Erfolgsautor Pierre Stutz | © Andrea Krogmann
Schweiz
Erfolgsautor Pierre Stutz | © Andrea Krogmann

«Verrat an der Menschwerdung Gottes»

Lausanne, 9.12.16 (kath.ch) Mit Empörung reagiert der Theologe und ehemalige Priester Pierre Stutz auf die überarbeiteten Richtlinien zur Priesterausbildung. Diese halten an ihrem Entscheid fest, Männer mit «tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen» nicht zum Priesteramt zuzulassen. Dies sei ein Verrat an der Menschwerdung Gottes, findet Stutz in seinem Gastkommentar.

Mit Empörung erfahre ich, dass die Kongregation für den Klerus in Rom am 8. Dezember 2016 in der neuen Ausbildungsordnung für Priester «Das Geschenk der Berufung zum Priestertum» am Entscheid von 2005 festhält, homosexuelle Männer nicht als Priester zu akzeptieren. Dieser Entscheid ist für mich zutiefst verletzend und diskriminierend. All die Aussagen der letzten Monate, dass homosexuellen Menschen mit Respekt begegnet werden soll, verlieren durch dieses Dokument ihre Glaubwürdigkeit.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass mindestens 25 Prozent der Priester und Bischöfe homosexuell sind, diese Tendenz ist steigend. Ein Teil dieser Priester bekämpft die eigene Homosexualität auch durch homophobe Aussagen, zugleich gibt es einen beachtlichen Teil von schwulen Priestern, die ihre Homosexualität gut integriert haben und sie zum Segen in den vielfältigen Aufgaben der Seelsorge leben. Was für ein Hohn muss es für sie erneut sein, zu erfahren, dass sie nicht erwünscht sind mit ihrer homosexuellen Begabung.

Mein heiliger Zorn ist gross, weil für mich dieser Entscheid ein Verrat an der Menschwerdung Gottes ist. Was ist das für eine Scheinheiligkeit, zu erzählen, dass Gott alle Menschen bedingungslos liebt – die Kernaussage des kommenden Weihnachtsfestes –, wenn zugleich mit unbarmherziger Härte betont wird, dass homosexuelle Menschen sich nämlich in einer Situation befinden, «die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen.» (Nr. 199). Als Theologe und spiritueller Autor, der seit 13 Jahren in seiner Partnerschaft mit einem Mann dankbar das Geschenk der Liebe Gottes erfährt, protestiere ich mit meiner ganzen Kraft gegen diese schamlose Behauptung.

Ich rufe alle Menschen auf, denen der Menschenrechtstag am 10. Dezember 2016 wichtig ist, Einspruch zu erheben, auch Kirchgemeinden und Seelsorgeteams. Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller tut es in seinem soeben erschienenen Buch «Warum ich dennoch in der Kirche bleibe» 25 Jahre lang hat er Priester und Ordensleute im Recollectiohaus der Abtei Münsterschwarzach begleitet. Aufgrund seiner jahrelangen, kompetenten Erfahrung schreibt er: «Gerade die Begegnungen mit schwulen Priestern haben mich gelehrt, dass das, was die offizielle Kirche hier praktiziert, nicht richtig und auch nicht gottgewollt sein kann. Man stelle sich vor, ein so begnadeter geistlicher Schriftsteller wie der Priester Henri Nouwen (…) dürfte nach der gängigen Lehre, zumindest soweit sie vom Vatikan bestimmt wird, nicht zum Priester geweiht werden. Das kann einfach nicht richtig sein, und da kann ich gar nichts anders, als meine Stimme zu erheben und darauf hinzuweisen, dass das nicht in Ordnung ist, dem Menschen und Gott nicht gerecht wird.» Ihm und allen, die sich seit Jahren mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transpersonen und intergeschlechtlichen Menschen glaubwürdig solidarisieren, danke ich von Herzen.


Vatikan überarbeitet Richtlinien zur Priesterausbildung

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