Roger Köppel verteidigt Kurt Koch: Ich bin stolz, dass ein Schweizer mit dem Zeigefinger vor dem Zeitgeist warnt
SVP-Nationalrat Roger Köppel ist Verleger der «Weltwoche». Er verteidigt den NS-Vergleich von Kurienkardinal Kurt Koch und warnt davor, «Zeitgeistphänomene» heiligzusprechen: «Kardinal Kurt Koch hat recht, das ist nämlich eine Gefahr, das ist ein Missbrauch des Glaubens!»
«Es geht um einen Streit in der katholischen Kirche. Und die Hauptrolle, eine wichtige Rolle, spielt der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch. Er hat in einer deutschen Fachzeitschrift einen sehr provokativen Vergleich, eine historische Analogie aufgezogen.
Hat der Zeitgeist einen Offenbarungscharakter?
Worum geht es? Sogenannte fortschrittliche Katholiken haben gesagt, dass die Zeichen der Zeit – das ist ein Begriff, ich bin kein Experte im Katholizismus, aber es gibt offensichtlich in der katholischen Kirche eine Kategorie Zeichen der Zeit: Das sind Erscheinungen, Zeitgeist-Phänomene. Und die Frage ist: Was ist der theologische Status dieser Zeitgeist-Phänomene – hat das eine theologische Bedeutung? Ist ein Zeitzeichen, eine Zeiterscheinung, der Zeitgeist, ist das vielleicht auch Ausfluss des göttlichen Willens? Hat das einen Offenbarungscharakter?
Darüber wird offensichtlich in der katholischen Kirche gesprochen. Jetzt gibt es eben politische Kreise, die sagen: Die Zeichen der Zeit von heute – und damit ist gemeint: die neue Sexualmoral, die moderne Sexualmoral, die ganze LGBTQ-Bewegung –, das sei ein Zeitzeichen, aber mehr noch, darüber hinaus: das habe theologischen Charakter, es habe Offenbarungscharakter, und sei deshalb verpflichtend als moralische Leitschnur, sich entsprechend zu verhalten für die katholische Kirche insgesamt.
Karl Barth wehrte sich gegen eine Heiligsprechung des Zeitgeistes
Und da hat nun Kurienkardinal Kurt Koch vehement widersprochen und hat das verglichen mit einem Phänomen aus dem Giftschrank der deutschen Geschichte, nämlich mit den Deutschen Christen. Die Deutschen Christen, wenn ich da richtig informiert bin, das waren Protestanten, die in den 1930er-Jahren sozusagen den Amtseid auf Hitler abgelegt haben, die sozusagen Hitler als Zeitzeichen, als Offenbarungsphänomen nicht gerade heiliggesprochen haben, aber zumindest ihre Loyalität, ihre Verbundenheit als Kirchenleute, als Deutsche Christen dem Führer gegenüber, dem Politiker und Diktator gegenüber kundgetan und auch öffentlich erklärt haben.
Damals hat sich ja auch ein bedeutender Schweizer Theologe, allerdings ein Protestant, dagegengestellt, hat sich dem verweigert. Er war damals Lehrer in Göttingen, der Hochschulprofessor Karl Barth. Der hat gesagt: Das ist eine Heiligsprechung des Zeitgeistes, das ist eine Selbstvergottung eines Politikers oder eine Vergottung des Politikers durch die Kirche. Da dürfe man nicht mitmachen, das sei schlimmster Aberglaube.
Kurt Koch warnt vor einem «Missbrauch des Glaubens»
Und im Gefolge dieser ganzen Deutschen-Christen-Affäre, dieser Politisierung, dieser Verzeitgeistisierung des Protestantismus damals ist Karl Barth in die Schweiz zurückgekommen – von der Uni Göttingen weggegangen. Karl Barth allerdings war dann auch der erste, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand wieder ausgestreckt hat nach Deutschland. Er ist nicht in einer Pose moralischer Überlegenheitseinbildung verharrt, sondern ist auf die Deutschen wieder zugegangen.
Und Kurienkardinal Kurt Koch spielt nun auf diese Zeit an und sagt: Das ist genau dieser Aberglaube, diesePolitisierung, das war ein Zeitgeistphänomen, das plötzlich heiligspricht. Und da sage ich nun: Kardinal Kurt Koch hat recht, das ist nämlich eine Gefahr, das ist ein Missbrauch des Glaubens!
Kritik an LGBTQ-Bewegung
Der Glaube ist eine wesentliche Kraft des Menschen und eine wesentliche Lebenskraft. Das, woran man glaubt, das hat einen sehr, sehr speziellen Charakter. Extrem. Dort ist auch unsere Liebe drin in dem, was wir glauben. Und wenn es um den religiösen Glauben geht, da geht es auch um die letzten Dinge. Da geht es um die Schöpfung, da geht es um die Stellung des Menschen im Universum. Da geht es auch um übermenschliche Phänomene, um Dinge, die eine Qualität haben, die für den Menschen gar nicht erreichbar ist.
Und die grosse Gefahr besteht immer darin, dass der Mensch das Göttliche für sich in Anspruch nehmen will, das Göttliche sich unterwerfen, sich dienstbar machen will. Und das ist eben der allergrösste Aberglaube, den es gibt. Es wenn jetzt wieder damit angefangen wird, dass Zeitgeist-Phänomene heiliggesprochen werden, dass man diese LGBTQ-Bewegung gleichsam auf dem Altar anbetet, dann ist es bitter nötig und auch mutig und wichtig und selbstverständlich berechtigt, wenn Theologen, hochgeschulte Kurienkardinäle wie Kurt Koch – und das sage ich als Nicht-Katholik, mein Vater war Katholik, ich bin multikonfessionell aufgewachsen –, dann ist das sehr, sehr wichtig, dass Theologen mit Wasserverdrängung hier auftreten und sagen: Sorry, das ist die falsche Richtung.
Früher Karl Barth, heute Kurt Koch
Ich finde es immer wieder bezeichnend, dass das ein Schweizer ist, der das ausspricht, jetzt ein Katholik, Kurienkardinal Kurt Koch, in den 1930er-Jahren war das der überragende Theologe Karl Barth.
Seine kirchliche Dogmatik findet sich auch in meiner Bibliothek. Ich muss allerdings zugeben, ich habe mich da noch nicht hindurchgelesen, das sind etwa 20 Bände, hochkomplex, da vermengt sich Philosophie und Theologie, das ist also wie Stabhochsprung, aber nicht über sechs oder sieben Meter, sondern Stabhochsprung über 100 Meter, manchmal sogar ohne Stab, eine hoch-hochkomplexe und anspruchsvolle Angelegenheit, die wir aber in der Sendung jetzt nicht weiter behandeln werden.
Haben Sie ganz herzlichen Dank. Seien Sie misstrauisch, wo der Zeitgeist heiliggesprochen wird. Das ist eben auch Gutmenschentum, ganz klar Frömmlertum. Das ist die Seuche unserer Gegenwart. Und ich bin ein bisschen stolz, dass da ein Schweizer, mit dem Warnfinger, mit dem Zeigefinger darauf hingewiesen hat.»
SVP-Nationalrat Roger Köppel verteidigt in seiner Video-Kolumne «Weltwoche Daily» den Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch. Dieser hatte den Synodalen Weg mit den 1930er-Jahren und den Deutschen Christen verglichen. (rr)
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