Sekretär der Kinderschutzkommission: «Bischof Grögli wird derselbe Beat bleiben, den ich seit 23 Jahren kenne»
Der neue Bischof von St. Gallen, Beat Grögli, wird «Gemeinschaft, Partizipation und Mission» fördern, sagt sein langjähriger Freund Bischof Luis Manuel Alí Herrera. Er ist Sekretär der Kinderschutzkommission in Rom, kennt die Schweizer Missbrauchsstudie genaustens und hat vergangene Ostern die Schweizer Bischöfe getroffen.
Jacqueline Straub
In wenigen Tagen wird Beat Grögli zum Bischof von St. Gallen geweiht. Erinnern Sie sich noch an die erste Begegnung mit ihm?
Luis Manuel Alí Herrera*: Ich habe Beat vor 23 Jahren beim Treffen der Erstsemester des Instituts für Psychologie an der Gregorianischen Universität in Rom kennengelernt. Wir waren 16 Studierende (Nonnen, Laien und Priester) aus 15 verschiedenen Ländern. Mein Italienisch war sehr elementar, aber ich konnte mich mit ihm unterhalten.
Was schätzen Sie an Beat Grögli?
Alí Herrera: Ich habe Beat immer als einen Menschen betrachtet, der seinem Gesprächspartner aufmerksam zuhört. Er ist an der Person interessiert, will sie wirklich kennenlernen und berücksichtigt dabei ihren sozialen, kulturellen und familiären Kontext.
Welche Eigenschaften zeichnen den neuen Bischof von St. Gallen aus?
Alí Herrera: Seit drei Jahren hören wir in kirchlichen Kreisen das Wort «Synodalität». Erst vor kurzem haben wir die Synode über Synodalität abgeschlossen. Vor einigen Jahren wurde vorgeschlagen, dass wir eine Kirche sein sollten, die die Beteiligung, die Gemeinschaft und die Mission aller Mitglieder der Kirche fördert. Ich glaube, dass dies die Eigenschaften des neuen Bischofs von St. Gallen sind. Er ist eine Person, die in ihrer pastoralen Arbeit diese drei zeitgenössischen Forderungen in der Arbeit der Evangelisierung fördert: Gemeinschaft, Partizipation und Mission.
Was war Ihr erster Gedanken, als Sie erfahren haben, dass Beat Grögli zum Bischof von St. Gallen gewählt wurde?
Alí Herrera: Dass sie eine Person gewählt haben, die ihre Verantwortung wirklich ernst nimmt, sich aber gleichzeitig nicht durch diese Rolle definieren lässt.
Was genau meinen Sie damit?
Alí Herrera: Er wird derselbe Beat bleiben, den ich seit 23 Jahren kenne.
Für die Bischofsweihe von Beat Grögli reisen Sie extra in die Schweiz an. Was bedeutet es Ihnen, an diesem Tag dabei zu sein?
Alí Herrera: Es wird eine grosse Freude für mich sein, an der Zeremonie teilzunehmen, und ich fühle mich geehrt, von Beat als Mitkonsekrator ausgewählt worden zu sein. Ich bin seit zehn Jahren Bischof und die Teilnahme an einer Bischofsweihe ist für mich auch eine Gelegenheit, mein bischöfliches Engagement zu erneuern.
Welche Wünsche geben Sie ihm mit auf den Weg?
Alí Herrera: Ich möchte direkte Worte an ihn richten: «Möge dein bischöflicher Dienst eine Gelegenheit zur geistlichen Erneuerung sein und ein Weg, der Kirche mit deinem bischöflichen Dienst im Dienste des Bistums St. Gallen weiterhin zu dienen.»
Seit einem Jahr sind die Sekretär der Päpstlichen Kinderschutzkommission und bereits zehn Jahre Mitglied der Päpstlichen Kommission. Welche Akzente setzen Sie?
Alí Herrera: Meine Aufgabe ist es, den Auftrag auszuführen, den uns die Kirche in der Apostolischen Konstitution «Predicatae Evangelium» Nr. 78 erteilt hat. Das heisst, dem Heiligen Vater die geeignetsten Massnahmen zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen in der gesamten Kirche vorzuschlagen. Sowie die Bischofskonferenzen, die Eparchialbischöfe, die Oberen der Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens bei der Entwicklung ihrer Richtlinien und der verschiedenen Strategien und Verfahren zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Personen zu unterstützen.
«Es muss ein echter Mentalitätswandel herbeigeführt werden.»
Wie blicken Sie auf den immensen sexuellen und geistigen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche?
Alí Herrera: Die Antwort der Kirche auf die Geissel des sexuellen und geistlichen Missbrauchs muss im Mittelpunkt unserer pastoralen Prioritäten stehen. Es kann kein Thema sein, das in den Pastoralplänen der Diözesen als optional oder marginal dargestellt wird. Mit anderen Worten, es muss ein echter Mentalitätswandel herbeigeführt werden, damit die Betreuung der Opfer, Präventionsprotokolle und kirchenrechtliche Reaktionen auf gemeldete Fälle Vorrang haben. In unserem ersten Jahresbericht, den wir im Oktober letzten Jahres vorgelegt haben, haben wir festgestellt, dass die Reaktion der Kirche immer noch sehr unterschiedlich ausfällt.
Und wie?
Alí Herrera: In einigen Regionen der Welt reagiert die Kirche schon seit Jahren auf diese schmerzliche Situation, in anderen Teilen der Welt hat sie erst in den letzten zehn Jahren damit begonnen, und in wieder anderen Teilen der Welt steht sie erst am Anfang oder wird aufgrund der sozialen und politischen Situation nicht als vorrangiges Thema betrachtet. Unser Ziel ist es, dass die Initiativen aller Bischofskonferenzen, Ordenskongregationen und Gesellschaften des apostolischen Lebens mehr und mehr mit unserer moralischen Pflicht übereinstimmen, unsere Kirche zu einem sicheren Zuhause für unsere Kinder, Jugendlichen, jungen Menschen und verletzlichen Menschen zu machen.
Wie steht die Schweizer Kirche im Vergleich zu anderen Ländern beim Thema Kinderschutz da?
Alí Herrera: Mit Aufmerksamkeit habe ich die Pilotstudie der Universität Zürich zum sexuellen Missbrauch der katholischen Kirche in der Schweiz gelesen. Dieser Bericht dokumentiert rechtswidriges Verhalten von Einzeltätern sowie institutionelle Ursachen, für die die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Letztes Ostern hatte ich die Gelegenheit, die Bischöfe der sechs Schweizer Diözesen in Zürich zu treffen. Ich stelle fest, dass Anstrengungen unternommen werden, um auf die Opfer zu reagieren und die Präventionsrichtlinien und die kanonischen Verfahren mit den Anforderungen der heutigen Zeit in Einklang zu bringen.
*Luis Manuel Alí Herrera ist Titularbischof von Giubalziana. Papst Franziskus hat ihn 2024 zum Sekretär der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen ernannt. Sein Studienfreund Beat Grögli wird am 5. Juli zum Bischof von St. Gallen geweiht. Hierfür wird er in die Schweiz reisen.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




