Theologe zu Papst-Fake: «Bei diesem Bild wird globale Gefahr der Desinformation sichtbar»
Der Papst hält auf einem Foto Madonna eng umschlungen – die selbst viel Dekolleté zeigt. Dieses durch künstliche Intelligenz manipulierte Fake-Foto veröffentlichte der Popstar auf Instagram. Nur eine billige Provokation? Professor Peter G. Kirchschläger, Theologe an der Universität Luzern und KI-Experte, warnt im Interview vor schwer wiegenden Konsequenzen.
Wolfgang Holz
Herr Professor Kirchschläger, was sagen Sie zu dem von Madonna veröffentlichten anzüglichen KI-Bild mit dem Papst in Schmuse-Stellung?
Peter G. Kirchschläger: Bei diesem Bild wird die globale Gefahr der Desinformation sichtbar. Aufgrund der globalen Vernetzung online können mit einem Mausklick Millionen von Menschen gezielt mit falschen Informationen – sogenannten «Fake News» – eingedeckt werden. Sprach- und Bildgenerierungssysteme, wie zum Beispiel ChatGPT, Dall-E, für die das Kriterium der Wahrhaftigkeit, Datenschutz und Urheberrechte keine Rollen spielen und die bildlich gesprochen nichts Anderes als wiederkäuende Kühe sind, eröffnen diesbezüglich neue Horizonte.
Will heissen: Vermeintliche Realitäten können so mit künstlichem, mit hohem Perfektionsgrad geschaffenen Audio- und Videomaterial global in Umlauf gebracht werden.
Wiederkäuende Kühe – das hört sich noch lustig und harmlos an…
Kirchschläger: Auf diese Weise können jedenfalls beispielsweise Amtsträgerinnen und Amtsträger sowie Entscheidungsträgerinnen Worte in den Mund gelegt werden, die sie nie so gesagt haben. Leider bleibt trotz offizieller Klarstellungen seitens der betroffenen Personen etwas von den Unwahrheiten in den Köpfen der Menschen hängen – bei «Fake News» in Bildern noch mehr als in Worten.
«Meines Erachtens handelt es sich in erster Linie um den ethisch problematischen Einsatz von technischen Möglichkeiten.»
Ist so ein Bild, wie das vom Papst mit Madonna im Arm, im Prinzip nicht nur einfach klickträchtiger Trash, schlechter Geschmack oder gar ein witziger postmoderner Anything-goes-Geburtstagsgruss unter dem Namen Madonna?
Kirchschläger: Meines Erachtens handelt es sich in erster Linie um den ethisch problematischen Einsatz von technischen Möglichkeiten. Dieser beweist, dass wir bei Innovationen immer danach fragen sollten, ob wir das technisch Machbare auch tun sollen oder nicht.
Madonna und die katholische Kirche waren ja noch nie Freunde: Sie liess mal eine Tänzerin einen Heiligen küssen, trat mit einem schwarzen Jesus auf oder zündete Kreuze an. Wegen des Videos zu «Like A Prayer» rief der Vatikan 1989 zum Boykott der Tournee der Sängerin auf. Ist das Foto womöglich als eine Art Anti-Werbung gegen das Zölibat von Madonna gedacht?
Kirchschläger: Das kann ich wissenschaftlich fundiert nicht beurteilen. Grundsätzlich lässt sich aber aus ethischer Sicht festhalten, dass Kunst, Karikaturen und Satire sowie die ihnen zugrundeliegende Freiheit möglich sein sowie geschützt und garantiert werden müssen – denn diese erweisen sich als essenziell für Demokratien und für einen liberalen Rechtsstaat. Auch Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können diese gut tun, da darin steckende sachliche Kritik zu deren Weiterentwicklung beitragen können. Entscheidend erweist sich aber dabei, dass die Betroffenen als Menschen und in ihrer Menschenwürde respektiert werden.
«Mich beschäftigt vor allem die Problematik, dass es jetzt mit «Deep Fakes» möglich ist, die Karriere eines Amtsträgers oder einer Amtsträgerin zu zerstören.»
Ist das also Papst-Lästerung oder was denken Sie, denkt der Papst über den frivolen KI-Trick?
Kirchschläger: Mich beschäftigt vor allem die Problematik, dass es jetzt mit «Deep Fakes» möglich ist, die Karriere eines Amtsträgers oder einer Amtsträgerin zu zerstören, politische Wahlen zu manipulieren und damit die friedliche Koexistenz in Ländern zu destabilisieren. Es ist nun mit generativen DS sowie mit «Deep Fakes» möglich, innerhalb von wenigen Stunden mit ein paar Mausklicks eine friedliche, funktionierende und wohlhabende Gesellschaft gezielt zu schwächen – wie zum Beispiel bei den Unruhen durch die extreme Rechte in Grossbritannien im Sommer 2024. Diesbezüglich besteht dringender Handlungsbedarf.
Was fordern Sie konkret?
Kirchschläger: Ich meine, wir sollten erstens möglichst bald menschenrechtsbasierte datenbasierte Systeme (DS) vorantreiben. Menschenrechtsbasierte DS bedeutet, dass die Menschenrechte im gesamten Lebenszyklus von DS respektiert, geschützt, umgesetzt und verwirklicht werden – das heisst bei der Schürfung der für DS notwendigen Rohstoffe, der Gestaltung, der Entwicklung, der Herstellung, dem Vertrieb, der Nutzung oder der Nichtnutzung von DS aufgrund von Menschenrechtsbedenken.
Zur Förderung und Realisierung von menschenrechtsbasierten DS sollte zweitens bei der UNO eine Internationale Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) – analog zur Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) – geschaffen werden.
Und was soll diese bewirken?
Kirchschläger: Sie soll die Menschenrechte im Bereich von DS sowie die Nachhaltigkeit, die Sicherheit und die friedliche Nutzung von DS fördern als auch eine globale Aufsichts- und Monitoringsinstitution und Regulierungsbehörde im Bereich der DS bilden, die für einen Marktzulassungsprozess verantwortlich ist. Die IDA bei der UNO sollte, wie gesagt, nach dem Vorbild der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA als «Institution mit Zähnen» aufgebaut werden.
*Peter G. Kirchschläger (47) ist Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern.
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