Strafpredigt adieu: Samichlaus soll ein Bote von Gottes Liebe sein
Der Samichlaus-Besuch in diesen Tagen darf nicht als Erziehungsmittel missbraucht werden, schreibt der Religionspädagoge und «Samichlaus» Christian Cebulj in einem Gastbeitrag. Denn dieses religiöse Ritual in säkularen Zeiten zeige: Gott liebt alle Kinder.
Christian Cebulj*
Am 6. Dezember ist es wieder soweit: Landauf landab besucht der Samichlaus mit seinem Begleiter, dem Schmutzli und oft auch dem Esel, die Kinder zuhause, tritt auf Weihnachtsmärkten auf und sorgt für gute Stimmung. Nikolaus von Myra ist einer der bekanntesten Heiligen der Katholischen Kirche, um den sich mehrere Legenden ranken. Wer artig war, findet am Morgen des 6. Dezember eine süsse Überraschung im Stiefel. Doch woher kommen die Nikolaus-Bräuche?
Ursprung wohl beim Bischof von Myra
Über die Figur des Heiligen Nikolaus gibt es nur spärliche historische Quellen. Vermutlich war Nikolaus (ca. 280- ca. 365 n. Chr.) Bischof von Myra, einer Stadt in der römischen Provinz Kleinasien. Der Ort lag in der Region Lykien und liegt heute in der Nähe der türkischen Stadt Antalya.
Der Überlieferung zufolge wurde Nikolaus Abt des Klosters Sion in der Nähe von Myra. Während der Christenverfolgung 310 wurde er gefangen genommen und verteilte sein ererbtes Vermögen unter den Armen. Diese Legende wird auch von zwei berühmten Bischöfen des 4. Jahrhunderts bezeugt: Ambrosius von Mailand und Basilius von Caesarea.
Wundergeschichten
Um das Leben von Bischof Nikolaus ranken sich verschiedene Wundergeschichten: So soll er in Seenot geratenen Schiffsleuten geholfen haben, indem er das Navigieren übernahm, die Segel richtig setzte und den Sturm zum Abflauen brachte. Außerdem soll er mehrere Tote wieder zum Leben erweckt haben.
Eine weitere Geschichte erzählt davon, wie er einem verarmten Vater von drei Töchtern hilft: Der verzweifelte Vater stand kurz davor, seine Töchter in die Ferne zur Arbeit zu schicken, da er sie vor der Hochzeit nicht mit der nötigen Mitgift ausstatten konnte. Da half Bischof Nikolaus, indem er den Töchtern heimlich in der Nacht Goldstücke ins Fenster legte. Damit war die Geschichte vom barmherzigen Helfer geboren, der unerkannt in der Nacht die Kinder beschenkt.
Mehrere tausend Samichläuse
Heute gibt es in der Schweiz rund 2000 bis 3000 Samichläuse, die das Andenken an ihr berühmtes Vorbild wachhalten. Viele Samichlaus-Gesellschaften, Pfarreien und Kirchgemeinden bieten einen Service an, der auf Bestellung ins Haus kommt. In der Solothurner St. Ursen-Kathedrale hat der Basler Weihbischof Josef Stübi sogar einen Gottesdienst mit Segnung der Samichläuse gefeiert, die anschliessend zu den Familien und in die Altersheime geschickt wurden.
Aus religionspädagogischer Sicht ist es wichtig, dass der Samichlaus nicht als pädagogisches Erziehungsinstrument missbraucht wird. Früher war es üblich, dass im Goldenen Buch des Samichlaus die gesammelten Missetaten der Kinder aufgeschrieben standen: Wenn Bischof Nikolaus dann zu den Kindern kam, sollte er manch einem auch eine kleine Strafpredigt halten.
Achtung kindliches Gottesbild
Das sehen wir heute anders. Kinder dürfen nicht das Gefühl haben: Dieser heilige Mann weiss alles über mich, der hat jede einzelne Missetat genau aufgeschrieben. Das wäre für das kindliche Gottesbild fatal. Das Gleiche gilt für den Schmutzli. Oft hat er als düstere Gestalt noch immer die Aufgabe, die Kinder zu bestrafen oder im Auftrag der Eltern zu ermahnen, was sie alles besser machen sollen. Das ist aber völlig falsch, denn das Nikolausritual darf nicht für Erziehungszwecke missbraucht werden.
Wenn der Samichlaus kommt, müssen wir das Ritual gerade auch in einer säkularen Welt als heiliges Spiel in säkularen Zeiten verstehen: Die Botschaft des Samichlaus lautet: Gott liebt alle Kinder, egal welcher Konfession, Religion oder Weltanschauung sie angehören. Deshalb beschenkt er die Kinder mit Nüssen, Mandarinen und «Schoggistängeli». Für die erzieherischen Massnahmen sollten die Eltern besser selber sorgen. Und wenn der Bischof Nikolaus vermitteln kann, dass er ein Bote der Liebe Gottes zu allen Kindern ist, dann gibt es den Samichlaus auch noch in 100 Jahren.
* Christian Cebulj ist Prorektor und Professor an der Theologischen Hochschule Chur. Er leitet den Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik. Und er besucht als Samichlaus seit rund 20 Jahren Familien und Kindergärten.
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