Propst Martin Werlen gönnt dem Papst eine eigene Meinung zum Frauendiakonat
Papst Franziskus hat jüngst in einem Interview mit der US-amerikanischen Fernsehstation CBS mit seinem klaren «Nein» zum Frauendiakonat viele Frauen verletzt, die sich in der katholischen Kirche engagieren. Wie ordnet Propst Martin Werlen dieses Statement ein? Gegenüber kath.ch stellt der 62-jährige Benediktiner klar, dass der Papst mit seiner «spontanen Antwort» keine Entscheidung vorweggenommen hat.
Wolfgang Holz
Propst Martin, können Sie sich das klare Nein des Papstes zum Frauendiakonat irgendwie erklären?
Propst Martin Werlen*: Im Unterschied zu vielen Bischöfen stellt sich Papst Franziskus den Herausforderungen der Medien. Das ist grundsätzlich sehr positiv zu werten. Er muss dazu nicht alle Fragen vorher erhalten und – darauf vorbereitet – mit dem Katechismus antworten. Auch das ist positiv. Dass in einem solchen Set nicht immer alles gelingt, ist selbstverständlich. In diesem Kontext nehme ich das Nein wahr.
«Das ist die spontane Antwort auf eine Frage, die den Papst auf jeden Fall unter Druck setzt.»
Ist das Nein des Papstes aus Ihrer Sicht einfach der traditionellen katholischen Lehre geschuldet, die keine Weihe für Frauen fürs Priesteramt und für den Diakonat vorsieht?
Werlen: Das ist die spontane Antwort auf eine Frage, die den Papst auf jeden Fall unter Druck setzt. Damit hat er grundsätzlich keine Entscheidung vorweggenommen.
«Sein Nein hat die Diskussion umso mehr angeheizt.»
Oder will Papst Franziskus im Vorfeld der Weltsynode im Herbst vorab schon klare Zeichen setzen und entsprechende Reformhoffnungen dämpfen?
Werlen: Mit einem Ja und mit einem Nein hätte er ein Zeichen gesetzt. Sein Nein hat die Diskussion umso mehr angeheizt. Dafür bin ich – auch im Hinblick auf die Synode im Herbst – dankbar.
Aber eigentlich soll ja eine Synodenkommission die Frauenfrage behandeln. Ist der Heilige Vater hier einfach vorgeprescht?
Werlen: Das Interview sollte nicht überbewertet werden. Ich gönne Papst Franziskus eine eigene Meinung. Weil das für die Leitung der Kirche nicht reicht, hat er eine Synodenkommission eingesetzt.
«Frauen und Männer, die die Kirche nicht nur im Rückspiegel betrachten, sind herausgefordert, kreativ und mutig im Heute ins Morgen unterwegs zu sein.»
Zehntausende Frauen, die sich in der katholischen Kirche engagieren, müssen sich durch das Nein des Papstes verletzt und diskriminiert fühlen. Wie sehen Sie das?
Werlen: Das soeben Gesagte möchte ich auch ihnen sagen. Frauen und Männer, die die Kirche nicht nur im Rückspiegel betrachten, sind herausgefordert, kreativ und mutig im Heute ins Morgen unterwegs zu sein.
Ist das klare Nein des Papstes möglicherweise ein Hinweis darauf, dass sich in der Frauenfrage der katholischen Kirche so schnell nichts ändern wird?
Werlen: Das nehme ich nicht so wahr. Meine Hoffnung auf das Ernstnehmen der einen Taufe und alles, was das zur Folge hat, ist sogar stärker geworden.
«Wir sind aufgefordert, an der Baustelle Kirche zu arbeiten.»
Welche Veränderungen halten Sie in der katholischen Frauenfrage für realistisch?
Werlen: Das Ernstnehmen der Taufe gegen alle Versuche – nicht nur in Rom -, die Fassade eines Hauses voll Glorie zu pflegen. Stattdessen sind wir aufgefordert, an der Baustelle Kirche zu arbeiten. Dazu ermutige ich übrigens in meinem Buch «Baustellen der Hoffnung».
*Martin Werlen ist ein Schweizer Benediktiner und war von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. Er übernahm 2020 die Propstei St. Gerold in Vorarlberg als neuer Propst.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
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