Schweiz

Seelsorge muss in grösseren Räumen gedacht werden

Solothurn, 9.4.17 (kath.ch) Vor zehn Jahren fiel im Bistum Basel der Startschuss zu einer kompletten Neuorganisation der Pfarreistrukturen. Auslöser waren gesellschaftliche Veränderungen und Veränderungen im gesamten Berufsfeld der Seelsorge. Die Bistumsleitung zieht eine positive Zwischenbilanz.

Martin Spilker

Die Gesellschaft verändert sich. Eine hohe Mobilität und losere Bindungen an Wohnort und Arbeitsstelle haben zur Folge, dass sich auch das klassische Pfarreileben verändert. Menschen treffen sich je nach Lebenssituation und Bedürfnissen in unterschiedlichen pfarreilichen Gruppen und Gemeinschaften. Viele Kontakte mit der Pfarrei finden nur mehr punktuell, beispielsweise bei einer Hochzeit oder Taufe statt.

Neue Bedürfnisse, neue Angebote

Auch die Leitungsform der Pfarreien hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Fachlich breit ausgerichtete Seelsorgeteams schaffen neue, den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Pfarreiangehörigen entsprechende Begegnungsmöglichkeiten.

Vor gut zehn Jahren wurde im Bistum Basel unter dem damaligen Bischof Kurt Koch diese Situation genauer angeschaut. Man war sich darüber im Klaren, dass die traditionelle Form der Pfarrei und die bereits bestehenden Seelsorgeverbände weiterentwickelt werden mussten.

In grösseren Räumen denken

«Es war klar: Wir brauchen grössere Räume, in der die Seelsorge und die Zusammenarbeit der kirchlichen Mitarbeitenden neu organisiert werden kann. Für unseren Auftrag als Kirche braucht es Gefässe. Und die verändern sich, wie sich die Gesellschaft verändert», sagt Urs Brunner-Medici, Pastoralverantwortlicher im Bistum Basel, im Gespräch mit kath.ch.

Der «Pastorale Entwicklungsplan», kurz PEP, sah vor, dass sowohl in Städten wie auch auf der Landschaft Pfarreien zu Pastoralräumen zusammengeschlossen werden. 452 Pfarreien in neun Deutschschweizer Kantonen sollten neu in 120 Pastoralräumen zusammenarbeiten, so der Plan. Den Pfarreien wurde dafür Zeit gelassen und Begleitung angeboten.

Menschliche und praktische Faktoren

Anfang Jahr wurde im Kanton Aargau durch Bischof Felix Gmür der 50. Pastoralraum «Unteres Freiamt» im Bistum Basel errichtet. Nummer 50 von 104 nunmehr geplanten Zusammenschlüssen, knapp 50 Prozent nach zehn Jahren Arbeit – ist das nicht ein schmales Ergebnis? «Wir sind auf dem richtigen Weg», bilanziert Urs Brunner. Der Bistumsleitung sei es nie darum gegangen, planwirtschaftlich möglichst schnell neue Strukturen zu schaffen. Der Prozess, und damit ein Kulturwandel im Denken der Seelsorgenden, sei genauso wichtig wie das Ziel der Errichtung.

Bei den Projektarbeiten an einem neuen Pastoralraum gab und gibt es ganz viele unterschiedliche Faktoren zu berücksichtigen. Da mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dahinterstehen, die Angehörigen der verschiedenen Pfarreien wollten mit ins Boot geholt werden und es mussten auch Fragen der Verwaltung und Finanzierung der Pastoralräume geklärt werden. Denn in vielen Fällen waren durch die verbindliche Zusammenarbeit der Pfarreien im Pastoralraum auch unterschiedliche Kirchgemeinden betroffen.

Auf der Zielgeraden

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für die Verantwortlichen im Bistum Basel war dabei: Es gibt nicht den Weg bei der Errichtung eines Pastoralraums. «Jede Situation musste immer wieder neu angeschaut werden», sagt Brunner. Dabei musste man in der Bistumsleitung auch offen sein für Veränderungen gegenüber dem erstellten Plan.

