Solidarität
Radiopredigt

Susanne Cappus: Der «Dienst» trägt die Gesellschaft

In ihrer letzten Radiopredigt windet Susanne Cappus jenen Menschen ein Kränzchen, die sich tagtäglich für andere einsetzen. Sie meint, «Mit ihrem Dienst bringen sie Licht in die Dunkelheit dieser Welt. Die Veränderung zum Guten wird von unten kommen. Davon bin ich überzeugt.»

Susanne Cappus*

Das neue Organigramm war im Internet aufgeschaltet. Zur Orientierung, damit jeder weiss, wer wofür verantwortlich ist. Das ist wichtig für einen Betrieb. Ich sah es mir genau an und war etwas verwirrt. Es wimmelte nur so von Abkürzungen. COO, CFO, da war CEO, also Chief Executive Officer, zu Deutsch die Geschäftsführerin, der Geschäftsführer, noch das Einfachste.

Englisch, Latein, Französisch

Englisch ist im Personalwesen, pardon, im Bereich Human Resources, zu einer Exklusivsprache geworden. An sich ist das nichts Neues unter der Sonne: Im Mittelalter diente Latein dazu, den Kreis der Mächtigen einzugrenzen und im Barock war es dann das Französische.

Was erstaunt ist die fraglose Gläubigkeit, mit der diese englischen Titel hingenommen werden. Und damit – behaupte ich – werden auch grad die manchmal zweifelhaften Inhalte der Personalführung geschluckt, so nach dem Motto: «Wenn›s denn auf Englisch daherkommt, wird’s schon stimmen.» Hier würde ich mir, auch als Theologin, dringend weniger mittelalterliche Gläubigkeit und mehr Aufklärung wünschen!

«Bottom up»

Und, es stimmt eben nicht immer mit diesen englischen Ausdrücken in der Personalführung. «Bottom up Prozess», zum Beispiel, heisst, dass die Arbeitskräfte auf den unteren Rängen, also von der Basis her, mitreden sollen.

Kind im Spital
Kind im Spital

Als Englischsprechende bin ich mir nicht so sicher, ob «Bottom up Prozess ” dafür wirklich der geeignete Begriff ist. Das Wort «Bottom» wird auch für das menschliche Hinterteil verwendet. Hintern hoch, also? Vielleicht doch lieber nicht.

Im Organigramm, das vor mir auf dem Bildschirm leuchtet, ist von den Arbeitskräften an der Basis nichts spürbar. Sie sind nicht aufgeführt. Um fair zu sein, wären sie alle aufgeführt, wäre das Dokument wohl endlos.

Tragende Funktionen

Wenige Menschen sind in Führungspositionen, die meisten verrichten ihren Dienst ohne Titel. Putzfachkräfte, Trämliführerinnen, Servicefachangestellte, Spengler, Pflegefachkräfte stehen zwar nicht in einem Organigramm, tragen aber unsere Gesellschaft.

Diese Menschen verwirklichen Tag für Tag das Grundprinzip des Dienens, das in einer der ältesten Personalführungsbibeln der Welt – der Bibel selbst – ausführlich diskutiert wird. Die Bibel hat sehr viel über Dienst zu sagen. Und damit meine ich nicht nur das geflügelte Jesus Wort, dass wenn jemand der Erste sein will, er allen dienen solle. Auch der erste Teil der Bibel, das Alten Testament, ist voll von Geschichten über Herrschaft und Dienst. Diese Geschichten zeigen, dass Dienen alle angeht, Herrscher und Fussvolk.

Bibel
Bibel

Was meint «Dienst»?

Was zeichnet nun aber einen guten Dienst aus? Der Berater von König Saul, der Prophet Samuel, fasst das so zusammen: «Begegnet Gott mit Ehrfurcht und dient ihm wahrhaftig und von ganzem Herzen.» Modern übersetzt, in heutigem Mangerdeutsch, würde das wohl etwa so heissen: «Lasst Euch ganz auf den Flow ein, implementiert Eure Massnahmen authentisch und mit vollem commitment.»

