Fussball-WM in Mexiko, USA und Kanada steht vor der Tür. pixabay.com CCO
Schweiz

Sozialethiker: «Niederlagen im Sport können sich als entscheidende Lernmomente erweisen»

Die Fussballeuropameisterschaften haben begonnen. Siege und Niederlagen reihen sich aneinander. Mannschaften und Fans jubeln oder sind frustriert. Wie wertvoll sind Erlebnisse von Triumph und Tristesse aus moralisch-sozialethischer Sicht? Peter G. Kirchschläger, Professor für Sozialethik an der Universität Luzern, lässt in seine Seele als Fussballfan blicken und wertet die Welt des Sports.

Wolfgang Holz

Herr Professor Kirchschläger, wie geht es Ihnen heute als gebürtiger Österreicher nach der 0:1-Niederlage Österreichs neulich gegen Frankreich bei der Fussball-Europameisterschaft?

Peter G. Kirchschläger*: So ein unglückliches Spiel muss man zuerst verdauen. Der mutige und beherzte Auftritt der österreichischen Nationalmannschaft hat mich aber beeindruckt und stimmt mich zuversichtlich für die kommenden Spiele.

Sozialethiker Peter G. Kirchschläger
Sozialethiker Peter G. Kirchschläger

«In der Tat prägt dieser Moment erstaunlicherweise bis heute das österreichische Fussballherz.»

In Österreich sind ja ganze Generationen mit dem unfassbaren «Tor, Tor, Tor, Tor, Tor»-Siegestaumel von Sportreporter-Legende Edi Finger in der Muttermilch gross geworden. Können Sie sich an diesen Triumph-Moment 1978 gegen «Erzfeind» Deutschland noch erinnern?

Kirchschläger: Als damals Einjähriger war mir das leider nicht vergönnt … Aus Erzählungen ist mir dies präsent. Und in der Tat prägt dieser Moment erstaunlicherweise bis heute das österreichische Fussballherz, was möglicherweise auch etwas über die seither überschaubaren Erfolge der österreichischen Fussballnationalmannschaft aussagen könnte.

Der legendäre Edi-Finger-Jubel.

Wie wichtig sind denn aus Ihrer Sicht solche kollektiven Freudenssituationen, wie etwa ein Sieg des nationalen Fussballteams, für die Moral einer Nation?

Kirchschläger: Ich würde das nicht überbewerten, sondern als das einordnen, was es eigentlich ist: Unterhaltung und vor allem ein Riesengeschäft.

Ein Fan hält eine nachgebildete WM-Trophäe über ein Bild des ehemaligen brasilianischen Fussballspielers Pelé.
Ein Fan hält eine nachgebildete WM-Trophäe über ein Bild des ehemaligen brasilianischen Fussballspielers Pelé.

Gewisse Leute schwärmen davon, dass solche Erlebnisse ein gesellschaftliches Wir-Gefühl und positives Miteinander bewirken können. Siehe das deutsche «Sommermärchen 2006» in Deutschland. Wie sehen Sie dies als Sozialethiker?

Kirchschläger: In der Tat können Sportanlässe – ein Dorffussballturnier, ein Stadtlauf, ein grosses Sportereignis wie eine Fussball-EM – Orte und Momente der Begegnung darstellen und positiv zum Zusammenwachsen einer Gesellschaft beitragen. Noch intensiver geschieht dies in Sportvereinen und anderen Vereinen, die diesbezüglich eine substantielle Rolle für Gesellschaften spielen.

«Ja, selbst Sport zu treiben, eröffnet einem die Möglichkeit, Werte wie Ehrlichkeit, Freundschaft, Fairness und Teamgeist zu erfahren.»

Gleichzeitig dürfen wir nicht ausblenden, dass bis ins letzte Detail kommerzialisierte Sportgrossanlässe geölte Geldmaschinen für die Sportverbände und die beteiligten Unternehmen bilden und wirtschaftsethische Schattenseiten kennen. Beispielsweise bei der gegenwärtigen Fussball-EM wird mit Schuhen, Bällen und Leibchen gespielt, die immer noch kein Fairplay für die in der Lieferkette arbeitenden Menschen kennen und Umwelt zerstörend produziert werden. Das ist vollkommen inakzeptabel und muss sich so schnell wie möglich ändern!

