Ivan Machuzhak
Konstruktiv

Priester zur Ukraine-Krise: «Die Selbstverständlichkeit des morgigen Tages ist nicht so gegeben»

Das russische Militär provoziert mit Übungen nahe der ukrainischen Grenze. Der Priester Ivan Machuzhak stammt aus der Ukraine und lebt mit seiner schweizerisch-ukrainischen Familie in Zürich. Er fordert mehr Solidarität mit Menschen, die sich gegen das Putin-Regime stellen.

Raphael Rauch

Was beunruhigt Sie mit Blick auf den Ukraine-Russland-Konflikt am meisten?

Ivan Machuzhak: Die Themen, die in der Öffentlichkeit um diesen Konflikt besprochen werden, geben nicht die tatsächlichen Sachverhalte wieder. Es geht hier nicht um die Diskriminierung der russischen Minderheit in der Ukraine. Es geht hier auch nicht um die inner-ukrainischen Konflikte zwischen der West- und Ostukraine. Und es geht auch nicht um die Menschen, die dort leben. 

Sondern?

Machuzhak: Es sind einzig und allein die Interessen der von Putin angeführten Minderheit in und ausserhalb Russlands, die neue Fakten schaffen, ihre Macht sichern und die Werte der Demokratie und der freien Gesellschaft missachten.

«Die Geschäfte mit der sogenannten politischen Elite Russlands florieren.»

Die mediale Debatte läuft meistens darauf hinaus: Putin gegen den Westen. Warum greift das aus Ihrer Sicht zu kurz?

Machuzhak: Der Westen ist gar nicht gegen Putin, keineswegs. Es lässt sich gut mit Putin leben: die Geschäfte mit der sogenannten politischen Elite Russlands florieren. Die Investoren Russlands sind längst auf dem westlichen Markt salonfähig geworden. Die Gas-Pipeline und andere Transportmittel bringen die Energieträger und die Waren in die Betriebe und die Haushalte der westlichen Industrienationen. Wir alle profitieren davon – mit all den Konsequenzen. Auf der Strecke bleiben die einfachen Menschen in Russland. Und die Menschen, die sich gegen das Putin-Regime stellen: Politkowskaja, Nawalnyj und so weiter.

Pro Alexei Nawalny, contra Putin: eine Protestaktion im Juni 2021 in Genf.
Pro Alexei Nawalny, contra Putin: eine Protestaktion im Juni 2021 in Genf.

Warum ist kein Friede in Sicht?

Machuzhak: Putin und sein Gefolge haben praktisch die gesamte Opposition und alle NGOs in Russland ausgeschaltet. Dies lässt die Aussicht auf eine neue politische Führung in Russland in näherer Zukunft schwinden. 

Was würde den Menschen vor Ort konkret helfen?

Machuzhak: Die Hilfe für die Menschen kann darin bestehen, dass wir der Opposition unsere Stimme leihen; dass wir von unserer Wirtschaft ein verantwortetes Handeln mit den russischen Firmen fordern, dass nicht der Profit an erster Stelle stellt, sondern die Entscheidung zur Kooperation, unabhängig von der Nähe zu Putins Regime. Dass in allen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen die Kriterien der Demokratie nicht nur ein weit entferntes Ziel darstellen, sondern eine grundlegende Voraussetzung für solche Beziehungen sind.

Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj mit Ehefrau Olena Selenska bei Papst Franziskus am 8. Februar 2020 im Vatikan.
Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj mit Ehefrau Olena Selenska bei Papst Franziskus am 8. Februar 2020 im Vatikan.

Wie nehmen Sie die Rolle der katholischen Kirche wahr?

Machuzhak: Die katholische Kirche hat sich vom Beginn des Konflikts auf die Seite der Soldaten, ihrer Familien und der gesamten Bevölkerung gestellt, die von den Kämpfen betroffen war. Auf der Krim sind die Priester trotz der anfänglichen Einschüchterungen bei den Menschen geblieben. In den von Separatisten besetzten Gebieten wurden die Pfarrbüros und die Strukturen zunächst zerstört. Später kehrten die Pfarrer zu den Menschen zurück und die neuen Behörden stellen sich nicht offensiv dagegen. So kann die Kirche den Menschen unter schweren Bedingungen der Pandemie und der Separation etwas von der gewohnten Heimat spüren lassen. An der Frontlinie werden die Soldaten der ukrainischen Armee von der inzwischen aufgebauten Struktur der Militärseelsorge betreut. Freiwillig melden sich zahlreiche Priester zu diesem für das Leben nicht ungefährlichen Dienst an den Soldaten. 

Papst Franziskus empfängt 
Russlands Staatspräsident Wladimir Putin im Vatikan (2019)
Papst Franziskus empfängt Russlands Staatspräsident Wladimir Putin im Vatikan (2019)

Und wie die Rolle der orthodoxen Kirche? 

Machuzhak: Die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats war zunächst auf der Seite des Aggressors, später, meiner Meinung nach, verblasste ihre Rolle und auch ihre Bedeutung. Die ukrainische Orthodoxie stellte sich eindeutig auf die Seite der Patrioten der Ukraine. Diese Position ist weiterhin ungebrochen. Der Staat hat die Rolle der Kirche in der Betreuung der Soldaten und der von Krieg betroffenen Menschen erkannt und inzwischen ist eine kirchliche Infrastruktur der Militärseelsorge aufgebaut, die einen wichtigen Beitrag an der Frontlinie leisten.

«Die Wunden des Krieges schmerzen.»  

Das heisst?

Machuzhak: Insgesamt leisten die Kirchen sehr viel in der Begleitung der Soldaten, ihrer Familien und allen Betroffenen des Krieges wie Trauerarbeit oder Rehabilitationsprogramme für Personen mit posttraumatischer Belastungsstörung. Die Wunden des Krieges schmerzen aber trotzdem.  

Ivan Machuzhak
Ivan Machuzhak

Wie erleben Sie die Situation im Gespräch mit den Menschen aus der Ukraine und Russland in der Schweiz? 

Machuzhak: Die Selbstverständlichkeit des morgigen Tages ist nicht so gegeben, wie es vor dem Krieg war. Aber die Eindeutigkeit der Entscheidung für den pro-westlichen Kurs des Landes ist sicherer denn je, unabhängig davon, aus welchem Teil der Ukraine die Menschen kommen. Die Russen schweigen sich in dieser Frage aus – nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst. Auch angesichts der jetzigen Drohgebärde Putins ist die Entschlossenheit, das Land und die demokratische Entscheidung zu verteidigen, bei jedem und überall zu spüren.

* Ivan Machuzhak (51) ist Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. Das ist eine Teilkirche der katholischen Kirche, die im byzantinischen Ritus die Liturgie feiert. Er arbeitet als Priester und Klinikseelsorger in der Psychiatrischen Klinik Zürich und Rheinau.


Ivan Machuzhak | © zVg
12. Januar 2022 | 05:36
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