Tagsatzung.ch kritisiert: «Ehe und Familie wird von einem Gremium von zölibatären Männern idealisiert»

Luzern, 19.3.15 (kath.ch) Der Verein Tagsatzung.ch hat sich in einem offenen Brief kritisch zu den Unterlagen geäussert, die die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) für die Vorbereitung der Familiensynode im Herbst zur Verfügung stellt. Sie seien geprägt von Weltfremdheit und Herablassung. Der Verein fordert von der Kirche mehr Offenheit gegenüber neuen Lebensformen und von der Synode eine gleich starke Teilnahme von Bischöfen, Fachleuten und Ehepaaren. Der Brief wurde an den St. Galler Bischof und SBK-Präsidenten Markus Büchel und an den Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey verschickt. Lovey vertritt die SBK an der kommenden Synode in Rom.

«Ehe und Familie wird von einem Gremium von zölibatären Männern idealisiert», heisst es in dem offenen Brief. Das helfe Ehepaaren und Familien im Alltag nicht weiter, wenn sie in eine Krise gerieten. Jede Pastoral müsse bei den konkreten Menschen ansetzen und könne nicht von oben herab verordnet werden. Dem Verein missfällt weiter, dass Familien «primär unter dem Aspekt von Fortpflanzung und Kindererziehung» gesehen würden und nicht «als komplexes generationsübergreifendes Gefüge». Da würde ein «verkümmertes Bild der Familie reproduziert».

Zu Scheidungen: «Scheitern ist menschlich»

Tagsatzung.ch stösst sich auch daran, dass die Kirche an der Doktrin der Unauflöslichkeit der Ehe festhalte und wiederverheiratete Geschiedene von den Sakramenten ausschliesst. Das sei ein «Affront» gegenüber den gescheiterten und verwundeten Menschen, denen die Zweitheirat neuen Lebensmut gebe. Sie erinnern die Kirchenleitung daran, wie Jesus mit der Ehebrecherin umging und folgern: «Scheitern ist menschlich und in der Schöpfungsordnung Gottes geplant». Das Ehenichtigkeitsverfahren als kirchlich praktizierte Auflösungsform einer Ehe bedeutet für die Initianten «eine Erniedrigung und Diskriminierung» der betroffenen Kinder. Sie würden so kirchlich zu unehelichen Kindern erklärt.

In allen Beziehungsformen sei die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen gewiss, ist Tagsatzung.ch überzeugt. Sie dürften nicht abgewertet und abgelehnt werden. «Wir brauchen in der Kirche eine neue Sprache, eine Sprache der Wertschätzung und der Würde gegenüber allem Leben», so der Verein. Es gehe darum, die Menschen zum Leben zu ermutigen, das sei die Botschaft Jesu.

Der Brief enthält das Fazit aus einem Synodengespräch, das ein regionaler Ableger des Vereins Tagsatzung.ch in Wil, das Forum «Wiler Gespräche», am 2. Februar durchgeführt hat und das sich Tagsatzung.ch zu nun zu eigen macht. Für das Synodengespräch habe man die Unterlagen verwendet, die die Pastoralkommission der SBK zur Verfügung stellt, sagte Rolf Haag vom Forum am Donnerstag, 19. März, auf Anfrage gegenüber kath.ch. (rp/bal)


Der Verein Tagsatzung.ch

Der Verein Tagsatzung.ch ist eine Bewegung von Reformkatholiken, die aus der «Tagsatzung im Bistum Basel» hervorgegangen ist. Er ist gesamtschweizerisch tätig und orientiert sich laut Eigendarstellung an der befreienden Lebenspraxis Jesu Christi. Christlichen Glauben und christliche Praxis will er in die Gesellschaft einbringen und kirchenpolitisch Stellung beziehen. Die Tagsatzung engagiert sich für eine glaubwürdige und wirksame Kirche, indem sie sich für Reformen in der römisch-katholischen Kirche einsetzt. (rp)

19. März 2015 | 08:00
Teilen Sie diesen Artikel!