Jürgen Klopp ist neuer Bundestrainer der deutschen National-Elf - und Christ
Jürgen Klopp ist neuer Bundestrainer der deutschen National-Elf - und Christ

Fussball und Sport sind heutzutage für viele Menschen mehr als nur die wichtigste Nebensache der Welt. Weil Menschen neben der gesunden Körperertüchtigung Motivation und Selbstvertrauen aus dem Sport für ihr Leben tanken können. Weil Sport aber auch beim Verarbeiten von Niederlagen helfen kann. Kann Sport in diesem Sinn eine Art Lebensschule sein?

Kirchschläger: Ja, selbst Sport zu treiben, eröffnet einem die Möglichkeit, Werte wie Ehrlichkeit, Freundschaft, Fairness und Teamgeist zu erfahren – auch bei Einzelsportarten, weil man auch da meist in einer Trainingsgruppe gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet. Man kann dabei auch den Umgang mit Niederlagen oder Rückschlägen, wie zum Beispiel Verletzungen, erlernen. Ich muss aber eingestehen, dass ich in meiner positiven Lesart des Sports sicherlich nicht ganz objektiv bin, da ich es selbst bis heute liebe, Sport zu treiben, und als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener in Vereinen Leichtathletik betrieben sowie Fussball und Basketball gespielt habe.

«Sportlerinnen und Sportlern kommt viel Platz und Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum zu, und sie werden als Vorbilder wahrgenommen.»

Profisportler und Fussballer sind andererseits durch ihr Verdienst, ihre Erfolge und ihre gesellschaftliche Beachtung längst mehr als nur Sportler. Manche werden so verehrt, etwa wie der deutsche Fussballtrainer Jürgen Klopp, dass manche sich wünschen, solche Personen würden auch in die Politik einsteigen. Ex-Bodybuilder Arnold Schwarzenegger wurde sogar Gouverneur in Kalifornien. Finden Sie, dass beliebte Sportlerinnen und Sportler nach ihrer Karriere mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollten?

Kirchschläger: Verehrung scheint mir fehl am Platz zu sein. Denn es handelt sich ja auch nur Menschen, die einer Aufgabe nachgehen – und zwar deutlich überbezahlt – und diese möglicherweise besonders gut erfüllen: Auch wenn der Charakter des Spiels nicht vernachlässigt werden darf, der immer auch Glück und Pech Raum lässt. Gleichzeitig kommt Sportlerinnen und Sportlern viel Platz und Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum zu, und sie werden als Vorbilder wahrgenommen.

Papst Franziskus begrüsst Arnold Schwarzenegger im Jahr 2017.
Papst Franziskus begrüsst Arnold Schwarzenegger im Jahr 2017.

«Bei Arnold Schwarzenegger hätte ich mir gewünscht, dass er das nie getan hätte.»

Damit geht eine ethische Verantwortung einher, sich für Menschenrechte politisch zu engagieren. Sie müssen deswegen nicht gleich in die Politik einsteigen. Bei Arnold Schwarzenegger hätte ich mir gewünscht, dass er das nie getan hätte, denn er hat es schliesslich als Gouverneur unterlassen, die Todesstrafe auszusetzen. Er hat damals die Begnadigung des Todeskandidaten Stanley Williams abgelehnt und diesen somit zum Opfer der Todesstrafe gemacht.

Ganz aktuell hat der junge französische Fussballstar Kylian Mbappé gegen «extreme» Parteien, vor allem gegen die rechtsextreme Partei von Marine Le Pen, Position bezogen. Ein kluger Schachzug aus Ihrer Sicht, um junge Wählerinnen und Wähler in Frankreich entsprechend für die Identifikation mit der Demokratie zu motivieren?

Kirchschläger: Der französische Nationalspieler Marcus Thuram hatte zuerst den Ton gesetzt: «Wir müssen jeden dazu aufrufen, wählen zu gehen. Und vor allem müssen wir jeden Tag gegen die Ausbreitung des Rassemblement National kämpfen.» Kylian Mbappé stimmte ihm zu – gerade auch in seinem Aufruf, sich gegen die rechtsextreme Partei von Marine Le Pen zu engagieren.

Frankreichs Fussballstar Kylian Mbappé im Training vor der EM.
AP Photo/Hassan Ammar
Frankreichs Fussballstar Kylian Mbappé im Training vor der EM. AP Photo/Hassan Ammar

«Ich halte diesen politischen Einsatz von Sportlern gegen politische Kräfte für äusserst wichtig und bedeutsam.»

