Porträt

Ständig in Lauerstellung: Wie eine Ärztin die Corona-Zeit erlebt

Manuela Theiler (41) ist Neurologin. Die Ärztin kämpft nicht an vorderster Front gegen das Corona-Virus. Doch die Sorge vor einer Ansteckung ist da. Geholfen haben das Gebet in der Familie und Rituale. Ihr Arbeitsort: das Spital Limmattal. Hier war bis vor kurzem auch Joseph Bonnemain tätig.

Regula Pfeifer

Die Corona-Zeit habe alles anstrengender gemacht, sagt Manuela Theiler. Die Ärztin im weissen Kittel sitzt in ihrem Büro und blickt das Gegenüber offen an. Sie habe ständig darauf achten müssen, im Spital keine Ansteckung zu verursachen – weder bei sich selbst noch bei den Patientinnen und Patienten. Das bedeutete: Viel mehr desinfizieren als ohnehin üblich.

Kontakt zu Corona-Patienten

Manuela Theiler ist stellvertretende leitende Ärztin Neurologie im Spital Limmattal in Schlieren ZH. Als solche ist sie nicht für Virus-Erkrankungen zuständig. Dennoch hatte sie im Spital Kontakt mit Corona-Patientinnen und Patienten.

Die Ärztin Manuela Theiler in ihrem Büro im Spital Limmattal

«Ich war oft im Clinch», sagt sie ehrlich. Einerseits wünschte sie privat Kontakt zu Bekannten, andererseits fragte sie sich, ob das nicht zu riskant sei. Dieses «Hintasten, was darf man, was nicht», sei anstrengend gewesen. Mehr noch als die erste Zeit des Lockdowns, bei dem es hiess: Bleiben Sie zuhause!

Dank Lockdown mehr Familienzeit

Den Lockdown konnte die Familie Theiler zu Beginn sogar geniessen. «Wir hatten mehr Familienzeit und konnten Dinge erledigen, die liegengeblieben waren.» Die Ärztin erzählt überlegt und doch heiter aus ihrem privaten und beruflichen Leben in der Pandemie. Zwischendurch gibt sie einer Kollegin am Telefon Auskunft und verabschiedet sich herzlich.

Die Ärztin Manuela Theiler im Gespräch

Anfänglich vermied Manuela Theiler jegliche Kontakte. Doch das ging nicht lange gut. Bald kam die Grossmutter wieder einmal pro Woche die Kinder hüten. Hatten die Kinder Schnupfen, zog die Grossmutter eine Maske an. Manuela Theiler achtete auch zuhause vermehrt auf die Hygiene und hielt Abstand zu ihrer Mutter. «So haben wir es geschafft, dass sich niemand angesteckt hat», sagt sie.

Tochter ist Risikopatientin

Mit weiteren Bekannten traf sie sich an der frischen Luft. Andere wollten gar keinen Kontakt haben – wegen des Ansteckungsrisikos. Die Situation war für Manuela Theiler anstrengend. «Ich war immer in Lauerstellung», sagt sie und beugt sich mit eingezogenen Schultern nach vorn.

Erschwerend kam hinzu: Ihre sechsjährige Tochter hat einen angeborenen Herzfehler und Lungenprobleme. Deshalb liessen die Eltern sie zu Beginn der Pandemie nicht mit anderen Kindern spielen. Und als der Kindergarten wieder öffnete, hatten sie Bedenken. Alles ging gut, die Ärzte gaben Entwarnung: Kinder seien nicht besonders gefährdet.

Kinderwunsch an Gott: Das Corona-Virus wegmachen

In dieser schwierigen Zeit habe das tägliche Gebet in der Familie geholfen, sagt Manuela Theiler. Abends besprach sie mit ihren beiden Töchtern (4 und 6 Jahre), welche Unterstützung sie von Gott wünschten. Oft hätten sie dann gesagt: «Er soll das Corona-Virus wegmachen», sagt die Mutter und lacht.

Gern hätte sie auch ein beliebtes Ritual gemacht: Mit den Kindern in einer Kirche eine Kerze anzünden und ein Vaterunser beten. Erst vor kurzem taten sie das wieder, in der pittoresken Kapelle auf der Bettmeralp. Doch am Anfang der Coronakrise war dies kaum möglich. «Die Kirchen waren zum Teil abgeschlossen».

Mutter in Kirche aktiv

Manuela Theiler ist auf einem Bauernhof in Widen AG aufgewachsen. Ihre Mutter war sehr in der Pfarrei engagiert. «Sie war Sakristanin, Lektorin und in der Kirchenpflege aktiv», sagt die Tochter. «Wir gingen sonntags regelmässig zum Gottesdienst.» So bekam sie mit, «dass die Kirche ein wichtiger Bestandteil im Leben sein kann.» Sie war als Kind Ministrantin und aktiv im Blauring.

