Priester Hermann Bruhin zu Missbrauchsstudie: «Kirche hat nicht nur Licht des Glaubens gebracht, sondern auch Dunkelheit»
Hermann Bruhin vergleicht in einer Predigt die Studie zum Missbrauch in der Kirche Schweiz mit «einer Art Erdbeben», das die Kirche erschüttert. «Wie können wir da noch Lichter anzünden, Texte lesen und hören, die vom Licht sprechen?». Nicht schuldig gewordene Menschen seien das Zentrum der Kirche, sondern Jesus Christus, sagt er. «Mit Gott unterwegs im Leben»: Dieser Gedanke soll Mut machen.
«Das Licht Gottes weist uns den Weg zum Glück, zur Freiheit, zum Frieden – auch dann, wenn Menschen sogar im Raum der Kirche durch ihr Tun dieses Licht nicht wirklich zur Geltung kommen lassen.
Jetzt aber scheint nicht mehr ein älterer oder neuer Kirchenbau irgendwo schweren Schaden genommen zu haben, sondern die Kirche als Ganze. Eine Art Erdbeben hat sie erschüttert und schüttelt sie weiter gehörig durch. Die Kirche als Gemeinschaft hat nicht nur das Licht des Evangeliums, des Glaubens zu den Menschen gebracht, sondern auch viel schmerzende Dunkelheit, Unrecht, schwere Schuld, Unwahrheit, Vertuschung.
Das zeigt erschreckend deutlich der vor gut einem Monat veröffentlichte Bericht zu sexuellen Übergriffen auch in unserer Kirche Schweiz. Ist da nicht die Botschaft vom Licht ganz aus dem Rahmen gefallen? Wie können wir da noch Lichter anzünden, Texte lesen und hören, die vom Licht sprechen? Wie können wir uns noch freuen, dass wir Gottes Volk sind? Nur wenn wir als einzelne Christenmenschen, als Menschen innerhalb oder ausserhalb der Kirche das Leid wahrnehmen, ernst nehmen, nur wenn wir die Last anerkennen, die aus menschlicher Schuld schutzbedürftigen Menschen aufgeladen wurde!
Die Kirche hat die Studie in Auftrag gegeben, deren vorläufiges Ergebnis vor einem Monat veröffentlicht wurde. Warum? Um genauer, um ganz genau hinzuschauen – dafür braucht es Licht, ein Licht, dass nicht einfach äusserlich auf unsere Stirn geschrieben, sondern Teil unseres bewussten Glaubens geworden ist. Im Lauf eines Jahres hören wir bei verschiedenen Gelegenheiten die Botschaft, dass Christus unser Licht ist. (…) Die Welt braucht Licht, sein Licht für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Gibt uns das Ergebnis der erwähnten Studie die Möglichkeit, Menschen im Raum der Kirche (generell) als Übeltäter und Verbrecher in einen Topf zu stecken?
Trotz allem, was leidige Tatsache ist, was an Erneuerung und Veränderung dringend ansteht, trotz allem sind nicht wacklige und schuldig gewordene Menschen das Zentrum der Gemeinschaft, die sich Kirche nennt. Der Mensch gewordene Gott, Jesus Christus, der sich selbst ‹Licht› genannt hat, ist das Zentrum unseres Glaubens, auch wenn Menschen im Raum der Kirche durch ihr Fehlverhalten dieses Licht fast auslöschen. Können wir wieder lernen, dass diese Hoffnung uns weitergehen lässt, uns hilft, Licht zu den Menschen bringen, auch wenn unser Licht klein, zerbrechlich, anfällig, auf alle Fälle schwer gefährdet ist?
Zünden wir nicht nur bei einem Gottesdienst, im kleinen Andachtsraum hinten in der Kirche oder zuhause ein Licht an! Das kann ein erster Schritt sein. Seien wir das Licht – auch und gerade im Dunkel der selbstgemachten und von Menschen verschuldeten Nächte! Mit Gott unterwegs im Leben – dieser Gedanke soll uns Mut und Freude machen, dass wir Gottes Volk sind – auch in der Erfahrung von Nacht, oft mitten am Tag.»
Hermann Bruhin in einer Predigt, die er am Sonntag, 15. Oktober, im Kloster Mariazell Wurmsbach in Rapperswil-Jona SG hielt. Der Priester ist Pfarradministrator in Schübelbach SZ. (bal)
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