Traumatherapeutin: «Kirche muss Verantwortung für Gräueltaten übernehmen»
Viele Opfer melden sich erst Jahre nach den Missbrauchstaten. Denn Verdrängen ist eine Überlebensstrategie, sagt die Psychologin und Traumatherapeutin Sheila Bachmann (58). Daten von Opfern an Täter weiterzugeben ist genauso retraumatisierend wie das Totschweigen von Missbrauch in der Kirche.
Jacqueline Straub
Vor wenigen Tagen wurde die Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche vorgestellt. Wie blicken Sie als Traumatherapeutin auf diese Veröffentlichung?
Sheila Bachmann*: Die Veröffentlichung kann bei Betroffenen Erinnerungen wachrufen – aber auch Mut geben, sich zu melden. Ich finde es sehr gut, dass sich die Kirche ihrer Vergangenheit stellt. Es ist wichtig, dass Unrecht benannt und gehört wird. Die Kirche muss Verantwortung für diese Gräueltaten übernehmen und sich bei den Opfern entschuldigen. Das kann heilsam sein für die Opfer.
«Es ist wichtig, dass Betroffene nun sehr gut zu sich schauen.»
Reicht eine kollektive Entschuldigung?
Bachmann: Das kollektive Anerkennen der massiven Grenzverletzungen von sexualisierter Gewalt und Misshandlungen ist wichtig. Ob es einzelne Entschuldigungen braucht, ist schwierig zu sagen. Für manche Betroffene mag das stimmen, andere wollen das nicht. Das gilt auch zu respektieren.
Was kann die Veröffentlichung der Studie mit den Betroffenen machen?
Bachmann: Die eigene Geschichte kann hochkommen, wenn sie noch nicht verarbeitet ist. Es ist wichtig, dass Betroffene nun sehr gut zu sich schauen, sich anderen anvertrauen oder auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Viele Betroffene sexueller Gewalt melden sich erst Jahre später bei den zuständigen Behörden. Warum?
Bachmann: Die Gründe sind unterschiedlich. Es gibt Opfer, die alles verdrängt haben, um im Alltag überleben zu können. Denn wenn wir in Gefahrensituationen sind, reagiert unser Körper mit einem Flucht- oder Kampfmodus. Wenn weder Flucht noch Wehren möglich sind, entsteht ein Trauma. Denn dann bin ich handlungsunfähig. Viele Opfer erleben ein Freeze, sie sind im Schockzustand, wie gelähmt. Es gibt Opfer, die vergewaltigt wurden und sich direkt danach nicht mehr erinnern können. Bei vielen Opfern fehlt die Erinnerung, das ist eine Überlebensstrategie, um weiterleben zu können. Erst in späteren Lebensabschnitten können traumatische Erinnerungen aufbrechen.
«Manche Opfer schämen sich so sehr, dass sie sich gar niemanden anvertrauen können.»
Was sind hierfür die Faktoren?
Bachmann: Wenn die betroffene Person stabile Lebensverhältnisse oder keinen Kontakt mehr zum Täter hat. Aber auch eine Gewaltszene in einem Film oder andere Auslösereize, die traumassoziiert sind, können die Erinnerungen hervorbringen.
Es gibt aber auch noch andere Gründe für das späte Melden des Missbrauchs.
Bachmann: So ist es. Manche Opfer schämen sich so sehr, dass sie sich gar niemanden anvertrauen können. Oder sie geben sich selbst Schuld für das Verbrechen, das ihnen angetan wurde. Ein Grund ist auch, dass Opfer oft keine Person haben, der sie sich anvertrauen können. Und dann gibt es auch noch Betroffene, die sich gar nicht bewusst sind, dass ihnen Unrecht angetan wurde. Sie spüren zwar, dass es sich nicht gut anfühlt, können es aber zum Zeitpunkt der Tat oder kurz darauf nicht als Übergriff einordnen. Auch kann der Täter mit Drohung und Einschüchterung arbeiten, so dass die Opfer aus Angst schweigen.
