Priorin Irene Gassmann und Sandra Studer
Schweiz

«Sister Äct» mit Priorin Irene Gassmann: «Wir würden Dolores im Fahr aufnehmen»

Nächste Woche feiert das Musical «Sister Äct» in Zürich Premiere. Priorin Irene Gassmann (57) hat mit kath.ch einen Blick hinter die Kulissen geworfen. Die Benediktinerin des Klosters Fahr ist von der christlichen Botschaft des Musicals beeindruckt.

Raphael Rauch

Sie kommen gerade aus einer «Sister Äct»-Probe. Wie hat’s Ihnen gefallen?

Priorin Irene Gassmann*: Wunderbar! Die Musik klingt in meinen Ohren nach. Es geht um das pralle Leben mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Besonders beeindrucken mich zwei Figuren, die sich verändern lassen. 

Priorin Irene Gassmann im Kloster Fahr
Priorin Irene Gassmann im Kloster Fahr

Welche zwei Figuren?

Gassmann: Zum einen ist da Dolores, die im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms untertauchen muss. Sie führt ein unbedarftes Leben als Showgirl, wo es um Männer, Klamotten und Stiefel geht. Im Kloster lernt sie, dass andere Werte sie glücklich machen: Freundschaft, Solidarität, Menschlichkeit. 

Vom Nachtclub ins Kloster: Fabienne Louves spielt das Showgirl Deloris Van Cartier.
Vom Nachtclub ins Kloster: Fabienne Louves spielt das Showgirl Deloris Van Cartier.

Und die zweite Figur?

Gassmann: Das ist die Mutter Oberin. Ich hab’ mit ihr etwas Mitleid, weil sie eine undankbare Rolle spielen muss. Andere bestimmen über sie: Der Pfarrer bringt Dolores ins Kloster und diese mischt die Gemeinschaft auf. So wie die Mutter Oberin fühle auch ich mich manchmal innerlich zerrissen. Aber auch sie macht eine Wandlung durch. Sie lernt im Dialog mit Dolores, dass die Kirche sich verändern muss. Und dass es verschiedene Zugänge gibt, Gott zu finden. 

Von links Sandra Studer (Mutter Oberin), Fabienne Louves (Deloris Van Cartier) und Walter Andreas Müller (Pfarrer Bischoff).
Von links Sandra Studer (Mutter Oberin), Fabienne Louves (Deloris Van Cartier) und Walter Andreas Müller (Pfarrer Bischoff).

Wann fühlen Sie sich innerlich zerrissen?

Gassmann: Ein konkretes Beispiel: Am Donnerstag haben wir ein «Live-Wunschkonzert» im Kloster. Eine Sängerin kommt zu uns, um für uns alte Schlager zu singen, die wir im Voraus wünschen konnten. Das ist ein Anlass, bei dem gerne Medien dabei wären. Wir besprechen so etwas synodal in der Gemeinschaft. Manche Schwestern hätten die Medien gerne dabei, andere wollen, dass wir unter uns bleiben. Immer wieder gibt es unterschiedliche Interessen zwischen der Welt aussen und der Welt im Kloster. Hier zu vermitteln und dann auch Entscheide zu kommunizieren ist nicht immer einfach, zumal ich nur ungern Nein sage.

Der «Laudatio si'»-Garten des Klosters Fahr.
Der «Laudatio si'»-Garten des Klosters Fahr.

Wie würden Sie reagieren, wenn das Fedpol bei Ihnen anklopfen und fragen würde: «Kann eine Frau im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms im Kloster Fahr untertauchen?» 

Gassmann: Selbstverständlich! Es ist unsere Pflicht, Menschen in Not zu helfen und ihnen Schutz zu gewähren. Beim Kirchenasyl machen wir das ja schon.

«Im Musical prallen Welten aufeinander.»

Am Ende von «Sister Äct» gibt es einen Dialog zwischen der Mutter Oberin und Dolores. Die Mutter Oberin spricht von Gott, Dolores von Menschlichkeit. Meinen beide dasselbe?