Ich halte diesen politischen Einsatz von Sportlern gegen politische Kräfte, die unsere liberalen Rechtsstaaten und den friedlichen Zusammenhalt unserer Gesellschaften zerstören wollen, die zur Gewalt bereit sind, die gegen Menschen hetzen, und die unsere Menschenwürde und unsere Freiheit attackieren, für äusserst wichtig und bedeutsam. Wir müssen aufwachen und handeln, bevor es zu spät ist und solche Rechtsextreme an die politische Macht kommen. Wenn Politikerinnen und Politiker sowie politische Parteien einige Menschen nicht in ihrer Menschenwürde achten und respektieren, dann müssen wir – und Sportlerinnen und Sportler mit ihrem öffentlichen Einfluss in besonderem Masse – dagegen aufstehen und uns alle für die Menschenrechte aller Menschen engagieren.

Ex-Fussballstar Tony Polster aus Österreich setzt sich in Talkshows und Interviews für die Religion und Gott ein. Ist das auch eine Möglichkeit, sich als Sportler gesellschaftlich zu engagieren? Viele andere erfolgreiche Sportler setzen sich ja in sozialen und karitativen Stiftungen für das Wohl der Gesellschaft ein.

Kirchschläger: Gesellschaftliches Engagement von Sportlerinnen und Sportlern ist von grosser Bedeutung. Politisches Engagement kann sozialethisch betrachtet noch den Vorteil kennen, dass nicht nur Symptome bekämpft, sondern Probleme an den Wurzeln gepackt werden.

Roger Federer in Wimbledon.
Roger Federer in Wimbledon.

«So ist es ethisch problematisch, wenn zum Beispiel Roger Federer eine Stiftung für Kinder führt und sich gleichzeitig für Sponsoren und Unternehmen engagiert, die mit Kinderarbeit die Kinderrechte verletzen.»

Entscheidend erweist sich des Weiteren, dass das soziale und karitative Engagement von Sportprominenten kohärent ist: So ist es ethisch problematisch, wenn zum Beispiel Roger Federer eine Stiftung für Kinder führt und sich gleichzeitig für Sponsoren und Unternehmen engagiert, die mit Kinderarbeit die Kinderrechte verletzen und Kinder ausbeuten und mit Umweltzerstörung Kindern ihre Zukunft rauben.

«Doch eigentlich können sich Niederlagen als entscheidende Lernmomente erweisen.»

Im Fussball und auch im anderen Sport siegt am Ende meistens nur eine Mannschaft oder ein Athlet oder eine Athletin. Welche positiven moralischen Momente kann man aus Niederlagen gewinnen?

Kirchschläger: Im Moment der Niederlage scheint es mir schwierig zu sein, etwas Positives in diesem Scheitern zu erkennen. Doch eigentlich können sich Niederlagen als entscheidende Lernmomente erweisen – zum einen für die sportliche Entwicklung, zum anderen für das Wachsen als Mensch im Finden eines fairen und sinnvollen Umgangs mit Niederlagen sowie der realistischen Einordnung der Relevanz des Sports im Gesamt der menschlichen Existenz.

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Fussballniederlagen haben in Südamerika schon zu kriegerischen Scharmützeln geführt. Am Sonntag steht an der EM das Duell zwischen der Schweiz und Deutschland auf dem Programm. Was empfehlen Sie Fans im Fall von Sieg oder Niederlage?

Kirchschläger: Gewalt hat auf jeden Fall keinen Platz – auch nicht im Sport. Ich wünsche allen Beteiligten ein friedliches Fussballfest sowie ein ausgezeichnetes und packendes Spiel, an deren Ende die Schweizer Fussballmannschaft als Siegerin vom Platz geht – ich bin ja österreichisch-schweizerischer Doppelbürger …

Ich hoffe natürlich als gebürtiger Deutscher, wenn es gestattet ist, dass Deutschland gewinnt!

Kirchschläger: Selbstverständlich geht das in Ordnung!

*Peter G. Kirchschläger (47) ist gebürtiger Wiener und ein römisch-katholischer Theologe und Philosoph. Er ist Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern.


Fussball-WM in Mexiko, USA und Kanada steht vor der Tür. pixabay.com CCO | © pixabay.com CCO
20. Juni 2024 | 16:21
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