Ist es ein Schutz für die Opfer, jahrelang nicht über das Erlebte zu sprechen?
Bachmann: Menschen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben, haben einen massiven Kontrollverlust erleiden müssen. Mir ist es daher wichtig zu sagen, dass sie selbst bestimmen, wann und mit wem sie reden. Nicht darüber zu sprechen ist ein Selbstschutz, um weitermachen zu können.
Überlebende, die erst etliche Jahre oder Jahrzehnte später den Mut finden, den Missbrauch zu melden, müssen erfahren, dass ihr Fall verjährt ist.
Bachmann: Es wäre sinnvoll, die Verjährungsfrist aufzuheben.
Kürzlich wurde bekannt, dass Bischof Felix Gmür die Tagebuchnotizen und Kontaktdaten eines Opfers an den mutmasslichen Täter weitergegeben hat. Was macht das mit dem Opfer?
Bachmann: Das ist höchst unprofessionell und bedenklich von Bischof Felix Gmür. Das kann eine Retraumatisierung auslösen. Denn das Opfer ist einem erneuten Kontrollverlust unterworfen. Es weiss nicht, was der Täter mit diesen Daten macht. Ob er plötzlich vor dem Haus steht, das Opfer bedrängt oder verlangt, dass das Verfahren eingestellt wird. Oder im schlimmsten Fall erneut gewalttätig wird. In solchen Momenten kommen nochmals alle Gefühle nach oben: Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit. Das Opfer verliert dadurch an Sicherheit und Vertrauen. Diese erneute massive Bedrohungssituation löst viel aus. Es wirft einen Menschen in der Therapie sehr zurück.
«Es braucht das schonungslose, ehrliche Ansprechen des Unrechts.»
In gewissen reaktionär-katholischen Kreisen heisst es, dass am besten nicht mehr über Missbrauch in der Kirche gesprochen werden soll, da dies die Opfer retraumatisiere. Was sagen Sie dazu?
Bachmann: Todschweigen ist für die Opfer schlimm, viel schlimmer als die aufwühlenden Gedanken, Bilder und Gefühle, die ausgelöst werden können. Es signalisiert dem Opfer, dass es nicht stattgefunden hat oder nicht schlimm war. Es ist ein Vermeidungsverhalten. Es braucht das schonungslose, ehrliche Ansprechen des Unrechts.
Auch gibt es Menschen, die den Opfern eine Mitschuld zusprechen. Sie sagen dann, dass die Person ja nicht wieder zum Täter hätte gehen müssen.
Bachmann: Die Verantwortung allein liegt immer beim Täter. Oftmals stecken die Opfer in solch einem Abhängigkeitsverhältnis, dass sie sich gar nicht vom Täter lösen können.
Wie können Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben mit dem erlittenen Unrecht umgehen?
Bachmann: Eine Traumatherapie kann sehr hilfreich sein. Es braucht viel Stabilisierungsarbeit und auch Übungen, um sich selber zu beruhigen und zu trösten, wenn belastende Erinnerungen hochkommen. Eine Therapie kann dazu beitragen, dass die schrecklichen Dinge, die einem passiert sind, keine Panik mehr auslösen und in die eigene Biografie integriert werden können. Es wird aber immer ein Unrecht bleiben. Menschen, die eine traumatische Situation erlebt haben, fallen oft in einen «Überlebensmodus», sind am Funktionieren, fühlen sich dabei innerlich leer. Traumatherapie bedeutet, Schritt für Schritt ins Leben zurückfinden, zu leben, verbunden zu sein mit sich, den Mitmenschen und der Umgebung. Es ist eine Heilung.
*Sheila Bachmann (58) ist Psychologin und Traumatherapeutin. Sie arbeitet in der eigenen psychotherapeutischen Praxis in Zürich und schult bei der Pfarrer Sieber Stiftung Freiwillige und Mitarbeitende im Bereich Trauma und Sucht.
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