Freelance-Schwester Veronika Ebnöther
Schweiz

Schwester Veronika: «Als geweihte Jungfrau habe ich mehr Freiheiten»

Sie lebt zölibatär und trägt den Schleier einer Ordensfrau, dazu Jeans und Sneakers. Schwester Veronika Ebnöther nennt sich Freelance-Schwester. Im Podcast «Laut + Leis» spricht sie über ihr Leben.

Sandra Leis

Eigentlich träumte Veronika Ebnöther von einem «ganz normalen Leben». Sie hatte die Matura im Sack und wollte Kunstgeschichte studieren, später heiraten und eine Familie gründen.

Doch dann kommt alles anders: «Ich war zwanzig, sass in einer Kirche vor dem Tabernakel und hatte eine sogenannte Berufung. Ich erhielt von Jesus eine Einladung, ihm mein Leben ganz zu schenken.» 

Ein klares Ja

Das sei wie ein Heiratsantrag gewesen, erinnert sich Schwester Veronika und strahlt übers ganze Gesicht. «Ich war freudig überrascht, und alles sprach Ja in mir, obwohl ich überhaupt noch nicht wusste, wohin das führt.»

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Familie und Freunde reagieren ganz unterschiedlich: «Die einen haben sich sofort mitgefreut, die anderen haben sich distanziert oder den Kontakt abgebrochen. Oder die Berufung gar nicht kommentiert», sagt Veronika Ebnöther.

Suche nach religiöser Gemeinschaft

Sie lässt sich zur Religionspädagogin ausbilden und besucht verschiedene Klostergemeinschaften. «Es war anziehend und interessant. Doch es hat nirgends klick gemacht.»

Auch nicht in einem sehr strengen Karmelitinnen-Kloster, das ihr anfänglich durchaus gefällt. «Ich wusste sieben Jahre nicht, wo mein Platz ist.» Bis sie sich entscheidet, eine sogenannte «geweihte Jungfrau» zu werden.

Das heisst, sie gehört keinem Orden an und verspricht, ein eheloses und gottgeweihtes Leben zu führen.

300 Hochzeitsgäste

Wer 28 Jahre alt ist, darf sich weihen lassen. Veronika Ebnöther heiratet im Mai 2002 in der Kathedrale in Chur; zur Jungfrau weiht sie Bischof Amadée Grab.

Mai 2002: Hochzeitsfoto von Schwester Veronika Ebnöther
Mai 2002: Hochzeitsfoto von Schwester Veronika Ebnöther

«Ich trat allein in einem weissen Hochzeitskleid ohne Bräutigam in die Kathedrale.» Das habe durchaus für erstaunte Blicke und grosse Fragezeichen in den Gesichtern gesorgt. «Doch ich wusste, ich bin die Braut Christi und deshalb nicht allein.»

Zur Feier kommen rund 300 Hochzeitsgäste. «Eine Weihe ist ein öffentlicher Akt und soll bekannt sein, denn man lebt ja in der Welt», sagt Schwester Veronika.

Moderne Lebensform

In der Schweiz gibt es heute etwa achtzig geweihte Jungfrauen, vor sieben Jahren waren es noch 66. Die Zunahme erklärt sich Schwester Veronika so: «Es ist eine Form, die dem modernen Lebensstil entspricht. Ich habe mehr Freiheiten, muss aber alles selber machen und mich gut organisieren.» 

Mit ihrem Schleier ist sie sofort als Nonne erkennbar. Dazu trägt die 51-Jährige Jeans und Sneakers und wirkt jugendlich-dynamisch. Für ihren Lebensunterhalt kommt sie selber auf: Sie hat als Pfarreihelferin in Graubünden gearbeitet, hat Religionsunterricht gegeben und auch als Putzfrau gearbeitet.

Gesprächsatelier für Kirchenferne

In den letzten zehn Jahren war sie, die sich als Freelance-Schwester bezeichnet, vor allem als Gefängnisseelsorgerin tätig. Seit letztem Juni betreibt sie ein kleines Gesprächsatelier mitten in Zürich. Dazu sagt Schwester Veronika: «Es ist ausdrücklich ein Angebot für Menschen, die mit dem traditionellen Angebot der Kirche nichts mehr anfangen können.» 

In ihrem Gesprächsatelier arbeitet Schwester Veronika auch als Farb-Sommelière.
In ihrem Gesprächsatelier arbeitet Schwester Veronika auch als Farb-Sommelière.

Auch diese Menschen seien auf der Suche nach Sinn und Spiritualität, nach «dem Mehr im Leben». «Sie kommen zu mir, weil sie hier eine niederschwellige Form von Gespräch finden, ohne dass sie gleich in eine Kirche gehen müssen.»

Solo-Katholikin oder Pippi Langstrumpf?

Schwester Veronika lebt in keiner religiösen Gemeinschaft und ist in keiner Kirchgemeinde aktiv. Auf die Frage, ob sie eine Solo-Katholikin sei, antwortet sie: «Überhaupt nicht. Ich bin sehr verbunden mit ganz vielen Katholikinnen und Katholiken und auch mit Pfarreien. Auch wenn das volatil ist.»

Freelance-Schwester Veronika: «Ich falle ein bisschen aus dem Raster.»
Freelance-Schwester Veronika: «Ich falle ein bisschen aus dem Raster.»

Ein Priester hat einmal gesagt, sie sei die «Pippi Langstrumpf der katholischen Kirche». Darauf angesprochen, schmunzelt sie und meint: «Ja, ich falle ein bisschen aus dem Raster.» Doch sie mache sich die Welt nicht, wie sie ihr gefalle: «Im Gegenteil. Ich nehme den Menschen so, wie er ist, und versuche ihn nicht zu ‹machen›.»

Veronika Ebnöther ist eine gläubige Katholikin, zu den Reformerinnen der Institution Kirche zählt sie nicht: «Ich lebe meine Vision von Kirche an meinem Platz und finde meine Freiheit im Willen Gottes.»


Freelance-Schwester Veronika Ebnöther | © Sandra Leis
28. Februar 2025 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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