Tania Oldenhage
Radiopredigt

Tania Oldenhage: Singt ein Lied der Trauer!

SRF-Radiopredigerin Tania Oldenhage zeigt am Beispiel der biblischen Geschichte von Jephta aus dem Buch der Richter die «Geschichte hinter der Geschichte». Sie sagt,  «ich will mich erinnern an die Geschichte der Geschichte, an die Spuren, die sie hinterliess, die Fussstapfen, denen man folgte, die Haltung, die sie förderte, die Rhetorik, die sie ermöglichte: die Vorbilder, Rollenbilder, die Autoritätshörigkeit.»  

Tania Oldenhage*

Tief vergraben in unserer Kultur ist die Geschichte von Jephta, eine biblische Erzählung, die so schrecklich ist, dass mir fast die Worte fehlen. Jephta zieht in den Krieg und verspricht Gott: Wenn ich siege über meine Feinde und wenn ich siegreich nach Hause zurückkomme, dann werde ich, was immer mir als erstes von der Haustür entgegenkommt, Gott als Brandopfer darbieten.

Jephta siegt, er kommt siegreich nach Hause, und das Erste, was ihm von der Haustür entgegenkommt, ist seine Tochter, sein einziges Kind. Schlecht wird mir, wenn ich daran denke, was als nächstes passiert. Denn niemand protestiert und niemand schreitet ein. Kein Engel vom Himmel. Keine Rettung in letzter Minute. Und so opfert ein Vater seine Tochter. Das steht schwarz auf weiss im Buch Richter, im 11. Kapitel. Eine schlimme Geschichte.   

Die Geschichte der Geschichte

Die Geschichte ist schlimm, und trotzdem, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, möchte ich sie uns heute in Erinnerung rufen. Ich will mich erinnern – nicht so sehr an die Geschichte selbst, sondern an die Geschichte der Geschichte, an die Spuren, die sie hinterliess, die Fussstapfen, denen man folgte, die Haltung, die sie förderte, die Rhetorik, die sie ermöglichte: die Vorbilder, Rollenbilder, die Autoritätshörigkeit. Denn immer schon gab es die, die Jephta bewundert haben, ja, zum Vorbild nahmen.

Jephta, so eine tragische Figur, und doch ein Mann des Glaubens, ein frommer Mensch, der Gott die Treue hält und seine eigene Tochter tötet, auch wenn es ihm das Herz bricht. Doch was man Gott verspricht, das muss man halten. Und immer schon gab es die, die voll des Lobes waren, auch für Jephtas Tochter, wie sie sich in ihr Schicksal fügt und angeblich doch ihre Freiheit bewahrt, weil sie einwilligt in das, was man ihr antut. Wir müssen uns nicht wundern über das, was Menschen angetan wird im Namen Gottes, wenn solche Dinge in der Bibel stehen. Religion schützt nicht vor Gewalt.    

Diverse Erklärungsversuche

Und so reihe ich mich ein in die Geschichte derer, die sich empören. Denn wir, liebe Menschen des 21. Jahrhunderts, sind nicht die ersten, denen es graust vor der Geschichte, im Gegenteil, das Grausen geht zurück bis ins 18., bis ins 17. Jahrhundert, ja, bis ins frühe Mittelalter.  Es gab Kirchenmänner, die nicht wussten, wie sie das ihren Gemeinden erklären sollten, dieses unfassbar grausame Menschenopfer. Es gab Theologen, die verzweifelt versuchten, in dem Ganzen einen Sinn zu finden, eine Botschaft. Aber was um Himmels willen sollte das sein?

Bibeln
Bibeln

Exegeten suchen Schlupfloch

Es gab Exegeten, die sagten, da muss ein Fehler sein im Text. Es muss eine andere Lesart geben, dachten sie sich und dann nahmen sie all ihr intellektuelles Werkzeug zur Hand: Textkritik, Überlieferungsgeschichte – und sie tüftelten an den Buchstaben herum und verglichen das Hebräische mit dem Lateinischen und suchten nach Indizien, nach Hinweisen – irgendetwas! – um den Text anders zu deuten, als er dastand. Und sie rühren mich so, die Exegeten der Aufklärung, wie sie sich abkämpften, sich abmühten, um einen Ausweg zu finden, ein Schlupfloch zu einer anderen Lesart – und scheiterten. Denn die Buchstaben gingen nicht weg.

