. Die SBB-Haltestelle ist nach dieser benannt und ist eine der neun neuen Haltestellen, die im Rahmen der Stadtbahn Zug zwischen 2004 und 2008 gebaut wurden.
Andererseits finden in dieser Kapelle, die nur einen Steinwurf von der Bahnstation «Schutzengel» entfernt liegt und die rund 80 Personen fasst, immer noch Gottesdienste statt. «Jeweils mittwochabends und auch hin und wieder sonntagabends», sagt Gemeindeleiter Bernd Lenfers Grünenfelder, auf dessen Kirchgemeindegebiet die Kapelle liegt. Er selbst hat dort auch schon Gitarre gespielt. Ein spiritueller Geist weht in diesem Sinne auf jeden Fall zur Bahnstation hinüber. Wenn man es so deuten will.
Einsiedler Klosterbaumeister
Die Schutzengelkapelle ist übrigens «Unserer Lieben Frau», dem Schutzengel und St. Wendelin geweiht. Sie wurde laut «Kulturpunkte Zug» vom Allgäuer Martin Elgass in den Jahren 1803-04, dem Klosterbaumeister von Einsiedeln, errichtet und ersetzte einen kleinen Vorgängerbau von 1644, dem seinerseits ein noch älteres Heiligtum vorangegangen war. Heute kümmert sich die Zuger Nachbarschaft Lorzen um die Kapelle, welche dieses Bauwerk 1802 übernahm.
Unmittelbar neben der Kapelle lag wohl seit dem 15. Jahrhundert eine der Richtstätten der Gegend, ebenso ein kleiner Friedhof für Hingerichtete und Selbstmörder. Bereits im Jahr 1400 erwarb sich die Stadt Zug von König Wenzel den sogenannten Blutbann, das heisst das Recht, Fehlbare mit dem Tod zu bestrafen.
Kreuz erinnert an Hingerichtete
1847, zwei Tage vor Weihnacht, wurde an dieser Stelle das letzte Todesurteil vollstreckt. Hinter dem Chor der Kapelle erinnert ein schmiedeeisernes Kreuz an die hier hingerichteten Menschen. Das tönt irgendwie gruselig.
Und was sagen Zuggäste eigentlich zum Namen «Schutzengel»? «Es ist ein schöner Name, wenn man darüber nachdenkt», sagt eine junge Zugerin am Bahnsteig. «Und es ist auf jeden Fall auch ein schönerer Name im Vergleich zu vielen anderen Ortsbezeichnungen von Haltestellen.»
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




