Thomas Scherer: Wir können Bischof Felix Gmür Rückenwind geben
Thomas Scherer ist Präsident der Sonderkommission «Aufarbeitung Missbrauch» in Luzern. Diese soll dafür sorgen, dass das Bistum Basel bestimmte Forderungen der Synode umsetzt. Im Interview sagt Scherer, wie er die Arbeit der Kommission versteht, was deren nächste Schritte sind und was er sich von den Bischöfen erhofft in Sachen Sexualmoral und Lebensform von Seelsorgenden.
Barbara Ludwig
Der Bischof von Basel muss aus Sicht der Luzerner Synode nachbessern. Nur teilweise erfüllt sind die Forderungen nach einer «Abkehr von der lebensfeindlichen und homophoben Sexualmoral» und nach einer «uneingeschränkte Anerkennung eines freien partnerschaftlichen Lebens auch für kirchliche Mitarbeitende». Ihre Kommission hat kürzlich den Auftrag erhalten, die Umsetzung dieser Forderungen weiter zu begleiten. Was verstehen Sie unter Begleitung?
Thomas Scherer*: Wir müssen überprüfen können, ob die Forderungen der Synode erfüllt sind oder nicht. Dazu braucht es Kriterien. Woran ist etwa erkennbar, ob sich das Bistum Basel eine zeitgemässere Sexualmoral zu eigen gemacht hat oder nicht? Gerade bei dieser Forderung ist es gar nicht so einfach, dies festzustellen. Eine allgemeine Aussage des Bistums reicht uns nicht. Wir brauchen Kriterien, an denen wir das festmachen können. Und wenn eine Forderung nicht erfüllt wird, möchten wir Informationen erhalten, warum dies nicht geschieht.
Sie sprechen jetzt doch wieder von Überprüfen. In den Dokumenten der Synode wird aber das Wort «Begleiten» verwendet. Wieso?
Scherer: Als Landeskirche können wir diese Forderungen nur an ihn, unseren Bischof, richten, nicht an die gesamte Bischofskonferenz. Aber wenn er dort sagen kann «Das ist nicht nur eine Idee von mir, sondern hinter mir steht eine ganze Synode», gibt ihm das eine ganz andere Legitimation. So sieht es zumindest die Luzerner Landeskirche. Und in diesem Sinne könnten wir ihm Rückenwind geben – ihn also begleiten.
«Beim Thema Sexualmoral und Lebensform scheint der Bischof von Basel offener zu sein als seine Kollegen in der Bischofskonferenz.»
Das funktioniert aber nur, wenn er mit den Forderungen einverstanden ist.
Scherer: Beim Thema Sexualmoral und Lebensform scheint der Bischof von Basel offener zu sein als seine Kollegen in der Bischofskonferenz. Er hat schon in Interviews signalisiert, dass er persönlich durchaus Verständnis habe für die mit den Forderungen verbundenen Anliegen. Vielleicht kann er immerhin in seinem Bistum eigene Regeln erlassen betreffend Sexualmoral und Respektierung der Lebensform von Seelsorgenden.
Welche Schritte stehen nun an bei Ihrer Kommission?
Scherer: Es geht nun darum, den Auftrag an die Sonderkommission anzupassen. Dieser ist nicht mehr aktuell. Unsere Kommission konnte ein Jahr lang Erfahrungen sammeln. Jetzt ist es möglich, die Prüfkriterien zu schärfen, an denen sich festmachen lässt, ob das Bistum Basel Fortschritte macht bei der Umsetzung der Forderungen. Am 12. November hat die Geschäftsleitung der Synode einen Ausschuss gebildet, der sich um die Aktualisierung des Auftrags an die Sonderkommission kümmert. Er wird bis Ende Jahr vorliegen.
Machen Sie selber mit in diesem Ausschuss?
Scherer: Ja, als Präsident der Sonderkommission bin ich da gefragt. Die übrigen Mitglieder gehören der Geschäftsleitung der Synode an.
«Der Auftrag an die bischöfliche TÖK-Kommission bleibt sehr vage.»
Die SBK hat am 1. Februar ihre Theologisch-Ökumenische Kommission (TÖK) damit beauftragt, die «komplexe und vielfältige Frage nach dem Zusammenhang zwischen Lebensformen und dem beruflichen pastoralen Engagement von Seelsorgenden theologisch zu vertiefen und dazu eine Standortbestimmung zu verfassen». Da denkt man ja gleich an die Forderungen der Luzerner Synode. Wie gut sind Sie informiert über die Arbeit dieser Kommission?
Scherer: Wir sind kaum informiert. Wir wissen, dass die TÖK einen Auftrag bekam, das hat uns die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz mitgeteilt. Wir als Sonderkommission der Synode hätten gerne Einblick in den Auftrag gehabt. Den gibt die Bischofskonferenz aber nicht heraus. Das ist für uns auch in Ordnung. Jedoch hätte Bischof Felix Gmür uns wenigstens mittels einer Absichtserklärung schriftlich bestätigen können, dass dieses Thema angegangen werden muss. Auch dies ist nicht passiert. Wir kennen also nur die von Ihnen zitierte Passage – damit bleibt der Auftrag aus unserer Sicht sehr vage.
Haben Sie an die Bischofskonferenz geschrieben und um Einsicht in den Auftrag gebeten?
Scherer: Nein, wir richten unsere Anliegen an unsere Bistumsleitung.
Die TÖK soll im Herbst Ergebnisse vorlegen, die an der ordentlichen Versammlung der SBK im Dezember 2024 besprochen werden. Hatten Sie schon Einblick in die Ergebnisse?
Scherer: Nein. Wir hoffen, dass wir sie zeitnah erhalten werden.
Mit welcher Erwartung oder Hoffnung blicken Sie auf die bevorstehende SBK-Versammlung?
Scherer: Zum einen erhoffe ich mir, dass die Bischofskonferenz erkennt, dass bei diesem Thema der Ist-Zustand nicht ideal ist, und beschliesst, da weiter dran zu bleiben. Zum andern würde ich mir wünschen, dass sie auch zur Einsicht kommt, dass es bei der Sexualmoral und der Lebensform von Seelsorgenden nicht einfach um eine theologische Frage geht, sondern auch menschenrechtliche Aspekte eine Rolle spielen. Das ist zumindest meine Meinung.
«Ein Erfolg wäre, wenn die Bischofskonferenz den Bericht der TÖK nicht in der Schublade verschwinden lässt.»
Was müsste dort passieren, dass Sie von einem Erfolg sprechen könnten?
Scherer: Ein Erfolg wäre, wenn die Bischofskonferenz den Bericht der TÖK nicht einfach zur Kenntnis nimmt und in der Schublade verschwinden lässt, sondern beschliessen würde: Es folgt jetzt Phase zwei. Wie rasch und bis zu welchem Grad die Forderungen erfüllt sein müssen, um inhaltlich von einem Erfolg sprechen zu können, kann ich im Moment nicht sagen, da wir uns in der Sonderkommission noch keine Gedanken zu unseren konkreten Erwartungen gemacht haben.
*Thomas Scherer (58) ist als Mitglied des Kirchenparlaments Präsident der Sonderkommission «Aufarbeitung Missbrauch» der Luzerner Synode.
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