Rita Famos predigt in Karlsruhe.
Schweiz

Rita Famos: «Wir hörten das Bombardement in Berg-Karabach»

In Aserbaidschan sind 120’000 Christinnen und Christen aus der mehrheitlich von Armeniern bewohnten Region Berg-Karabach vertrieben worden. Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, war zu diesem Zeitpunkt vor Ort. «Es war allen schlagartig klar, dass Berg-Karabach für die armenische Kultur verloren sein würde und eine grosse Fluchtbewegung starten wird.»

Sarah Stutte

Alle Augen richten sich nach Israel, doch in Aserbaidschan sind gerade 120’000 Christinnen und Christen aus der mehrheitlich von Armeniern bewohnten Region Berg-Karabach vertrieben worden. Diese ethnische und religiöse Säuberung findet in der christlichen Welt zu wenig Aufmerksamkeit. Warum?

Rita Famos*: Ich würde die Aufmerksamkeit und die Solidarität mit Israel angesichts der terroristischen Gräueltaten nicht mit dem Mitleid aufrechnen wollen, das den Menschen in Berg-Karabach zuteilgeworden ist. Tatsächlich ist vielen von uns Israel näher und der Konflikt bekannter.

«Sie hat uns skeptisch werden lassen, gegenüber allen christlichen Exklusivitätsansprüchen.»

Warum tun wir uns im Westen schwer mit Solidaritätsbekundungen, die einen religiösen Adressaten haben?

Famos: Das hat mit der Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte zu tun. Sie hat uns skeptisch werden lassen, gegenüber allen christlichen Exklusivitätsansprüchen. Dass die christliche Welt keine Aufmerksamkeit schenkt, würde ich nicht bestätigen: Auf evangelischer Seite ist die Aufmerksamkeit auf Armenien und Berg-Karabach durchaus vorhanden. Der Schweizer Protestantismus hat bereits beim Genozid 1915 eine grosse Solidarität mit den Hinterbliebenen der Opfer an den Tag gelegt.

Und in jüngster Zeit?

Famos: Initiiert von Christian Solidarity International fand am 22. September eine Kundgebung in Bern statt. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat mit seiner Reise und deren Nacharbeit durchaus reagiert. Auch der Erzbischof von Canterburry, Justin Welby war vor Ort und hat zur Hilfe und Solidarität aufgerufen.

Papst Franziskus und Katholikos Karekin II. begleitet von kirchlichen Würdenträgern
Papst Franziskus und Katholikos Karekin II. begleitet von kirchlichen Würdenträgern

Die Kultur ist seit Jahrtausenden in der Region präsent, gehört also zu den ältesten christlichen Kulturen. Wie leben die Christinnen und Christen dort? 

Famos: Die allermeisten gehören zur armenisch-apostolischen Kirche. Ihr theologisches Zentrum ist das Kreuz, das die Verbindung zwischen Mensch und Gott durch das Martyrium darstellt. Der christliche Staat Armenien ist wirtschaftlich geschwächt und politisch isoliert. Kirche und Nation sind eng miteinander verbunden. Die Kirche hat über Jahrhunderte unter Verfolgung und Bedrohung den Zusammenhalt weltweit gesichert.

Wie viele Armenier leben in der Diaspora?

Famos: Sechs der neun Millionen meist christlichen Armenier leben in der Diaspora. Sie fühlen sich in grosser Solidarität und Verbundenheit mit den Armenieren vor Ort und bekunden dies eindrücklich durch die finanzielle und ideelle Unterstützung.

«Die Sorge um das kulturelle Erbe der Christen in dieser Region war Thema.»

Sie selbst sind Mitte September in die armenische Hauptstadt Jerewan gereist. Weshalb?

Famos: Ich bin als Teil einer ÖRK-Delegation nach Jerewan gereist. Ziel der Delegationsreise war, die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf die humanitäre Krise der Menschen in Berg-Karabach durch die Schliessung des Latschin Korridors zu lenken und die Solidarität der christlichen Kirchen des ÖRK zu bekunden. Leider spitzte sich die Situation gerade während unserer Reise zu und wir mussten miterleben, wie die armenische Bevölkerung in Berg Karabach angegriffen wurde.

Ökumenischer Rat der Kirchen in Karlsruhe im Jahr 2022
Ökumenischer Rat der Kirchen in Karlsruhe im Jahr 2022

Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?

Famos: Durch die Kontakte unserer armenischen Delegationsmitglieder aus der Diaspora zu ihren Freunden und Bekannten in Berg-Karabach haben wir am 19. September sozusagen im Minutentakt die Mitteilungen aus der Region erhalten. Wir hörten das Bombardement und sahen den SM Kanälen die Folgen. Es war allen schlagartig klar, dass Berg-Karabach für die armenische Kultur verloren sein würde und eine grosse Fluchtbewegung starten wird. Wir wurden in unseren Gesprächen mit dem IKRK, den Vertretern des Aussendepartements und der armenisch-apostolischen Kirche Zeugen, wie sie sich für die Aufnahme der Geflüchteten vorbereiteten. Die Sorge um das kulturelle Erbe der Christen in dieser Region war ebenso Thema sowie die Befürchtung um das weitere Vordringen von Aserbeidschan in armenisches Staatsgebiet.

«Das HEKS führt schon länger Projekte vor Ort.»

Sie haben den Bundesrat um Hilfe gebeten. Gab es schon eine Reaktion?

Famos: Das EDA hat unverzüglich 1,5 Millionen Franken für die Humanitäre Hilfe in Armenien gesprochen. Das EDA bestätigt auf Anfrage, dass Gespräche mit den Aussenministern von Aserbeidschan, Armenien und der Türkei stattgefunden haben und die Schweiz nach wie vor ihre diplomatischen Dienste zur Verfügung stellt. Auch im UNO-Sicherheitsrat, der zurzeit von der Schweiz präsidiert wird, war Armenien ein Thema. Mit welchem Erfolg die Gespräche geführt werden, muss abgewartet werden.

Wie unterstützt die evangelische Kirche die Christinnen und Christen dort?

Famos: Das HEKS führt schon länger Projekte vor Ort. Diese Kontakte hat es sofort genutzt, um seine Hilfe für die Geflüchteten aufzubauen. Mehrere Mitgliedkirchen der EKS haben bereits namhafte Beträge gesprochen für die Unterstützung des HEKS in seinem Nothilfeprogramm.  

«Die meisten sind in der Nähe der Stadt Goris.»

Wo sind die Vertriebenen jetzt und was passiert mit Ihnen?

Famos: Innerhalb einer Woche sind 100’000 Armenier von Berg-Karabach nach Armenien geflüchtet. Die meisten sind in der Nähe der Stadt Goris. Von dort aus sind sie bei Verwandten und Freunden untergekommen. Das Rote Kreuz und andere NGO’s helfen vor Ort. Aber die Lage ist sehr prekär.

*Rita Famos ist Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.


Rita Famos predigt in Karlsruhe. | © Christoph Knoch
12. Oktober 2023 | 16:01
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