Josef Sayer war von 1998–1997 Professor in Freiburg. Anschliessend leitete er das Hilfswerk "Misereor", das deutsche Fastenopfer.
Schweiz

Schon lange vor Papst Franziskus lebte Leo Karrer den Geist der Synodalität

Josef Sayer war wie Leo Karrer Pastoraltheologe in Freiburg. Für ihn war der Verstorbene ein wunderbarer Kollege und Freund. «Leo Karrer war kein Strukturfanatiker», schreibt er in einem Gastbeitrag.

Josef Sayer*

Wie habe ich Leo Karrer in zehn gemeinsamen Jahren an der Universität Freiburg erlebt? Ein guter Zuhörer war er, ein unbestechlicher und neugieriger Beobachter, dem Gegenüber offen und zugewandt. Zu analysieren, was in Kirche und Gesellschaften vorgeht, was die Menschen berührt und ihnen Sorge macht, das bewegte ihn.

Ein unerbittlicher Streiter und Kämpfer für Reformen

Sich von den Problemen nicht erdrücken lassen, sondern beharrlich gemeinsam nach Lösungen zu suchen, auch dort noch, wo andere längst aufgegeben haben, das zeichnete Leo Karrer aus.

Leo Karrer
Leo Karrer

Er war ein unerbittlicher Streiter und Kämpfer für Reformen: nicht lautstark oder polemisierend und polarisierend allerdings – jedoch klar und entschieden und ohne Feigheit Gegnern und auch Freunden gegenüber.

Der Kirche Hoffnung und Zukunft geben

Wo man mir die Wut ansah, da blieb er ruhig und fähig zu differenzieren. Von Peru und der Befreiungstheologie her kommend hätte ich mir einen besseren Kollegen nicht wünschen können.

Josef Sayer bei einem Bergbauer in Cuzco/Peru.
Josef Sayer bei einem Bergbauer in Cuzco/Peru.

Gemeinsame Seminare und Kolloquien, engagiert an Modellen einer Zukunft und Hoffnung gebenden Kirche in der Schweiz – und selbstredend darüber hinaus – kreativ zu gestalten, waren Herausforderungen, die mit Leo Karrer partnerschaftlich angegangen werden konnten.

Die «Tagsatzung» ist eine Form von Inkulturation

Was heute Papst Franziskus mit «Synodalität» hervorhebt, dafür setzte er sich längst ein: sein Engagement mit Pfarreien, Laien und Priestern oder für das Modell «Tagsatzung in der Kirche» wiesen einen konkreten inkulturierten synodalen Weg gegenüber verhärteten Amtsträgern.

Leo Karrer, katholischer Theologe und emeritierter Professor für Pastoraltheologie
Leo Karrer, katholischer Theologe und emeritierter Professor für Pastoraltheologie

Bei all dem war Leo Karrer kein Strukturfanatiker. Um ein alltagstaugliches Jesusverständnis und einen lebensrelevanten Gottesglauben ging es ihm in immer komplexer werdenden Zeiten.

Er interessierte sich auch für die Brüche des Lebens

Die Frage nach einem sinnerfüllten Leben, nach Gerechtigkeit und Solidarität in der Einen Welt trieben ihn um. Christsein als Mut zu wahrer Menschlichkeit. Menschen in Krisensituationen zu einem frischen Atemschöpfen und zu tragender Hoffnung zu verhelfen, war ihm stets ein Anliegen.

Den menschlichen und gesellschaftlichen Realitäten mit ihren Grenzen und Brüchen stellte er sich – und dies bis hin zu dem Kreuz und dem Tod. Diesbezüglichen Fragen wich er nicht aus.

«Verstehen und Begreifen machen vor der Todesgrenze Halt»

Im Gegenteil. Mit an die Grenzen gehenden, unerbittlichen Fragen lotete er die menschliche und gesellschaftliche, die christliche Existenz aus. Auch wenn er sich eingesteht: «Verstehen und Begreifen machen vor der Todesgrenze Halt.»

Leo Karrers pastorales und theologisches Ringen und Suchen um das Verstehen Jesu und dessen Gottesverhältnis angesichts seines Scheiterns im Tod am Kreuz führten ihn schliesslich zum realitätsbezogenen Bekenntnis: «Leid und Tod sind wohl für uns Menschen das letzte Wort, aber vom Gott Jesu her nicht das allerletzte Wort.»

In diesen christlichen Horizont stellen wir dankbar das Leben Leo Karrers: eines sorgenden Familienvaters, eines wachen Zeitgenossen, eines engagierten Theologen, eines verlässlichen Kollegen, eines Freundes.

* Der Priester Josef Sayer war von 1988–1997 Professor für Pastoraltheologie in Freiburg. Anschliessend wurde er Hauptgeschäftsführer von «Misereor», dem deutschen Fastenopfer.


Josef Sayer war von 1998–1997 Professor in Freiburg. Anschliessend leitete er das Hilfswerk «Misereor», das deutsche Fastenopfer. | © KNA
10. Januar 2021 | 10:37
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