Gassmann: Ich erlebe oft, dass Menschen nach christlichen Werten leben, sie es aber nicht so benennen. Ihnen fehlen die Vorbilder. Im Musical prallen Welten aufeinander – aber am Ende geht’s um universale Werte.

Irene Gassmann vor der Schwarzen Madonna im Kloster Fahr.
Irene Gassmann vor der Schwarzen Madonna im Kloster Fahr.

Hat «Sister Äct» eine christliche Botschaft?

Gassmann: Ich finde schon. Es geht um Glaube, Liebe, Hoffnung – und Freundschaft. Dolores durchbricht die Gewaltspirale. Und auch die Gangster lassen sich berühren. Sie knallen die Schwestern nicht ab – sondern erhalten die Chance für einen Neuanfang.

Die Benediktinerin Silja Walter.
Die Benediktinerin Silja Walter.

Ihre verstorbene Mitschwester Silja Walter hat die christliche Botschaft in moderne Gedichte gefasst. Muss sich Liturgie erneuern – so wie bei «Sister Äct»?

Gassmann: Wir leben im Hier und Jetzt und müssen Formen finden, wie wir Gott suchen können und wie uns der Glaube anspricht. Wir können hier viel von den Freikirchen lernen. Sie finden Formen, junge Menschen anzusprechen.

Gedächtnis der sieben Schmerzen Mariens.
Gedächtnis der sieben Schmerzen Mariens.

Dolores ist nach der Schmerzensmutter benannt. Was verbinden Sie mit ihr?

Gassmann: Die Schmerzensmutter hat Empathie für das Leiden Jesu und damit für die Nöte der Menschheit. Sie ist zutiefst solidarisch. Am Ende steht aber nicht das Leid, sondern die Hoffnung und die befreiende Botschaft von Ostern.

«Es geht darum, Gott zu suchen, wie es in der Benediktsregel steht.»

Wenn sich eine ungewöhnliche Frau wie Dolores als Novizin bewerben würde: Hätte sie eine Chance im Fahr?

Gassmann: Alle haben eine Chance verdient. Ich müsste sie aber persönlich kennen lernen. Es braucht mehr, als einfach nur zu sagen: «Ich finde Schwestern lässig und das sind gute Freundinnen.» Es braucht eine starke Berufung und eine tragfähige Beziehung zu Gott. Die Motivation, Benediktinerin zu werden, sollte ja nicht sein, mit anderen eine gute Zeit zu verbringen, sondern um Gott zu suchen, wie es in der Benediktsregel steht. Wir haben es sehr gut miteinander, aber auch bei uns gibt’s manchmal Krisen. Von daher braucht’s eine solide Gottesbeziehung als Grundlage, die trägt, auch wenn es anspruchsvoll wird.

Priorin Irene Gassmann (links) im Gespräch mit Sandra Studer
Priorin Irene Gassmann (links) im Gespräch mit Sandra Studer

Im Vorfeld haben Sie die Mutter Oberin von «Sister Äct», Sandra Studer, beraten. Sind Ihnen bei der Probe Fehler aufgefallen?

Gassmann: Zwei Kleinigkeiten: Zürich ist keine Erzdiözese. Und der Papst ist nicht «Seine Eminenz», sondern «Seine Heiligkeit». Das habe ich als Rückmeldung gegeben – vielleicht können sie’s noch bis zur Premiere ändern.

Irene Gassmann (57) ist Priorin des Benediktinerinnen-Klosters Fahr. Als Doppelkloster ist Fahr mit Einsiedeln verbunden. Fahr gehört zum Bistum Basel.

Das Musical «Sister Äct» ist auf Mundart und feiert am Donnerstag, 3. November in der Zürcher Maag-Halle Premiere.


Priorin Irene Gassmann und Sandra Studer | © Sister Äct
27. Oktober 2022 | 11:35
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