Mariä-Empfängnis-Basilika in Lourdes

Auch zu einer Lourdes-Reise regte ihre Mutter sie an, die selbst jedes Jahr nach Südfrankreich pilgerte. So kam es, dass die damals 30-jährige Assistenzärztin als Freiwillige mitreiste – und im Zug und in Lourdes die Kranken versorgte. «Das war eine tolle Erfahrung», sagt Manuela Theiler.

Naturverbundene Bauerstochter

Die Bauerstochter fühlt sich mit der Natur verbunden. «Die Natur macht, was sie will», hat sie in ihrer Kindheit erfahren. Das gab ihr eine gewisse Gelassenheit – und eine Dankbarkeit für alles, «was Mutter Erde uns gibt». Das möchte sie auch ihren Kindern mitgeben. Deshalb dürfen sie, so oft wie möglich, Zeit auf dem grosselterlichen Bauernhof verbringen.

Weizen

Als die Familie Theiler noch in Birmensdorf ZH wohnte, besuchte sie begeistert die Eltern-Kind-Gottesdienste. Auch Manuela Theilers Mann unterstützt das kirchliche Engagement seiner Kinder, obwohl er selbst aus der Kirche ausgetreten ist.

In Aarau, wo sie seit Ende 2019 wohnen, haben sich die Theilers kirchlich noch nicht eingelebt. Sie hoffe, dass sich das ändere, wenn ihre ältere Tochter zur Schule gehe, sagt die Mutter. Wenn diese den freiwilligen Religionsunterricht besuche.

Haussegen in Aarau

Immerhin: Vor ihrem Einzug ins Haus bat Manuela Theiler den Aarauer Pfarrer um den Haussegen. «Alles Verbliebene von unseren Vorgängern sollte rausgeschickt werden», sagt die Katholikin und macht lächelnd eine Wegwisch-Bewegung.

Eines haben sich die Theilers nicht nehmen lassen: Die Weihnachtsfeier mit den Grosseltern im eigenen Garten und das Palmbuschbinden auf dem Bauernhof der Grosseltern. Die Pfarreiseelsorgerin von Widen kam vorbei, um die Palmbüsche feierlich zu segnen.

Brief an Bischof Bonnemain

Im Spital ist Manuela Theiler nur selten in Kontakt mit der Seelsorge. Aber sie lese jeweils deren Monatswort, das sei bereichernd. Und sie weiss: Seelsorger Joseph Maria Bonnemain war gern gesehen bei den Patienten und Mitarbeitenden. Das schrieb sie ihm zum Abschied. Und sie äusserte ihre Freude über seine Wahl zum Bischof.

Joseph Bonnemain ist ein langjähriger Spitalseelsorger.

Die Gotte als Vorbild

Die Bauerstochter wusste schon als Kind, dass sie Ärztin werden wollte. Ihre Gotte, eine Kinderpsychiaterin, war ihr Vorbild. Davon abbringen liess sich Manuela Theiler nicht, trotz Vorbehalten seitens ihrer Eltern. Ihr Spezialgebiet, die Neurologie, hat sie im Studium entdeckt. Sie beschäftigt sich mit Krankheiten wie Hirnschlag, epileptischen Störungen, Parkinson, Demenz und Multiple Sklerose.

Mit Psychiatrie – wie ihre Gotte – hat Manuela Theiler nur entfernt zu tun. In der Schweiz sind Neurologie und Psychiatrie klar getrennt. «Aber viele Patienten mit einer neurologischen Erkrankung haben auch psychische Leiden», sagt sie. Die Ärztin wünscht sich auch in der klassischen Medizin einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen. Dass das wichtig ist, habe die Pandemie gezeigt. Etliche Patienten hätten in dieser Zeit «nicht fassbare Beschwerden» gehabt. Manuela Theiler erklärt sich dies mit grossen Ängsten, die sich in körperlichen Symptomen äusserten.

Manuela Theiler vor dem Seh-Check in ihrem Büro im Spital Limmattal

Krise erst mal annehmen

Aus der Pandemie gelernt hat die Ärztin noch etwas: Es sei besser für den Menschen und seine Psyche, eine Krise erst mal anzunehmen, ohne sich allzu viele Gedanken zu machen. Und dann den Blick zu öffnen für mögliche Wege, damit umzugehen. Hier helfe auch der Glaube. «Ich glaube, dass jemand schaut, dass es wieder besser wird», sagt Manuela Theiler. «Die Frage ist nur, wann.»

Manuela Theiler beim Eingang des Spitals Limmattal in Schlieren ZH | © Regula Pfeifer
29. Juni 2021 | 05:00
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