Tessiner Missionar: Muslimische Algerier respektieren den Papst
Die Afrikareise von Papst Leo XIV. hat diesen Montag in Algerien begonnen. Maurizio Balestra, ein Tessiner Laienmissionar der «Memores Domini», lebt seit vier Jahren in der algerischen Hauptstadt. Er erzählt, was es bedeutet, «Wächter» der Hoffnung in einem Land zu sein, in dem Christen eine winzige Minderheit darstellen.
Federico Anzini, catt.ch
Algerien hat 47 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die überwiegende Mehrheit von ihnen ist muslimisch, die christliche Gemeinschaft hingegen eine «winzige Minderheit von einigen Tausend Gläubigen».
Missionieren als Risiko
Das sagt Maurizio Balestra, Laienmissionar der «Memores Domini» (siehe Kasten) in Algier. Für ihn ist diese Situation keine Einschränkung, sondern eine einzigartige Chance für den Glauben. «Wenn das Bild des Missionars das eines Menschen ist, der ‹bekehren› muss, lässt die Realität, in der ich lebe, keinen Raum für Illusionen», sagt er. Ausserdem sei Missionieren in Algerien gefährlich. Damit würde «man leicht in den Tatbestand der gesetzlich verbotenen Missionierung geraten».
Für ihn bedeutet Missionieren vor allem eine Grundhaltung: «Der Missionar – und das gilt für jeden Christen – ist in erster Linie dazu berufen, die Liebe Christi zu jedem Menschen zu bezeugen.» Im Alltag gehe es darum, die persönliche und gemeinschaftliche Beziehung zum lebendigen und gegenwärtigen Christus zu leben.
Für Balestra bedeutet dies konkret, sich «der Aufnahme der Besucherinnen und Besucher der Basilika Notre Dame d’Afrique zu widmen, die grösstenteils Muslime sind», in der Bibliothek des Zentrums «Les Glycines» zu arbeiten und «die christlichen Häftlinge in zwei Gefängnissen zu besuchen». Das sei eine bescheidene Arbeit, sagt er. Dabei müsse man, um nicht ins Leere zu laufen, «den Herrn ständig um die Gnade bitten, alles in der Beziehung zu Christus zu leben». Und es gelte, Tag für Tag «Demut, Dankbarkeit und Freude» zu üben.
Papst als Pilger des Friedens und der Brüderlichkeit
Die Vorfreude auf die Ankunft von Leo XIV. ist laut Balestra nicht nur in den kleinen christlichen Gemeinden spürbar, sondern auch auf den Strassen der Hauptstadt. «Ich sehe in meinem Arbeiterviertel und rund um die Basilika Tag und Nacht reges Treiben: Gebäude werden gestrichen, Strassen hergerichtet, hier und da Reparaturen vorgenommen», berichtet der Missionar.
Die Wertschätzung für den Papst gehe über religiöse Grenzen hinaus. Der Papst werde von vielen als eine Führungspersönlichkeit gesehen, die «allein mit der Kraft ihrer moralischen und religiösen Autorität, als Mann des Friedens, des Dialogs und der Brüderlichkeit» auftrete, sagt Balestra.
Ein muslimischer Freund habe ihm gesagt: «Es ist ein wichtiger Besuch, nicht nur für die Christen, sondern für ganz Algerien; er dient dazu, ein Zusammenleben zu fördern, das die Vielfalt respektiert.» Algerien litt in den 1990er-Jahren unter einem Bürgerkrieg, bei dem die Regierung islamistische Gruppierungen bekämpfte und bezwang.
Heiliger Augustinus als Brücke der Religionen
Ein zentraler Aspekt dieser Reise ist der enge Bezug von Papst Leo XIV. zum heiligen Augustinus. Der Heilige lebte in der antiken Stadt Hippo, dem heutigen Annaba in Algerien. Augustinus werde in Algerien nicht als eine fremde Gestalt wahrgenommen, sondern als ein «berühmter Landsmann», sagt Balestra. Viele Algerierinnen und Algerier, insbesondere der Volksgruppe der Berber, seien stolz auf ihn. Augustinus’ unermüdliches Streben nach der Wahrheit und sein «unruhiges Herz» sprächen auch die heutigen Menschen weiterhin an.