Hingegen formuliert der Prophet Samuel: «Begegnet Gott mit Ehrfurcht und dient ihm wahrhaftig und von ganzem Herzen», «Ehrfurcht», «Wahrhaftig» und «von ganzem Herzen», das sind grosse Begriffe. Was ist damit gemeint? Wie soll das gehen?

Von der Wahrhaftigkeit

Wahrhaftig dienen heisst, dass wenn ich etwas tue, nur das zählt, was getan werden muss. Es zählt nicht, wie ich mich damit darstelle oder was mir daraus für Vorteile erwachsen könnten. Es zählt der Augenblick, das, was gerade ansteht. So einfach, so schwer.

Das Herz ist in der biblisch-jüdischen Tradition mehr als nur der Sitz der Gefühle. Herz meint auch Denken, Fühlen, Wollen, das ganze Sein eines Menschen. Und dieses ganze Sein soll in unseren Dienst, in unser Tun einfliessen. Keine Teilung, keine heimlichen Absichten, keine Ablenkungen; wir als Ganzes sind gefordert. Nichts weniger.

Herz, Bürgenstock im Hintergrund
Herz, Bürgenstock im Hintergrund

In diesem Sinne wahrhaftig und von ganzem Herzen zu dienen ist schwierig und übersteigt oft meine Fähigkeiten. In meinem Dienst bin ich immer wieder abgelenkt, manchmal überkommt mich Furcht vor möglichen Reaktionen und zeitweise wünsche ich mir mehr Anerkennung.

Von der Ehrfurcht

Da kommt für mich die «Ehrfurcht» ins Spiel, der dritte, grosse Begriff, den der Prophet Samuel braucht: «Begegnet Gott mit Ehrfurcht» heisst es da. Da ist also etwas, zu dem ich aufschauen kann.

Dieses Göttliche ist grösser als meine menschliche Verwirrtheit. Ich kann mich darauf einlassen, kann in mein Herz hineinhören und spüren, was gerade richtig sein könnte. Dienen ist also kein fertiges Ergebnis, sondern ein Weg mit dem Göttlichen, das mich dabei unterstützt

Was wirklich trägt

Liebe Hörerin, lieber Hörer, als ich vor sieben Jahren meine erste Radiopredigt hielt, war die Welt noch eine andere: Kein Corona, kein Krieg in der Ukraine und kein Hamas Angriff am 7. Oktober 2023 und darauffolgende Gewaltspirale.

Was mir in all dieser Zeit Hoffnung gab, waren nicht unbedingt die Mächtigen, die CEOs, COOs und CFOs, sondern die Menschen, die Tag für Tag – und Nacht für Nacht – selbstverständlich ihren Dienst an ihrem Ort verrichten. Sie tragen die Gesellschaft und machen sie heller. Mit ihrem Dienst bringen sie Licht in die Dunkelheit dieser Welt. Die Veränderung zum Guten wird von unten kommen. Davon bin ich überzeugt.

Susanne Cappus
Susanne Cappus

Nach sieben Jahren geht nun mein Dienst als Radiopredigerin zu Ende. Als Christkatholikin habe ich mich gefreut, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen verschiedener Konfessionen, den Dienst am Wort Gottes zu tun. Während dieser Zeit ist mein persönliches Vertrauen in dieses Wort gewachsen. Ich vertraue vermehrt der Strahlkraft des göttlichen Wortes, das die Welt aus Dunkelheit und Chaos ins Leben gerufen hat. Dieses Wort erhellt die Welt und das Leben der einzelnen Menschen. So heisst es in Psalm 119: «Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.» Liebe Hörerin, lieber Hörer, von Herzen danke ich Ihnen für Ihr treues Zuhören und wünsche Ihnen Gottes Licht auf Ihrem Weg.

*Susanne Cappus ist christkatholische Diakonin und arbeitet in Dornach.

Bibelstellen: 1 Sam 12, 24; Koh 1, 9; Mk 9, 35; Ps 119, 18 und 105

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.

Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.


Solidarität | © pixabay
28. Dezember 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!