Schweiz

Ratschläge zu Kirchenaustritt sind «verantwortungslos»

Zürich, 2.5.19 (kath.ch) Die Pendlerzeitung «20 Minuten» gibt Tipps rund um den Kirchenaustritt. Laut Simon Spengler von der katholischen Kirche im Kanton Zürich leistet das der Entsolidarisierung in der Gesellschaft Vorschub.

Ein Beitrag der Pendlerzeitung «20 Minuten» zum Thema Kirchenaustritt findet grosse Beachtung: Mehr als 800 Kommentare hinterliessen Leser auf der Website bis Donnerstagnachmittag um 14.30 Uhr zum Artikel.

«Wie kann ich aus der Kirche austreten?», lautet der Titel des in der Rubrik «Grow up» erschienenen Artikels. Wie aus einer Infobox in der Printausgabe hevorgeht, will die Rubrik junge Leute zu Fragen des Erwachsenwerdens beraten. Leser können Fragen zu Karriere, Umgang mit Geld oder den Behörden stellen. Beantwortet werde «alles, was du spätestens bis 30 wissen musst».

Doch noch kirchlich heiraten

Über die Hälfte der Schweizer Bevölkerung zahle «jährlich bis zu 1000 Franken Kirchensteuern, auch deswegen laufen den Kirchen die Gläubigen davon», heisst es im Texteinstieg. Die Antworten zu Fragen im Ratgeberstil wie «Kann ich noch kirchlich heiraten?» suggerieren, dass Taufe, Hochzeit und Beerdigung auf dem Friedhof unter Umständen auch nach dem Austritt möglich sei. In einer Servicebox mit dem Titel «So trittst du aus der Kirche aus» wird der Inhalt einer schriftlichen Austrittserklärung umrissen.

«Weltanschaulich strikt neutral»

Laut Gaudenz Looser, dem stellvertretenden Chefredaktor von «20 Minuten» erschien der Beitrag deshalb in der Rubrik, «weil sich mit dem Erwachsenwerden und dem Eintreten der Steuerpflicht diese Frage unter dem finanziellen Aspekt zum ersten Mal stellt.»

«Es ergibt sich ein Auftrag, gesellschaftliche Trends zu erklären.»

Den Kirchen stehe «20 Minuten» nicht generell kritisch gegenüber, sondern sei politisch und weltanschaulich «strikt neutral». Durch eine ausgeprägte Leser- und Serviceorientierung ergebe sich aber der Auftrag, «gesellschaftliche Trends zu erklären und die Leserinnen und Leser mit für sie relevanten Informationen zu versorgen.»

Laut Tamedia-Medienstelle erschien der Beitrag in den regionalen Ausgaben der gesamten Deutschschweiz, so auch in der regionalen Ausgabe der Region Zürich. Insgesamt habe der Beitrag eine Auflage von circa 436’000 erreicht.

«Zeichen der Entsolidarisierung»

Simon Spengler, der bei der katholischen Kirche im Kanton Zürich die Kommunikation leitet, findet den Beitrag schlicht «verantwortungslos». Er wertet den Ratgeberbeitrag de facto als Aufruf zum Kirchenaustritt. Das sei ein Ausdruck der Entsolidarisierung in der Gesellschaft.

«Die Ehe in der Kirche schliessen ohne an Gott zu glauben, ist absurd.»

Spengler findet es stossend, dass der Beitrag weiter suggeriert, man könne kirchliche Trauung, Taufe und Begräbnis wie eine Dienstleistung je nach dem relativ leicht auch nach dem Kirchenaustritt nutzen. «Dass man die Ehe in der Kirche vor Gott schliessen möchte, ohne an Gott zu glauben und hinter der Kirche stehen zu können, ist absurd», sagt Spengler. Das Sakrament der Ehe sei mehr als eine hübsche Dekoration für eine Hochzeitsfeier.

Solche medialen Beiträge leisteten der Entsolidarisierung Vorschub – dies zeuge nicht gerade von publizistischer Verantwortung.

Falsche Fragen gestellt

Im Beitrag würden ausserdem die falschen Fragen gestellt. «Bei einem Kirchenaustritt ist nicht die Frage, ob man später mal  kirchlich beerdigt werden kann. Wenn schon, muss man überlegen, ob man das Engagement der Kirche vor Ort, so etwa für Flüchtlinge, Senioren, Jugendliche oder Kinderbetreuung, unterstützen will.» Und: «Wegen Kirchenaustritten erhält kein Bischof weniger Lohn, denn die Steuer zahlt man seiner Kirchgemeinde.»

Er kritisiert zudem die pauschale Aussage, wonach die Hälfte der Schweizer bis zu 1000 Franken Steuern zahle. «Das ist ein statistischer Mittelwert. Junge Erwachsene, die eventuell noch studieren beziehungsweise am Anfang ihrer Laufbahn stehen, zahlen erheblich weniger Steuern oder gar keine.»

Zentralkonferenz «unglücklich» über Gratiszeitungs-Beitrag

Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz RKZ, hat mit einem Kommentar auf seiner Facebook auf den Beitrag von «20 Minuten» reagiert. «Mit dem Artikel zum Thema Kirchenaustritt, bin ich alles andere als glücklich», schreibt Kosch. Der Beitrag reduziere die Frage der Zugehörigkeit zur Kirche auf die Frage des persönlichen Nutzens. Er erwecke den Eindruck, mit Taufe, Hochzeit und Beerdigung sei das Wesentliche genannt. Und er ermuntere indirekt dazu, zwar die Kirchensteuer zu sparen, aber dennoch «kirchliche Dienstleistungen» zu beziehen.

«Das ist ethisch fragwürdig», kritisiert Kosch. Zudem bleibe völlig unsichtbar, was die Kirchen für die Gesellschaft und auch für einzelne Menschen, vor allem für kranke und leidende Menschen und für solche am Rande der Gesellschaft leisteten. Auch ihre Beiträge zum Zusammenhalt der Gesellschaft, zu sozialen Werten, zur Bildung und zur Kultur würden mit keinem Wort erwähnt. (uab / ergänzt 17:38 uab)

Spartipp Kirchenaustritt – der Beitrag in der Pendlerzeitung «20 Minuten» erschien online und in mehreren regionalen Printausgaben, so auch in der Ausgabe Zürich. | © kath.ch
2. Mai 2019 | 15:03
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(uab)