Philosophen distanzieren sich

Es gab Philosophen, die sagten: Typisch. Die Religion ist eine schlimme Sache mit ihrem Gottesbild und ihrer Hörigkeit und ihrer heuchlerischen Unterwerfung unter die religiöse Institution. Und sie schüttelten den Kopf über den ganzen Horror und danach fühlten sie sich besser, denn sie hatten mit dem Ganzen nichts zu tun. Jephta war nicht ihr Problem. 

So tun als ob nicht

Und dann gab es die Unverfrorenen. Die taten einfach so, als gäbe es die Geschichte nicht. So ein obskurer kleiner Text versteckt in den verstaubten Seiten des Richterbuchs. Man sollte sie am besten vergessen, diese Geschichte. Wenn man sie nicht mehr erzählt, dann muss man auch nicht mehr darüber nachdenken.

Die Tochter, Spielball der Männer

Und das ging gut, bis welche kamen, und die Geschichte wieder ans Licht holten, sie wieder entdeckten, das darf doch nicht wahr sein, sagten sie, dass in der Bibel solche Sachen passieren, dass ein Vater seine Tochter opfert, und niemand schreitet ein, und die Tochter hat noch nicht einmal einen Namen. Die «Tochter von Jephta»: ein Objekt, ein Spielball der Männer. 

Bibel
Bibel

Ein Traum von einer anderen Welt

Es gab die Kämpferinnen und Aktivistinnen, die Feministinnen und Frauenrechtlerinnen und auch sie kannten die Geschichte von Jephta, und protestierten dagegen, schon im 19. Jahrhundert! Und manche von ihnen gaben der Tochter eine Stimme und kurzerhand auch einen Namen, und sie erzählten die Geschichte aus der Sicht der Tochter, versuchten sich einzufühlen, nachzuempfinden, was in Jephtas Tochter vorging. Und ja, die Tochter willigt ein, aber sie stellt auch eine Bedingung: 2 Monate will sie mit ihren Freundinnen alleine sein, bevor sie stirbt, und dann zieht sie mit ihren Freundinnen in die Berge, weg vom ganzen patriarchalen Grauen, eine Frauengemeinschaft, ein Traum von einer anderen Welt, 2 Monate lang. Immerhin.

Ein Umschreiben der Geschichte

Und schliesslich gab es die Hoffnungsvollen, die fanden sich nicht ab mit der schlimmen Geschichte, sondern sie schrieben die Geschichte um. Ob der Text das hergab oder nicht, war ihnen egal und so nahm die Geschichte im Laufe der Zeit herzerfrischende Wendungen: die Tochter von Jephta rebellierte und manchmal überlebte sie auch. Besonders schön finde ich, was die Rabbiner des Mittelalters machten: Auch sie gaben der Tochter einen Namen und manchmal auch eine Stimme gegenüber diesem dummen, dummen Vater, der nicht weiss, dass Gott keine Menschenopfer will. Ja, wie kann man nur so dumm sein!

Komm, mein lieber Vater, du hast da etwas nicht verstanden, du musst dein Gelübde nicht halten, hier schau, in der Torah steht es, kein Mensch wird geopfert. Und so setzte sie sich hin, die Tochter mit ihrem Vater, und zeigte ihm geduldig die Stellen in der Bibel, die klipp und klar machen: Gott will keine Menschenopfer. Aber der Vater, stell ich mir vor, er war nicht so schnell im Denken, und die Tochter sagte: du glaubst mir nicht, ich bin nur ein Mädel? Ein junges Ding? Dann komm mit, wir gehen zu den Experten, vielleicht glaubst du ihnen.

Eine Tora-Rolle in einer Vitrine.
Eine Tora-Rolle in einer Vitrine.

Die Geschichte mit einer Geschichte

Und so kommt die Geschichte zu uns mit allem, was sie schon durchgemacht hat, mit allem, was sie schon angerichtet hat, mit Schichten an Deutungen und Rettungsversuchen, Herzblut und Schweiss, die Heuchelei und das Verschweigen, die kreativen Relektüren und phantasievollen Neuerzählungen.

Und wir? Was machen wir heute mit dieser schlimmen Geschichte? In meiner Kirche neulich wurde die Geschichte von Jephta gesungen nach der bewegenden Musik von Giacomo Carissimi, die nicht erklärt und nicht rechtfertigt, nicht zurechtbiegt und nicht vertuscht, sondern endet mit einem Aufruf zur Klage: Lamentamini! Weint! Singt ein Lied der Trauer!

*Tania Oldenhage ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Zürich.

Bibelstelle: Richter 11

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.

Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.


Tania Oldenhage | © Sibylle Hardegger
15. Oktober 2023 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!