51 Pastoralräume sind heute errichtet. 22 sind in der Realisierungsphase. Bei 31 im Richtplan angedachten Räumen wurde die Projektarbeit noch nicht begonnen. Das hat verschiedene Gründe: Zum Teil fehlen geeignete Leitungspersonen für das Projekt und die künftige Pastoralraumleitung. Es gebe auch Orte, wo der Schritt zu einem Pastoralraum durch persönliche Widerstände des betroffenen Seelsorgepersonals scheiterte.
«Jetzt sind wir auf der Zielgeraden», sagt Urs Brunner. Die Personalsituation habe sich in den vergangenen zehn Jahren noch einmal komplett geändert. Der klassische «Allrounder» – oder etwas grober ausgedrückt: der Einzelkämpfer – in der Seelsorge wird den Teamplayern mit besonderer Verantwortung Platz machen.

Neue Führungsaufgaben

Im Bistum Basel ist mit den Pastoralräumen eine weitere Spezialisierung bei den Kirchenberufen dazugekommen: Der Pastoralraumpfarrer bzw. die Pastoralraumleiterin oder der Pastoralraumleiter, sowie der leitende Priester. Hier sind Leitungs- und Managementkompetenzen gefragt. Denn ein aus mehreren Pfarreien bestehender Pastoralraum hat schnell einmal die Grösse eines KMU.

«Neue Gefässe» brauche es für die Seelsorge. Das stand am Anfang des Pastoralen Entwicklungsplans im Bistum Basel. Die wurden mit den Pastoralräumen geschaffen. Damit konnte, davon ist man in der Bistumsleitung überzeugt, eine passende Antwort von Seiten der Seelsorge auf die gesellschaftlichen Veränderungen gegeben werden. Welches die Anforderungen in den kommenden Jahren sein werden, wird sich noch zeigen.

Hofkirche St. Leodegar Luzern | © Sylvia Stam
9. April 2017 | 09:50
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Vielfältige Organisationsformen

Die Art und Weise, wie Pastoralräume im Bistum Basel organisiert sind, ist unterschiedlich. So gibt es Pastoralräume, bei denen die Leitung des Pastoralraumes identisch ist mit der Leitung aller Pfarreien. Im urbanen Raum gibt es Pastoralräume, in denen grosse Pfarreien je eine eigene Leitung haben und diese der Leitung des Pastoralraumes unterstellt sind. Wichtig sei es, dass alle Teammitglieder den nötigen Freiraum für ihre Tätigkeit finden. Durch die Aufteilung der Aufgaben nach Funktionen bleibt den Seelsorgern umgekehrt mehr Zeit für das, was ihr «Kerngeschäft» ist: Seelsorge in allen ihren vielseitigen Facetten.

Die grossen geographischen Räume hatten zu Beginn der Arbeit an den Pastoralräumen aber auch abgeschreckt. Es war befürchtet worden, dass die Seelsorge in der Anonymität versinke. Urs Brunner winkt ab. Vielerorts habe es sich von selbst so ergeben, dass in einer Pfarrei im Pastoralraum ein Mitglied des Seelsorgeteams die erste Ansprechperson sei. An manchen Orten waren es die Kirchgemeinden, die die Arbeiten an einem Pastoralraum massgeblich gefördert haben.

Die neue Struktur könne es auch vermehrt mit sich bringen, dass Personal mit nichtkirchlicher Berufserfahrung, etwa Sozialarbeiterinnen, angestellt würden. Das bringe neue Kompetenzen und Impulse in den Arbeitsalltag von Seelsorgeteams. «Die Gesellschaft verändert sich, die Berufswelt ebenso. Und die Seelsorge tut es auch», fasst es Urs Brunner zusammen. (ms)

Pastoraler Entwicklungsplan des Bistums Basel