Augustinische Denken könne unerwartet Türen öffnen, erzählt Balestra. «Ein junger muslimischer Gymnasiallehrer für Philosophie hat mir vorgeschlagen, gemeinsam Texte des heiligen Augustinus zu lesen, und das machen wir nun schon seit Monaten.» Für die muslimische Welt werde Augustinus so zu einem wertvollen Anstoss, über die komplexe und lebenswichtige Beziehung zwischen Glauben und Vernunft nachzudenken.
Stärke der Minderheit: Lehre aus den Randgebieten
Was können Diözesen in der Schweiz von den Erfahrungen aus diesem katholischen Randgebiet lernen? Vertrauen, findet Balestra. Eine Minderheit mit «wenigen materiellen und Ausdrucksmitteln» zu sein, müsse kein Grund für Angst sein. Im Gegenteil, es sei eine Einladung zur «freudigen Hingabe an die Kraft Christi».
Die algerische Kirche erinnere daran, dass der Heilige Geist auch durch bescheidene Mittel wirke und dabei Grosses vollbringe, das für die Welt oft unsichtbar bleibe. Die Reise von Leo XIV. sieht er als Aussaat der Geschwisterlichkeit. Jene, die wie Maurizio vor Ort leben, hoffen, dass dieser Besuch im Herzen des algerischen Volkes das Bild eines «Gottesmannes» hinterlässt, der dieses Land liebt und sich dafür einsetzt, dass ein Zusammenleben in Freiheit und gegenseitigem Respekt reift.
Der Papst in Algerien
Zum Start seiner zehntägigen Afrikareise besucht Papst Leo XIV. am 13. April Algier. Dort geht er zum Märtyrerdenkmal Maqam Echahid, nimmt an offiziellen Treffen teil, besucht die Grossen Moschee von Algier und die Augustiner-Missionsschwestern in Bab El Oued sowie um 16.40 Uhr die algerische Gemeinschaft in der Basilika Unserer Lieben Frau von Afrika.
Am Dienstag reist er nach Annaba, das in der Antike Hippo hiess. Dort besucht er die archäologische Stätte, das Altersheim der Kleinen Schwestern der Armen und die örtlichen Augustiner. Um 15.30 Uhr leitet er die Messe in der Basilika Heiliger Augustinus. Am nächsten Tag reist er weiter nach Kamerun. (Übersetzt und adaptiert von Regula Pfeifer)
Laienorganisation «Memores Domini»
Die katholische Laienorganisation wurde 1964 in Italien gegründet und 1988 als internationale Vereinigung von Gläubigen päpstlichen Rechts angekannt. «Memores Domini» besteht aus Personen der grossen internationalen Gemeinschaft «Comunione e Liberazione». Im Unterschied zu diesen befolgen sie eine umfassende Gottes-Berufung und -Hingabe. Sie praktizieren die Ratschläge des Evangeliums mit persönlichem und privatem Engagement, heisst es in einem Schreiben des Päpstlichen Rats für die Laien.
Kontemplation und Mission sind die beiden wichtigsten Elemente ihrer Spiritualität. Sie leben in männlichen und weiblichen Gemeinschaften und praktizieren Regeln des Schweigens, des persönlichen und gemeinschaftlichen Gebets. Sie leben in Armut, in Gehorsam und in geschwisterlicher Barmherzigkeit. Laut dem erwähnten Schreiben des Päpstlichen Rats für die Laien gibt es rund 1600 «Memores Domini», dazu 400 Aspiranten. Die Vereinigung ist in 32 Ländern der Welt präsent.
2021 wechselte Papst Franziskus die Leitung der «Memores Domini» aus – nach einer externen Untersuchung und infolgedessen Kritik am Führungsstil. (rp)
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