Theo von «Out in Church»: Auch im Bistum Basel muss sich was tun
Der Film «Wie Gott uns schuf – Coming Out in der katholischen Kirche» hat den Katholischen Medienpreis erhalten. «Viele leben noch immer in Angst», sagt Theo Schenkel von «Out in Church». Der Basler Bischof Felix Gmür habe sich mit Betroffenen von «Out in Church» aus Deutschland getroffen.
Jacqueline Straub
Die ARD-Dokumentation «Wie Gott uns schuf – Coming Out in der katholischen Kirche» hat den Katholischen Medienpreis 2022 erhalten. Sie sind Teil von «Out in Church» und für die Preisverleihung nach Bonn gereist. Wie haben Sie die Veranstaltung wahrgenommen?
Theo Schenkel*: Ich finde es noch immer heftig den Film zu sehen, vor allem wenn andere Menschen mit mir im Raum sind. Diese Statements lassen mich auch zehn Monate nach Veröffentlichung des Filmes nicht kalt. Deswegen bin ich nun etwas erschöpft. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich emotional so mitnimmt.
Über was freuen Sie sich?
Schenkel: Ich freue mich, dass der Film nochmals eine grössere Bühne bekommen hat. Dankbar bin ich für die Worte der TV-Moderatorin Anne Will – sie hat eine berührende Laudatio gehalten. Auch die Preisträgerinnen und Preisträger haben Klartext gesprochen. Sie haben mehrmals betont, dass es ein Unrecht ist, dass Menschen wegen ihrer sexuellen Identität diskriminiert und ausgegrenzt werden. Viele leben noch immer in Angst.
Was muss sich konkret ändern?
Schenkel: Das kirchliche Arbeitsrecht. Es braucht konkrete Gesetzesänderungen. Und zwar schnell. Ich bin auch froh, dass Kardinal Marx darauf eingegangen ist. Aber dennoch ist es immer wieder verletzend zu hören, was der Status quo ist.
«Rechtlich bin ich nur geduldet. Das genügt nicht.»
Immerhin: Sie dürfen als katholischer Religionslehrer im Erzbistum Freiburg arbeiten.
Schenkel: Ich habe noch immer keine Missio canonica erhalten und bin rechtlich nur geduldet. Das genügt nicht.
Kardinal Marx sagte, dass er das Arbeitsrecht ändern möchte, er hierfür aber eine Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz brauche. Was sagen Sie dazu?
Schenkel: Solche Ankündigungen zur Bemühung machen nicht mehr so viel mit mir. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich in der katholischen Kirche bald etwas ändern wird – hauptsächlich, um mich selbst vor ständiger Enttäuschung zu schützen. Es ist schön zu hören, wenn Bischöfe hinter uns stehen. Faktisch hat sich aber noch zu wenig geändert. Einzelfallentscheidungen werden hinter geschlossenen Türen ausgemacht. Wenn das so bleibt, helfen schöne Worte eines Kardinals nur sehr bedingt.
Bei der Preisverleihung kam es zu einer stummen Protestaktion von «Out in Church». Warum?
Schenkel: Uns war wichtig, ein Zeichen zu setzen – ohne den Preisträgerinnen und Preisträgern das Rampenlicht zu stehlen. Wir können die noch immer bestehende Ungerechtigkeit in unserer Kirche nicht einfach kommentarlos stehen lassen.
«Es darf nicht bei der schönen Plakette bleiben. Es muss konkret etwas passieren.»
«Out in Church» wirft den Bischöfen Pinkwashing vor. Auf dem Rücken queerer Menschen werde eine Image-Kampagne betrieben. Wie sehen Sie das?
Schenkel: Ich würde diese Verleihung nicht runterspielen. Es ist nicht der Preis der Bischofskonferenz, auch wenn dieser unter anderem in ihrem Namen verliehen wird. Ich finde es super, dass «unser» Film diesen Preis erhalten hat. Aber es darf nicht bei der schönen Plakette bleiben. Es muss konkret etwas passieren.
Im Vorfeld haben Sie sich auf Social Media geäussert: Sie hätten Vorbehalte, für die Preisverleihung anzureisen.
Schenkel: Die Filmemachende haben es verdient, dass ihr Film gebührend ausgezeichnet und gefeiert wird. Es werden Hoffnungen geschürt, dass sich die Haltung der Kirche ändert. Und mich begleitet auch Angst. Ich muss im katholischen Kontext leider immer mit transfeindlichen und queerfeindlichen Aussagen rechnen. Es kommt immer wieder vor, dass der Eindruck vermittelt wird, dass «trans* Menschen» geheilt werden müssten. Oder queere Menschen vor allem Mitgefühl und Mitleid bräuchten.
Nach Ausstrahlung des Filmes wollten sich Bischöfe mit queeren Menschen treffen. Sie haben bis vor kurzem im Aargau gewohnt. Hat sich in der Schweiz was getan?
Schenkel: In Basel hat Bischof Felix Gmür wohl zwei Menschen von «Out in Church» in den Bischofsrat eingeladen und sich auch zum Thema Gender weiterbilden hat lassen. Aber auch das reicht nicht. Auch im Bistum Basel muss sich was tun.
«Bei mir kamen wieder viele Zweifel und Unsicherheiten auf.»
Beim Synodalen Weg in Frankfurt hat das Grundsatzpapier zur kirchlichen Sexualmoral keine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe erhalten – und gilt damit als abgelehnt. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Schenkel: Es hat mich heftig getroffen. Der Abend war dann gelaufen. Ich musste raus, setzte mich aufs Velo und fuhr los. Ich musste statt all der Fragen auch einfach meinen Körper spüren und aus dem Gedanken-Karussell rauskommen. Vor einem Wegkreuz habe ich angehalten und mich hingesetzt. Ich habe mich gefragt, wie es nun weitergehen soll. Bei mir kamen wieder viele Zweifel und Unsicherheiten auf. Aktuell habe ich mich fürs Bleiben entschieden. Wie lange das so bleibt, ist noch offen.
Wie nehmen Ihre Schülerinnen und Schüler die Sexualmoral der katholischen Kirche wahr?
Schenkel: Sie haben kein Verständnis. Sie leben ihr Leben, so wie sie es für richtig halten – und nicht, wie die Amtskirche glaubt, dass es richtig sei. Für sie hat die katholische Sexualmoral keinerlei Relevanz.
* Theo Schenkel (27) ist katholischer Religionslehrer und Teil der Bewegung «Out in Church».125 Mitarbeitende der katholischen Kirche in Deutschland haben sich in einer ARD-Dokumentation als queer geoutet. Theo Schenkel ist mit einer Schweizerin verlobt.
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