SRF-Doku: Missbrauch kommt in allen Arten von Gemeinschaften vor

Eine Radio-Schwerpunktsendung von SRF hat das Thema Missbrauch in Ordensgemeinschaften beleuchtet. Die Suche nach einer Missbrauchsbetroffenen aus einem Schweizer Kloster zeigt: Viele Frauen schweigen über das Erlebte. Dennoch ändert sich etwas.

Jacqueline Straub

Im SRF-«Perspektiven»-Schwerpunkt wurde das Thema Missbrauch in Schweizer Orden behandelt. Da kaum jemand öffentlich über das Erlebte spricht, hat SRF schliesslich nicht mit einer Frau aus der Schweiz gesprochen, sondern mit einer ehemaligen Karmelitin aus Frankreich, die dort als Novizin Missbrauch erlebt hat.

Wer Missbrauch erlebe, müsse seine Persönlichkeit mühsam wiederherstellen, so die Frau, die in der Sendung Amélie M. genannt wird. «Spiritueller Missbrauch ist wie eine grosse Verbrennung», sagt sie. «Spiritueller Missbrauch verbrennt das Innen.» Er lasse das Bewusstsein «explodieren». Für die ehemalige Ordensschwester ist spiritueller Missbrauch mindestens genauso gravierend wie sexueller Missbrauch. Und sexuelle Gewalt im Kloster geht meist mit spirituellem Missbrauch einher.

Studie zu Missbrauch an Ordensschwestern

Das zeigt auch eine Pionierstudie, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Die Studie der Theologin Barbara Haslbeck von der Universität Regensburg zeigt, dass nicht nur Ordensfrauen in Asien und Afrika sexuell missbraucht werden, sondern auch im deutschsprachigen Raum. Somit auch in der Schweiz.

Die Täter sind hierbei meist Männer. Denn der Priester in der Rolle des geistlichen Begleiters ist einer der wichtigsten Bezugspersonen. «Dieses Verhältnis wird dann schleichend durch die Begleitperson sexualisiert», so Barbara Haslbeck.

Beichtstuhl
Beichtstuhl

Doch: Die Studie zeigt auch, dass manchmal Mitschwestern Täterinnen sind. «Der Missbrauch an Ordensfrauen durch Ordensfrauen ist ein Tabu im Tabu, und es wir jetzt anfangen darüber zu sprechen», sagt Haslbeck gegenüber SRF.

In ihrer 378 Seiten langen qualitativen Studie wurden 15 Mitglieder klassischer Orden und Neuer Geistlicher Gemeinschaften intensiv befragt. Allerdings gibt es keine belastbaren Zahlen, wie viele Frauen in Orden Missbrauch – durch Männer oder Frauen – erlebt haben. Daten aus den USA deuten darauf hin, dass bis zu 40 Prozent betroffen sein könnten.

Machtungleichgewicht

«Missbrauch kommt in allen Arten von Gemeinschaften vor», sagt Barbara Haslbeck. «Es gibt keine Gemeinschaftsform, die geschützter ist, als eine andere.» Die befragten Frauen sprechen von Schuld- und Schamgefühlen, von Manipulation und davon, wie sie an ihrem eigenen Verstand zweifelten.

Ein erschreckender Befund der Studie zeigt, dass neun der befragten Frauen schon als Kinder sexuellen Missbrauch erlebt haben und diese Belastung in der geistlichen Begleitung zur Sprache brachten. «Das hat sie verletzbar für erneuten Missbrauch gemacht», so Barbara Haslbeck.

Manipulationen und psychischer Druck

Anders als Missbrauchstäterinnen hätten die Männer ihre Übergriffe auch stark spirituell gedeutet. Zudem hätten diese Täter ihr Handeln mit Erfolg als etwas kaschiert, das angeblich zur Heilung des Kindheitstraumas beitragen würde, zeigt die Studie.

Vor allem in der Eintrittsphase sind junge Frauen besonders gefährdet gegenüber Missbrauch, sagt Barbara Haslbeck gegenüber SRF. Denn in der geistlichen Begleitung gebe es ein Machtungleichgewicht. Priester werden überhöht, was ihnen viel Macht gibt. Zudem: Über Sexualität zu sprechen, ist nach wie vor ein Tabu.

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Das zeigt sich auch am Beispiel der Französin Amelie M.: Als sie mit 19 Jahren in den Karmelitenorden eintrat, war sie «Feuer und Flamme», hatte aber kaum theologisches Wissen und nahm Bräuche an, von denen sie heute weiss, dass sie «nicht gesund und nicht heilig sind». Manipulationen, psychischer Druck und Spannungen innerhalb der Klostergemeinschaft haben sie krank gemacht. Nach sechs Jahren beschloss sie, das Kloster zu verlassen – und heiratete aus Verzweiflung.

Strukturen und Kommunikationsprozesse

Um Missbrauch vorzubeugen, sei es wichtig, «gerade in der Anfangsphase im Ordensleben Strukturen und Kommunikationsprozesse zu ermöglichen, in denen in einer achtsamen und erwachsenen Weise über Sexuelles gesprochen werden kann», sagt Barbara Haslbeck. Zudem sollten Abhängigkeiten reduziert werden und jedes Kloster klare Regeln aufstellen für die geistliche Begleitung. Dadurch lasse sich das Risiko von Übergriffen reduzieren.

Auf der Palliativstation.
Auf der Palliativstation.

Die Suche nach einer Missbrauchsbetroffenen aus einem Schweizer Kloster zeigt: Viele Frauen schweigen über das Erlebte. Dennoch öffnen sich im Alter vermehrt Betroffene, merkt Barbara Haslbeck an.

Hierfür möchte Generalpriorin Annemarie Müller des Klosters Ilanz achtsam gegenüber sein. Aufgrund des hohen Altersdurchschnitts der Ordensschwestern in der Schweiz glaube sie nicht, dass diese aktuell von Missbrauch betroffen sind. Aber durchaus, dass etwas aufbricht, was Betroffene erlebt haben – und nun darüber sprechen. Sie hat sich vorgenommen, achtsam zu sein, auch gegenüber den betagten Mitschwestern, die womöglich Gewalt erlebt haben könnten.

Ordensfrauen unterwegs. | © pixabay/Ane_Hinds, Pixabay License
26. Januar 2026 | 17:00
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